Erweiterte Funktionen

Türkei: Lira wertet trotz Zinsanhebung weiter ab


06.10.20 10:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Aktuelle Entwicklungen: Die türkische Zentralbank hat den Leitzins am 24. September überraschend um 200 Basispunkte auf 10,25% angehoben, so die Analysten der DekaBank.

Die Analysten der DekaBank und die meisten Analysten hätten erwartet, dass die Notenbank unter dem Druck von Staatspräsident Erdogan diesen notwendigen Schritt noch um einen Monat hinauszögern würde. Die Anhebung des Leitzinses erweitere den geldpolitischen Spielraum, doch sie habe keine unmittelbare Bedeutung für die Finanzierungskosten der Banken gehabt, da den Banken Zentralbankliquidität ohnehin zu anderen und teureren Fazilitäten zur Verfügung gestellt worden sei. So habe der durchschnittliche Finanzierungssatz am Tag vor der Zinsentscheidung bei 10,7% gelegen und damit deutlich über dem Leitzins (zu dem Zeitpunkt 8,25%). Der durchschnittliche Finanzierungssatz sei seit Mitte Juli in kontinuierlich angehoben worden, um dem hartnäckigen Inflationsdruck zu begegnen und die Lira (TRY) zu stützen, doch angesichts einer Inflationsrate von 11,8% sei der reale effektive Leitzins weiterhin negativ. Nach der Zinsanhebung sei die Zentralbank bei ihrer Politik geblieben, den durchschnittlichen Finanzierungssatz täglich nur in kleinen Schritten zu erhöhen; mittlerweile liege er bei 11,1%. So sei die Zinsanhebung zwar ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, aber insgesamt bleibe das Vertrauen der Märkte in die Wirtschaftspolitik des Landes gering.

Neben der zögerlichen geldpolitischen Haltung sei dafür vor allem das anhaltende Schrumpfen der Währungsreserven verantwortlich. Diese seien im August um 6,5 Mrd. US-Dollar gesunken, obwohl sich die Zentralbank über Swap-Geschäfte von den Banken 5,5 Mrd. US-Dollar geliehen habe. Die Nettoreserven seien damit um weitere 12 Mrd. US-Dollar gesunken und seien mittlerweile negativ, wenn man von den Bruttoreserven (einschließlich der Goldbestände) in Höhe von 83,7 Mrd. US-Dollar die innerhalb eines Jahres fälligen externen Verbindlichkeiten des Staates (25,6 Mrd. US-Dollar) und die Short-Positionen in US-Dollar-Swaps (58,6 Mrd. US-Dollar) abziehe. Aussagen von Finanzminister Albayrak, dass er den Wechselkurs der Lira nicht besonders beachte, ein schwacher Wechselkurs aber gut für die türkische Exportwirtschaft sei, seien ebenfalls nicht geeignet, das Vertrauen in die Lira zu stärken. Als weiterer Belastungsfaktor für die Stimmung am türkischen Finanzmarkt sei zuletzt der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien hinzugekommen, in dem sich der türkische Präsident Erdogan klar an die Seit Aserbaidschans stelle und damit die Türkei in Konflikt mit Russland bringen könnte, das einen Beistandspakt mit Armenien geschlossen habe.

Perspektiven: Die türkische Wirtschaft dürfte noch für einige Monate unter der Corona-Pandemie leiden, auch wenn die Erholung bereits eingesetzt habe. Die Leistungsbilanz rutsche 2020 wieder deutlich ins Minus. Die Abwertung der Lira verteuere den Schuldendienst auf die Auslandsschulden, wodurch vor allem der Unternehmenssektor getroffen werde.

Länderrisiko: Die hohen Spreads für türkische USD-Anleihen würden ein erhöhtes Maß an Unsicherheit hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit des türkischen Staates signalisieren. Die Staatsschulden seien vergleichsweise gering, doch die hohe Gesamtauslandsverschuldung, die niedrigen Währungsreserven und der wirtschaftspolitische Kurs des Landes würden den Investoren seit Langem Sorge bereiten. Der IWF würde im Falle eines Hilfsprogramms wohl feststellen, dass die öffentliche Verschuldung (rund 40% des BIP) tragbar sei. Eine Restrukturierung wäre daher selbst in diesem Falle eher unwahrscheinlich. Mit einem IWF-Programm wäre eine Abkehr vom unorthodoxen wirtschaftspolitischen Kurs verbunden, weshalb es von den Märkten mit großer Erleichterung aufgenommen würde. Für Präsident Erdogan wäre ein Hilfeersuchen an den IWF allerdings das Eingeständnis seines Scheiterns und erscheine daher nur im Rahmen eines politischen Neuanfangs wahrscheinlich. (06.10.2020/alc/a/a)