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Türkei: Inflation gerät zunehmend außer Kontrolle


03.01.22 15:08
Der Aktionär

Kulmbach (www.anleihencheck.de) - Während in Euroland die Verbraucher über stark steigende Energiepreise und eine Inflationsrate über vier Prozent jammern, gerät die Inflation in der Türkei zunehmend außer Kontrolle, so die Experten von "Der Aktionär" in dem aktuellen Börsen.Briefing.

Im Dezember sei die Inflationsrate dort im Jahresvergleich auf 36(!) Prozent gesprungen. Die Türkische Lira taumele abwärts.

In der Türkei müssten Verbraucher und Unternehmen extreme Anstiege bei den Preisen verkraften, insbesondere für Energie. Die Strompreise für private Haushalte würden um 50 Prozent und für verbrauchsstarke Unternehmen sogar um über 100 Prozent steigen, habe die zuständige Behörde in Ankara mitgeteilt. Zudem würden die Gaspreise dem staatlichen Versorger Botas zufolge um 25 Prozent für Haushalte und um 50 Prozent für industrielle Zwecke steigen.

Verbraucher in der Türkei würden schon seit Monaten unter einer hohen Inflation und einem rapiden Wertverfall der Landeswährung Lira leiden. Im Dezember seien die Preise geradezu explodiert. Im Jahresvergleich sei die Inflationsrate auf 36,08 Prozent gestiegen. Am stärksten hätten sich Lebensmittel und Transport verteuert. Analysten seien von der Stärke des Preisanstiegs überrascht worden. Sie hätten mit gut 27 Prozent gerechnet.

Seit dem Sommer habe sich die Rate mehr als verdoppelt. Getrieben werde der Anstieg der Kosten für die Lebenshaltung zuletzt auch durch höhere Lebensmittelpreise. Allein von November auf Dezember habe die Teuerungsrate 13,6 Prozent betragen.

Die Erzeugerpreise hätten im Dezember sogar um 79,89 Prozent im Jahresvergleich zugelegt. Die Preise, die Produzenten für ihre Waren verlangen würden, dürften mit einiger Verzögerung zumindest teilweise auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Am Devisenmarkt sei die Türkische Lira am Montag erneut unter Druck geraten.

Gegenüber Euro und US-Dollar seien die tiefsten Stände seit Mitte Dezember verzeichnet worden. Eine Lira habe am Montag-Morgen zeitweise nur noch 0,0633 Euro gekostet. Zuletzt habe sich die Lira von ihren Tagestiefen ein wenig erholt. Andersherum sei der Euro mit 15,80 Lira auf den höchsten Stand seit 20. Dezember gestiegen. Erneute Interventionen der türkischen Notenbank zur Stützung der Lira vom Freitag seien verpufft.

Hintergrund der Lira-Krise sei nach Ansicht von Kritikern unter anderem die Einmischung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan in die Geldpolitik der Notenbank. Erst am vergangenen Freitag habe der Präsident erneut seine Niedrigzinspolitik verteidigt und diese unter anderem mit dem Koran begründet. Er habe seine Landsleute zudem dazu aufgefordert, ihre Gold-Ersparnisse in Lira-Festgeld einzutauschen.

Die Opposition habe auf Twitter kritisiert, Erdoğan habe damit jede Hoffnung im neuen Jahr erstickt. Der ehemalige Zentralbankchef und Abgeordnete der oppositionellen Iyi-Partei, Durmus Yilmaz, habe der Regierung vorgeworfen, die Bürger in "tiefe Armut" zu treiben. Er habe vor großen sozialen Problemen infolge von Erdogans Wirtschaftspolitik gewarnt.

Der mit der Inflation einhergehende rasante Kursverfall der Türkischen Lira verteuere die Einfuhren von Gütern in das Land. Hinzu kämen die vergleichsweise hohen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt. Das Land stecke auch deshalb in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, die sich in hoher Arbeitslosigkeit niederschlage.

Mit Material von dpa-AFX (03.01.2022/alc/a/a)