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Türkei: Hohe Gesamtauslandsverschuldung bereitet den Investoren Sorge


08.09.20 12:30
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Corona-Pandemie hat in der türkischen Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen, so Janis Hübner von der DekaBank.

Das Bruttoinlandsprodukt sei im zweiten Quartal um 11,0% gegenüber dem Vorquartal und um 9,9% gegenüber dem Vorjahresquartal gefallen. Obwohl die Anzahl der täglichen Neuansteckungen weiter steige (zuletzt etwa 1.500), halte die Erholung der Wirtschaft an. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe sei im August zwar von 56,9 auf 54,3 Punkte gefallen, doch er sei damit deutlich über der Expansionsmarke von 50 Punkten geblieben. Massive Unterstützung erhalte die Wirtschaft von der starken Ausweitung der Kreditvergabe um zuletzt 37,1% yoy. Diese starke Kreditausweitung sei neben dem Einbruch im Tourismussektor allerdings auch ein wichtiger Treiber für die Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits gewesen: Habe die Leistungsbilanz 2019 noch einen Überschuss von knapp 9 Mrd. US-Dollar ausgewiesen, habe das Defizit in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres bei fast 20 Mrd. US-Dollar gelegen.

Die Verschlechterung der Leistungsbilanz sei ein zusätzlicher Belastungsfaktor für die Türkische Lira, die zudem von einer zu lockeren Geldpolitik und dem massiven Schrumpfen der Nettoreserven der Zentralbank belastet werde. Um die Währung zu stützen, habe die Zentralbank in den vergangenen Wochen den durchschnittlichen Finanzierungssatz kontinuierlich erhöht, indem sie den Banken Liquidität vor allem zu höherverzinslichen Fazilitäten zur Verfügung stelle. Dass sie den Leitzins dabei unverändert bei 8,25% belassen habe, würden die Analysten der DekaBank als Zeichen werten, dass die Notenbank weiterhin stark unter dem Druck von Präsident Erdogan stehe, der ein Verfechter niedriger Zinsen sei.

Sorgen bereiten würden den Finanzmärkten gegenwärtig auch die Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland. Die Türkei nehme im Mittelmeer Erkundungen zur Vorbereitung von Gasförderungen in Gebieten vor, die Griechenland und auch Zypern als ihre jeweilige ausschließliche Wirtschaftszone betrachten würden. Sie würden dabei Unterstützung von ihren EU-Partnern erhalten, die der Türkei mit Sanktionen gedroht hätten, sollte die Türkei die Erkundungen nicht einstellen. Die Analysten der DekaBank würden erwarten, dass es letztlich gelingen werde, die Konfliktparteien zu neuen Gesprächen an einen Tisch zu bringen, doch zunächst seien keine Entspannungssignale zu erkennen.

Unterdessen habe die Türkei Erdgasfunde im Schwarzen Meer bekannt gegeben. Nach bisherigen Schätzungen könnten die Bestände den Gasbedarf der Türkei für sieben bis acht Jahre decken, doch die Erschließung dürfte mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen.

Die türkische Wirtschaft dürfte noch für einige Monate unter der Corona-Pandemie leiden, auch wenn die Erholung bereits eingesetzt habe. Die Leistungsbilanz rutsche 2020 wieder deutlich ins Minus. Die Abwertung der Lira verteuere den Schuldendienst auf die Auslandsschulden, wodurch vor allem der Unternehmenssektor getroffen werde.

Die hohen Spreads für türkische USD-Anleihen würden ein erhöhtes Maß an Unsicherheit hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit des türkischen Staates signalisieren. Die Staatsschulden seien vergleichsweise gering, doch die hohe Gesamtauslandsverschuldung, die niedrigen Währungsreserven und der wirtschaftspolitische Kurs des Landes würden den Investoren seit Langem Sorge bereiten. Der IWF würde im Falle eines Hilfsprogramms wohl feststellen, dass die öffentliche Verschuldung (rund 40% des BIP) tragbar sei. Eine Restrukturierung wäre daher selbst in diesem Falle eher unwahrscheinlich. Mit einem IWF-Programm wäre eine Abkehr vom unorthodoxen wirtschaftspolitischen Kurs verbunden, weshalb es von den Märkten mit großer Erleichterung aufgenommen würde. Für Präsident Erdogan wäre ein Hilfeersuchen an den IWF allerdings das Eingeständnis seines Scheiterns und erscheint daher nur im Rahmen eines politischen Neuanfangs wahrscheinlich. (Ausgabe vom 04.09.2020) (08.09.2020/alc/a/a)