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Tschechische Republik: Zentralbank bereitet geldpolitische Normalisierung vor


09.06.21 12:45
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Tschechische Republik zählte im Winter zu den am stärksten von COVID-19 betroffenen Staaten in der EU, was sich auch an den zuletzt veröffentlichen Zahlen zum Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2021 zeigt, so die Analysten der DekaBank.

Die tschechische Volkswirtschaft sei im Januar-März um 0,3% im Vergleich zum Vorquartal (um 2,1% im Vergleich zum Vorjahr) geschrumpft. Ihre mitteleuropäischen Nachbarn hätten währenddessen trotz der Corona-Restriktionen positive Wachstumsraten im Vergleich zum Vorquartal verzeichnen können. Mit dem Abebben der dritten Corona-Welle und dem Ausrollen der Impfkampagne (ca. 35% der Bevölkerung habe mindestens eine Impfung erhalten) würden die Chancen auf eine solide Erholung im zweiten Quartal steigen, auch wenn die Lieferschwierigkeiten bestimmter Güter wie vielerorts in der EU die Entwicklung dämpfen könnten. Auf eine Erholung deute bspw. auch der Einkaufsmanagerindex im Verarbeitenden Gewerbe hin, der im Mai auf das Allzeithoch von 61,8 Punkten angestiegen sei. Die gesunkenen kurzfristigen Konjunkturrisiken scheinen der Zentralbank mehr Zuversicht zu verleihen, eine baldige Leitzinsanhebung zu planen.

Der derzeitige Inflationsanstieg, zuletzt auf 3,1% im April, sei zwar stark durch die Nicht-Kern-Kategorien wie Lebensmittel, Alkohol, Tabak und Kraftstoffe geprägt, doch auch die Kerninflationsrate liege seit Monaten im oberen Zielbereich der Zentralbank (2%+/-1%). Bei den früheren Sitzungen habe das geldpolitische Komitee vor allem die Gefahren einer zu frühen Leitzinsanhebung angesichts der hohen konjunkturellen Unsicherheit betont, doch im Mai habe sich der Ton geändert und die Analysten würden nun davon ausgehen, dass die erste Leitzinsanhebung um 25 BP auf dann 0,50% bereits im August erfolgen werde. Da die Inflationsdynamik in den kommenden Monaten mit dem Wegfall der Sonderfaktoren und der Normalisierung der pandemiebedingten Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage normalisieren dürfte, würden sie ein langsameres Straffungstempo als 2017 bis 2020 und mit insgesamt nur zwei Leitzinsschritten in diesem Jahr erwarten.

Als kleine offene Volkswirtschaft reagiere die tschechische Volkswirtschaft stark auf die Entwicklung der globalen, insbesondere der europäischen, Konjunktur, was ihr in den kommenden Quartalen einen positiven Schub verleihen dürfte. Zudem würden die Analysten erwarten, dass die Tschechische Republik ab Ende 2021 von den Mitteln des EU-Wiederaufbaufonds als zusätzliche Investitionsquelle profitiere. Die konjunkturellen Effekte dieser Mittel dürfte allerdings zeitlich über die nächsten Jahre gestreckt sein.

Bei den nächsten Parlamentswahlen im Oktober 2021 deute sich ein Machtwechsel an. Zwei zentristische Wahlallianzen (Pirati+Stan und SPOLU) lägen in den Meinungsumfragen vor der ANO-Partei des aktuellen Ministerpräsidenten Babis. Die Position der ANO-Minderheitsregierung sei ohnehin schon sehr fragil, seitdem die Kommunistische Partei ihr die Unterstützung im Parlament entzogen habe. Das von der breiten Opposition angekündigte Misstrauensvotum gegen die ANO-Regierung sei im Juni allerdings gescheitert, sodass Babis bis Oktober im Amt bleiben dürfte.

Die Regierung verfolge einen weitgehend pro-europäischen Kurs und habe im Gegensatz zu Polen oder Ungarn keine massiven Konflikte mit der EU. Von dem wahrscheinlichen Regierungswechsel im Oktober würden keine Risiken für die Bonität Tschechiens ausgehen, selbst wenn sich die Koalitionsbildung schwierig gestalten sollte. Aufgrund der soliden Ausgangslage der Staatsfinanzen stelle die massive Ausweitung des Budgetdefizits in der Corona-Krise kein unmittelbares Risiko für die Bonität des Landes dar. (Emerging Markets Trends Juni 2021) (09.06.2021/alc/a/a)