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Tschechische Republik: Coronavirus hinterlässt tiefe Spuren


07.07.20 11:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der Tschechischen Republik wurden bereits Mitte März Lockdown-Maßnahmen verhängt, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, was zu einem Einbruch der Inlandsnachfrage geführt hat, so die Analysten der DekaBank.

Hinzu sei die Entscheidung vieler Automobilproduzenten gekommen, ihre europäischen Produktionskapazitäten vorübergehend stillzulegen. Bereits im ersten Quartal sei das BIP um 3,4% gegenüber dem Vorquartal (2,0% yoy) eingebrochen. Im zweiten Quartal, insbesondere im April, dürfte der Einbruch noch ausgeprägter gewesen sein, gefolgt von einer Erholung im Gleichlauf mit Deutschland mit der zunehmenden Lockerung der COVID-19-Maßnahmen. Die Regierung habe fiskalische Maßnahmen wie Steuererleichterungen, Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen oder eine Kurzarbeiterregelung im Umfang von 4,9% des BIP sowie ein Kreditgarantieprogramm angekündigt.

Auch die Geldpolitik habe auf den wirtschaftlichen Einbruch reagiert. Der Leitzins, der noch im Februar auf 2,25% angehoben worden sei, sei innerhalb weniger Wochen auf 0,25% gesenkt worden. Doch im Juni habe die Zentralbank das Leitzinsniveau unverändert gelassen und auf die Risiken eines Nullzinses für das Finanzsystem hingewiesen. Dies dürfte zum Teil auf die negative Überraschung bei der Kerninflation zurückzuführen sein, die im Mai auf 3,3% angestiegen sei, obwohl die Gesamtinflation auf 2,9% und damit in den Zielbereich der Zentralbank zurückgegangen sei. Die Tschechische Zentralbank setze bislang im Gegensatz bspw. zu Polen oder Ungarn keine quantitative Lockerung in Form von Staatsanleihekäufen oder andere unkonventionelle Instrumente ein.

Angesichts der notorisch zu hohen Inflationsraten reagiere die Zentralbank somit auf die gegenwärtige Krise konservativer als andere mitteleuropäische Zentralbanken und auch konservativer, als es nach der europäischer Schuldenkrise 2013 bis 2016 in Tschechien der Fall gewesen sei. Damals habe die Tschechische Zentralbank nicht nur den Leitzins fast auf Null (0,05%) gesenkt, sondern auch eine Wechselkursuntergrenze eingeführt, um die Inflation anzukurbeln. Die Analysten würden davon ausgehen, dass die aktuelle Erholungsbewegung aufgrund der immer wieder aufflackernden Corona-Herde holprig verlaufen werde und die Inflationsdynamik in den kommenden Monaten dämpfe, weshalb sich die Zentralbank dann im Herbst den finalen Schritt auf 0,05% leisten könne. Eine quantitative Lockerung würde nur als Notfallinstrument im Falle extremer Turbulenzen am Staatsanleihenmarkt zum Einsatz kommen.

Als kleine offene Volkswirtschaft mit einem hohen Industrieanteil spüre die Tschechische Republik den globalen Konjunktureinbruch aufgrund der Corona-Pandemie unmittelbar. Hinzu kämen längerfristige Belastungen, wie die strukturellen Probleme der deutschen Automobilindustrie, die die auch nach dem Ende der akuten Phase der Corona-Krise das Wachstumspotenzial dämpfen dürften. Die möglichen US-Zölle gegen die EU-Automobilindustrie würden ein Risiko für die Konjunkturentwicklung darstellen. Auf der anderen Seite könnte die Tschechische Republik je nach der finalen Ausgestaltung des EU-Aufbaufonds von zusätzlichen Investitionsquellen profitieren.

Die Regierung verfolge einen weitgehend pro-europäischen Kurs und habe im Gegensatz zu Polen oder Ungarn keine massiven Konflikte mit der EU. Aufgrund der soliden Ausgangslage der Staatsfinanzen stelle die massive Ausweitung des Budgetdefizits in der Corona-Krise kein unmittelbares Risiko für die Bonität des Landes dar. Der starke Anstieg der Immobilienpreise 2018 bis 2019 werde durch die makroprudenziellen Regelungen und die vergleichsweise geringe Verschuldung der privaten Haushalte aufgewogen, sodass sich daraus auch in der aktuellen Krise kein systemisches Risiko ergeben dürfte. (Ausgabe vom 03.07.2020) (07.07.2020/alc/a/a)