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Tschechen: Normalisierung der Geldpolitik eingeläutet


15.09.17 08:50
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die tschechische Wirtschaft boomt, so die Analysten der DekaBank.

Getragen in erster Linie von den starken Investitionen und dem soliden privaten Konsum sei das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um sensationelle 2,5% gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Auch die 4,7% gegenüber dem Vorjahr könnten sich sehen lassen und hätten deutlich oberhalb der Erwartungen gelegen. Die Analysten der DekaBank gehen nicht davon aus, dass dieses Expansionstempo im weiteren Jahresverlauf aufrechterhalten werden kann, da sich sowohl in der Industrieproduktion als auch in den Einkaufsmanagerindices bereits eine Verlangsamung abzeichnet, und haben ihre BIP-Prognose für 2017 dementsprechend "nur" von 3,0% auf 4,1% revidiert.

Die Wirtschaftsdynamik setze die Zentralbank bei der Normalisierung der Geldpolitik unter Druck, zumal auch die Inflationsrate mit zuletzt 2,5% in der oberen Hälfte des Toleranzbandes von 2% +/-1 Pp. liege. Als ersten Schritt auf dem Weg der Normalisierung der ultralockeren Geldpolitik habe Tschechien bereits im Frühjahr 2017 die Wechselkursuntergrenze der Tschechischen Krone (CZK) gegenüber dem Euro von 27 aufgegeben. Nach anfänglichen Schwankungen habe die tschechische Währung seitdem um ca. 4% gegenüber dem Euro aufgewertet. Der weitere Schritt sei die Leitzinsanhebung im Juli gewesen, von 5 auf nun 25 Bp. In ihrem dazugehörigen Statement habe sich die Zentralbank zwar recht dovish gezeigt, was für ein sehr gemächliches Normalisierungstempo sprechen würde.

Seitdem hätten die Wirtschaftsdaten allerdings tendenziell nach oben überrascht. Zudem sei eine weitere Aufwertung der Krone gegenüber dem Euro, die man aufgrund der Ausweitung der Zinsdifferenz habe erwarten können, bislang ausgeblieben. Es seien vor allem die Gewinnmitnahmen, die dem Aufwärtstrend in dem stark überkauften Markt schnell wieder ein Ende bereiten würden, sobald sich die Krone stärker zeige. Sollte der Wechselkurs der Tschechischen Krone unverändert bei über 26 EUR/CZK verharren, dürfte der nächste Zinsschritt im November erfolgen, wenn es mehr Klarheit über die Tapering-Pläne der EZB gebe.

Solide Binnennachfrage und der neue EU-Investitionszyklus würden das Wachstum unterstützen. Der Diesel-Skandal stelle zwar aufgrund des hohen Anteils der Automobilindustrie theoretisch ein Risiko für die Konjunkturentwicklung dar, seine Auswirkungen würden allerdings bislang gering bleiben. Vor den im Oktober 2017 stattfindenden Parlamentswahlen führe die populistische ANO-Partei ("Aktion unzufriedener Bürger") in den Umfragen. Gegen ihren Vorsitzenden, Millionär Andrej Babis, würden allerdings aktuell Ermittlungen wegen Missbrauchs von EU-Strukturmittel laufen, seine Immunität sei vom Parlament in diesem Zusammenhang aufgehoben worden. Im Mai habe Babis bereits sein Finanzministerposten wegen Verdachts auf Steuerbetrug und Beeinflussung der Medien aufgeben müssen. Es sei noch nicht erkennbar, dass die Vorwürfe Babis' Popularität nachhaltig schaden würden, die Koalitionsbildung dürfte sich nach den Wahlen je nach Ermittlungsausgang jedoch schwierig gestalten.

Tschechiens Länderrating im oberen Einfach-A- bzw. unteren Doppel-A-Bereich der großen Ratingagenturen sei seit Jahren unangetastet bei stabilem Ausblick. Solide Staatsfinanzen und der zuletzt registrierte Budgetüberschuss sprächen für die konservative Fiskalpolitik. Gutes Wirtschaftswachstum, ein solides Bankensystem und die Position als Netto-Kreditgeber ans Ausland würden aus Risikosicht wenig Anlass zur Sorge geben. Die Staats- und Bruttoaußenverschuldung lägen mit 40% bzw. 77% im komfortablen Bereich. Demographie und schwaches Produktivitätswachstum würden das Wachstumspotenzial begrenzen, aber die stabilitätsorientierte Politik sichere dem Land ein solides Investment Grade Rating im A-Bereich. (Ausgabe vom 13.09.2017) (15.09.2017/alc/a/a)