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Trotz Corona-Krise: Renditeerwartungen von Anlegern bleiben überhöht


14.09.20 11:00
Schroders

London (www.anleihencheck.de) - Viele Anleger weltweit sind optimistisch und erwarten in den nächsten fünf Jahren durchschnittliche Gesamtrenditen (Erträge plus Kapitalzuwachs) von über 10 Prozent pro Jahr - ungeachtet der Unsicherheit infolge von Covid-19, so die Experten von Schroders.

Das sei ein Ergebnis der Schroders Global Investor Study 2020. Überraschend: Die durchschnittliche Renditeerwartung für die nächsten fünf Jahre habe sich laut der Studie weltweit sogar geringfügig erhöht - und zwar auf 10,9 Prozent (2019: 10,7 Prozent).

Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt seien Investoren aus Deutschland und Österreich bei den von ihnen prognostizierten Renditen zwar vergleichsweise zurückhaltend: In Deutschland betrage die durchschnittliche Renditeerwartung über die kommenden fünf Jahre 8,4 Prozent, während der Wert für Österreich mit 8 Prozent noch etwas darunter liege. Dennoch seien auch diese Prognosen ambitioniert - gerade vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Eintrübungen infolge der Corona-Krise.

Kurzfristiger betrachtet sehe das Bild etwas anders aus: Für die nächsten zwölf Monate hätten die globalen Anleger ihre Erwartungen zurückgeschraubt und würden mit 8,8 Prozent Rendite rechnen (2019: 10,3 Prozent). Für deutsche Investoren sei hier ein aktueller Wert von 8,4 Prozent ermittelt worden, für österreichische Anleger von 7,2 Prozent.

Die insgesamt optimistische Einstellung zur Rendite könnte unter anderem dadurch entstanden sein, dass nur 6 Prozent der befragten globalen Anleger davon ausgehen würden, dass sich die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 mehr als vier Jahre lang bemerkbar machen würden. Tatsächlich würden nur 21 Prozent erwarten, dass diese länger als zwei Jahre zu spüren sein würden. In Deutschland seien 7 Prozent und in Österreich 10 Prozent der Ansicht, dass die Corona-Krise volkswirtschaftlich mehr als vier Jahre andauere. Von einer längeren Dauer als zwei Jahre würden in Deutschland 25 Prozent und in Österreich 31 Prozent ausgehen. Somit würden deutsche und österreichische Investoren insgesamt etwas längerfristige ökonomische Beeinträchtigungen durch die Pandemie als der globale Durchschnitt erwarten.

Die Auswirkungen der Corona-Krise hätten viele Anleger veranlasst, die Zusammensetzung ihrer Investmentportfolios erheblich zu verändern: 28 Prozent der weltweit befragten sowie jeweils 31 Prozent der deutschen wie auch der österreichischen Investoren hätten angegeben, dass sie in erheblichem Umfang Mittel in risikoärmere Anlagen umgeschichtet hätten. Weitere 25 Prozent der globalen, 28 Prozent der deutschen und 26 Prozent der österreichischen Anleger hätten gesagt, dass sie zumindest einen Teil ihres Portfolios in risikoärmere Investments verlagert hätten.

Auf der anderen Seite hätten 20 Prozent aller Befragten bestätigt, dass sie die Gelegenheit genutzt hätten, um Teile ihrer Portfolios in Investments mit hohem Risiko zu verlagern. In Deutschland mit 28 Prozent sowie in Österreich mit 21 Prozent sei sogar eine noch höhere Risikobereitschaft gemessen worden.

Rupert Rucker, Head of Income Solutions bei Schroders: "Aus unserer Sicht ist klar, dass die Auswirkungen von Covid-19 in den kommenden Jahren erheblich sein werden und Volkswirtschaften, die Finanzmärkte, aber auch Bereiche beeinflussen werden, die darüber hinausgehen. Auch wenn viele die Pandemie als den ultimativen schwarzen Schwan - also als ein umwälzendes, schwer vorherzusagendes Ereignis - ansehen, müssen wir uns gerade jetzt mehr denn je an unsere Anlagegrundsätze halten.

Das ist zwar leichter gesagt als getan. Aber wir müssen die Störgeräusche ausblenden und uns darauf konzentrieren, langfristig ausgewogene Investments beizubehalten. Umso wichtiger ist dies in der aktuellen Phase weltweit sehr niedriger Zinsen. Für uns bei Schroders steht daher im Fokus, Anleger und Kunden zu unterstützen, damit sie mit dieser anhaltenden Unsicherheit zurechtkommen, um letztlich ihren zukünftigen Wohlstand zu sichern."

Auch die Ersparnisbildung habe die Covid-19-Krise stärker in den Vordergrund gerückt: Fast jeder zweite der weltweit befragten Anleger (49 Prozent) habe angegeben, dass er sich jetzt mindestens einmal pro Woche Gedanken über seine Kapitalanlagen mache. Vor der Pandemie seien es nur 35 Prozent gegeben. Hierzulande dagegen stehe das Thema weniger stark im Fokus. In Deutschland würden sich nur 31 Prozent der Investoren wöchentlich entsprechende Gedanken machen, in Österreich sogar lediglich 24 Prozent.

Für Deutschland und Österreich habe die Schroders Global Investor Study zudem ermittelt, für welche Anlageklassen Investoren nach dem Markteinbruch infolge der Corona-Krise die besten Chance-Rendite-Verhältnisse erwarten würden. Über die kommenden zwölf bis 18 Monate sähen Anleger aus beiden Staaten hierbei globale Aktien an erster Stelle, gefolgt von europäischen Aktien. Während in Deutschland Aktien aus Schwellenländern den dritten Platz belegt hätten, seien dies in Österreich Staatsanleihen gewesen - was Ausdruck einer stärkeren Sicherheitsorientierung sein könnte.

Global hätten mehr als zwei Drittel (67 Prozent) der Befragten, die sich in Bezug auf ihre Anlagekenntnisse als "fortgeschritten" oder "sachkundig" bezeichnen würden, angegeben, dass sie sich durch einen kurzzeitigen Wertverlust ihrer Kapitalanlagen nur wenig oder gar nicht beunruhigen lassen würden. Unter Investoren in Deutschland habe der hierfür gemessene Wert sogar bei 83 Prozent und in Österreich bei 77 Prozent gelegen. Das zeige: Anleger mit Erfahrung würden wissen, wie Zeiten der Unsicherheit am besten bewältigt werden könnten.

Bemerkenswerterweise habe weltweit eine Mehrzahl der Anleger (68 Prozent) angegeben, dass es in ihrer eigenen Verantwortung liegen sollte, sicherzustellen, dass sie über ausreichende Kenntnisse in Finanzangelegenheiten verfügen würden - gefolgt von Finanzdienstleistungsanbietern, Beratern und Schulen. Ebenfalls in Deutschland und Österreich würden jeweils 68 Prozent sich selber als hauptsächlich verantwortlich dafür erachten, Finanzwissen zu erlangen.

Dass es Aufgabe der Schulen sei, Kenntnisse über persönliche Finanzangelegenheiten zu vermitteln, hätten 51 Prozent aller befragten Investoren gefunden. Dieser Wert habe für Deutschland bei 53 Prozent und für Österreich bei 54 Prozent gelegen. Tatsächlich aber hätten global nur 40 Prozent, in Deutschland 44 Prozent und in Österreich lediglich 28 Prozent der Anleger angegeben, dass sie sich ihre Finanzkenntnisse in der Schule angeeignet hätten. Das zeige nicht nur den Wunsch nach einer Einweisung in Finanzangelegenheiten durch Bildungseinrichtungen, sondern zeige auch einen möglichen Mangel im Bildungswesen. Ähnlich große Beratungslücken bestünden ebenfalls bei staatlichen Stellen und Aufsichtsbehörden.

Beachtliche 25 Prozent der globalen Anleger hätten zudem gesagt, dass bei der Verwendung ihres verfügbaren Einkommens die Altersvorsorge oberste Priorität habe. Dies liege deutlich über dem vor drei Jahren ermittelten Anteil von 10 Prozent und zeige, dass das Bewusstsein für die Bedeutung der Altersvorsorge zunehme. Ebenfalls in Deutschland rangiere die Altersvorsorge auf dem ersten Platz der Kapitalverwendung, 23 Prozent hätten sie als oberste Priorität angegeben. In Österreich dagegen hätten nur 14 Prozent diese Einschätzung geäußert. Hier hätten Themen wie Anlage in andere Investmentformen, die Hinterlegung auf Bankkonten oder eine Bedienung von Schulden aus Sicht der beteiligten Anleger eine größere Rolle gespielt.

Achim Küssner, Geschäftsführer der Schroder Investment Management (Europe) S.A., German Branch: "Die für Deutschland und Österreich gemessenen Ertragserwartungen liegen zwar unterhalb des sehr ambitionierten globalen Durchschnitts. Doch unsere Studie macht deutlich: Auch in Deutschland und Österreich gehen Investoren von unrealistisch hohen jährlichen Wertentwicklungen aus. Dies ist umso bedenklicher, als dass gleichzeitig die Altersvorsorge ein zentrales Anlageziel darstellt. Somit droht im Ruhestand eine Einkommenslücke, die nur sehr schwer wieder zu schließen ist." (14.09.2020/alc/a/a)