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Tauziehen zwischen realen und nominalen Zinsen zu erwarten


09.09.20 10:45
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Zu beurteilen, wie sich die langfristigen Zinssätze im Zuge der Änderung der geldpolitischen Strategie der US-Notenbank FED entwickeln werden, ist die größte Herausforderung für Anleihen-Anleger auf der ganzen Welt, hierauf verweist Peter De Coensel, Chefanlagestratege für Anleihen bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

Von Jackson Hole aus hat uns FED-Präsident Powel gelehrt, dass die Entwicklung hin zu einem "flexiblen durchschnittlichen Inflationsziel" im Wesentlichen bedeutet, dass sich die Inflationsbandbreite erweitert, und zwar um den Mittelwert von 2%, so die Experten von DPAM. In dem Moment, in dem der Index der persönlichen Verbrauchsausgaben (Personal Consumption Expenditure, PCE) in den USA die 2% überschreite, werde die FED demnach nicht versuchen, ihre Leitzinspolitik zu ändern bzw. zu straffen.

Ausgehend von der strukturellen Unterschreitung der Inflationsmarke von 2% in den letzten acht Jahren sollte man darauf hoffen, dass sich eine zukünftige Überschreitung des 2%-Niveaus über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren erstrecke. Dies wäre das optimale Szenario. Es könnte durchaus sein, dass die FED und die US-Regierung angesichts des strukturellen demografischen und produktivitätsbedingten Gegenwinds zu einem unkonventionelleren Einsatz von Instrumenten in den Jahren 2020 und 2021 gedrängt würden, um das allgemeine Preisniveau anzuheben. Die FED werde ihre Bilanz weiter ausweiten müssen, damit die Fiskalpolitik die Nachfrage und die öffentlichen bzw. privaten Investitionen stützen könne. Könne man sagen, dass dieses erneuerte Mandat Probleme für Anleihen-Investoren mit sich bringe? Sogar große Probleme, denn Inflationsraten von deutlich über 2% dürften eine Baisse auf dem Anleihenmarkt auslösen und das reale Kapitalwachstum in allen US-Anleihensektoren destabilisieren.

Man könne durchaus sagen, dass die aktuelle Kurve für den US-Overnight-Index-Swap keinen Zweifel daran lasse und zeige, dass die US-Leitzinsen im Jahr 2030 bei etwa 0,50% und in den nächsten fünf Jahren unverändert bleiben würden.

Unterdessen rechne Peter De Coensel mit keinem Bärenmarkt bei nominalen Anleihen. Während Käufer in der Vergangenheit große institutionelle Anleger auf der ganzen Welt gewesen seien, sei es jetzt die FED. Das Wort "Flexibilität" halte die nominalen Zinssätze innerhalb bestimmter Bandbreiten. Mit einem FED-Zinssatz, der an der Nullgrenze verankert sei, könnte man wieder etwas mehr Aufwärtsdruck sehen, jedoch keinen aggressiven Anstieg der langfristigen Zinssätze. Wir sind mindestens zwei, vielleicht drei Jahre davon entfernt, das globale Niveau von Ende 2019 zu erreichen, so die Experten von DPAM. Die Flexibilität der quantitativen Lockerung werde dafür sorgen, dass die Laufzeitprämien niedrig bleiben würden. Steigende Inflationserwartungen würden sich in stabilen bzw. niedrigeren Realzinsen niederschlagen. Erwarten Sie ein Tauziehen zwischen Real- und Nominalzinsen, einen Konkurrenzkampf, der das Exposure in realen gegenüber nominalen Zinssätzen begünstigt, so die Experten von DPAM.

Die aktuelle Einschätzung des DPAM-Anleiheexperten lasse sich folgendermaßen zusammenfassen:

Der Regimewechsel in der geldpolitischen Strategie der FED sei ein Weckruf für globale Anleiheninvestoren. Er dürfte das Interesse für inflationsgebundene Staatsanleihen in allen Regionen ankurbeln. Modellportfolios seien geneigt, ihre Allokationsraster entsprechend anzupassen.

Die Kaufprogramme der Zentralbanken würden die Inflationserwartungen heben und gleichzeitig den Anstieg der Nominalzinsen bremsen. Vor allem, wenn die Leitzinsen in den nächsten drei Jahren an der unteren Nulllinie bleiben sollten. Im besten Fall hätten die Realzinsen Spielraum, tiefer in den negativen Bereich zu fallen. Im schlechtesten Fall würden sie stabil bleiben oder langsamer als die Nominalzinsen steigen. (09.09.2020/alc/a/a)