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Stimmung ist schlechter, als es die harten Daten rechtfertigen


07.11.19 14:39
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - "Die Konjunkturelle Abschwächung setzt sich fort." Mit dieser Aussage übertitelt das Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) die jüngste Einschätzung der österreichischen Wirtschaft, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Die Abschwächung zeige sich vor allem in der Industrie und im Bausektor, während die Dynamik in Konsum und Dienstleistungen weiterhin robust verlaufe. Österreich spiegele somit - als offene kleine Volkswirtschaft wenig überraschend - die internationalen Trends gut wider. Allerorten sei das erwähnte Auseinanderklaffen von schwachem Industriebereich und robustem Dienstleistungssektor zu beobachten. Die Industrie leide vor allem unter dem Handelskonflikt, während Dienstleistungen und Konsum von der guten Beschäftigungslage profitieren würden. Wie werde sich die Lücke schließen? Erholung der Industrie oder Absacken der Dienstleistungen? Diese Frage werde wohl in Washington und Peking entschieden werden, denn der Handelskrieg gelte als größter Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft und somit auch als wesentlicher Grund für die Zurückhaltung bei den Ausrüstungsinvestitionen.

Eine andere Ungereimtheit sei weniger stark präsent, nämlich jene zwischen "weichen" Umfragedaten und "harten" Wirtschaftsdaten. Dabei zeige sich: Die Stimmung sei schlechter, als es die harten Daten rechtfertigen würden. Beispiel: Die US-Industrieproduktion (Kategorie: harte Daten) wachse zwar nicht mehr, falle aber auch nicht. Die dazu passende Umfrage, der ISM-Index, liege jedoch auf dem tiefsten Niveau seit dem Rezessionsjahr 2009. In den letzten Jahren sei es oft so gewesen, dass die Realität den negativen Erwartungen der Befragten nicht vollumfänglich gefolgt sei.

Der Aktienmarkt dürfte auch diesmal eine solche Entwicklung antizipieren - angesichts von Kursen nahe der Jahreshochs. Dass zyklische Aktien zuletzt deutlich besser gelaufen seien, sei auch als Zeichen der Zuversicht zu verstehen. Für eine abschließende Bestätigung fehle allerdings eine Stabilisierung bzw. Erholung relevanter Indikatoren sowie Klarheit bezüglich des Handelskonfliktes. Wobei es nicht unwahrscheinlich sei, dass das kommende (Wahl-)Jahr zumindest zu Letzterem eine "Lösung" parat halte, die zumindest der amerikanische Präsident als solche verkaufen werde.

Die US-Notenbank befinde sich nach Meinung der Experten mitten im Zinssenkungsmodus. Sie möchte damit in erster Linie negativen Effekten aus dem Handelskonflikt mit China vorbeugen. Zuletzt sei die US-Zinskurve (10-jährig - 2-jährig) deutlich angestiegen und nun wieder positiv. Die Hinweise seien noch vage, aber eine US-Rezession inklusive lauter geldpolitischer Begleitmusik scheine in den kommenden zwölf Monaten möglich. Die Experten würden US-Anleihen positiv bewerten und eine steilere US-Zinskurve erwarten.

Euro-Unternehmensanleihen würden weiterhin wesentlicher Baustein für Anleger bleiben. Vor allem mit dem Beginn der monatlichen Anleihekäufe durch die EZB (EUR 20 Mrd. ab Ende Okt./Anfang Nov. 2019) würden die Experten davon ausgehen, dass Euro-Investmentgrade-Anleihen und Anleihen mit guten High Yield-Bonitäten zu den größeren Profiteuren zählen würden. Im Euro-High-Yield-Segment würden die Experten in den kommenden Monaten ein moderates Ansteigen der Ausfallsrate und ein dadurch bedingtes negativeres Sentiment erwarten.

Die Datenlage in den Emerging Markets habe sich zuletzt zwar nicht verbessert, aber zumindest auf niedrigem Niveau stabilisiert. So würden etwa die Einkaufsmanager Indices für die Schwellenländer keinen weiteren Verfall anzeigen und in einigen Regionen sogar leichte Aufwärtstendenzen. Die Experten würden - ähnlich der Entwicklung der realen US-Zinsen - mit moderat niedrigeren Risikoprämien für Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen rechnen.

Die entwickelten Aktienmärkte hätten sich in den letzten Wochen von ihrer freundlichen Seite präsentiert. Unterstützung komme dabei unverändert von den internationalen Notenbanken, auch die politischen Risiken seien (zumindest kurzfristig) etwas in den Hintergrund getreten. Der Blick auf die Fundamentaldaten sorge weiterhin für Ernüchterung. Die Gewinnwachstumsraten für das Jahr 2019 seien mittlerweile nur mehr leicht positiv und die Gewinnrevisionen seien unverändert negativ. In Summe zeige sich ein uneinheitliches Bild.

Emerging-Markets-Aktien hätten sich seit August stabilisieren und die entwickelten Märkte leicht outperformen können. Trotzdem würden Schwellenländer-Aktien im Jahr 2019 eindeutig zu den relativen Verlierern im Spiel der Kräfte der globalen Aktienmärkte gehören. Verantwortlich dafür sei die äußerst schwache Entwicklung des globalen Verarbeitenden Gewerbes, das von Natur aus einen größeren Niederschlag bei Aktien aus den Emerging Markets finde. Die Gewinnentwicklung, insbesondere im asiatischen Raum, scheine einen Boden auszubilden. Daher könnten sich schon bald neue Chancen entwickeln.

Die internationalen Rohstoffmärkte würden sich in den letzten Monaten seitwärts ohne klaren Preistrend bewegen. Politischen Risikofaktoren stünden schwächere Nachfrageaussichten (schwächere Konjunkturdaten in den letzten Monaten) gegenüber. Im Bereich der Edelmetalle hätten sich die Zuflüsse fortgesetzt. Der Richtungsschwenk der internationalen Notenbanken unterstütze hier maßgeblich. (07.11.2019/alc/a/a)