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Steigende US-Zinsen - Ein Balanceakt zwischen Aufwind und Absturz


06.06.18 12:53
J.P. Morgan Asset Management

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Normalisierung der Geldpolitik durch die US-Notenbank (FED) sorgt auf den Finanzmärkten weiterhin für Verunsicherung, so die Experten von J.P. Morgan Asset Management

"Die US-Notenbank hat die heikle Aufgabe, die geldpolitische Unterstützung der Wirtschaft zu reduzieren ohne die Konjunktur zum Absturz zu bringen, und gleichzeitig ein Zinsniveau zu finden, das die Inflationsrisiken im Zaum hält. Bei einem weltweiten Schuldenberg von inzwischen 60 Billionen US-Dollar ist dies ein Balanceakt. Das Risiko, dass Börse und Wirtschaft abstürzen könnten, schwingt immer mit", erläutere Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Auch das Ausland schaue mit einer gewissen Besorgnis auf die FED, denn die Verschuldung in US-Dollar außerhalb der USA habe sich seit 2000 fast verfünffacht.

Sechs Leitzinserhöhungen der Federal Reserve seit Dezember 2015, dazu der monatliche Abbau des Staatsanleihebestands von aktuell 30 Milliarden US-Dollar und der jüngste Renditeanstieg der 10-jährigen US-Staatsanleihen auf über drei Prozent - all dies habe die Finanzmärkte verunsichert. Immer wieder tauche die Frage auf, ob die US-Wirtschaft eine derart restriktive Geldpolitik verkraften könne, und ab wann die hohen Zinsen ein Problem für den Aktienmarkt würden.

Tilmann Galler gebe Entwarnung: "Bislang haben die steigenden Zinsen kaum negative Folgen auf die US-Wirtschaft, das Wachstum hält weiter an", sage der Kapitalmarkt­stratege. "Wenn wir den Blick auf den Konsumenten richten, ist der Effekt gering. Die US-Haushalte besitzen dreimal mehr Vermögensanlagen, die von steigenden Zinsen profitieren, als Verbindlichkeiten - so sollte der Nettozinseffekt kurzfristig sogar positiv sein. Das Wachstum auf dem Immobilienmarkt dürfte sich jedoch aufgrund gestiegener Finanzierungskosten verlangsamen."

Auch für US-Unternehmen bedeute der Zinsanstieg eine Verteuerung der Finanzierungskosten. Diese würden jedoch erst langsam zu spüren sein: "Zwei Drittel aller Verbindlichkeiten von Nicht-Finanzunternehmen haben einen festen Zinssatz, während nur ein Drittel variabel verzinst sind", erkläre Galler. "Für fast 70 Prozent der ausstehenden Schulden werden die höheren Zinsen also erst am Tag der Refinanzierung relevant. Die Anfang 2018 in Kraft getretene Reform zur Senkung der Unternehmenssteuern in den USA dürfte 2018 überwiegend positive Effekte für die US-Firmen mit sich bringen. Die Senkung des Steuersatzes von 35 auf 21 Prozent, die Rückkehr der im Ausland geparkten Gelder und die steuerliche Förderung von Investitionen sollten die Investitionsfreude der Unternehmen trotz höherer Zinsen ansteigen lassen."

Die Aussicht auf eine weiterhin erfreuliche Ertragslage der Unternehmen würden Aktien trotz schrumpfendem Bewertungsvorteil gegenüber Anleihen attraktiv erscheinen lassen. Nach Ansicht von Tilmann Galler stelle sich jedoch die Frage, ab welchem Zinsniveau es für die Aktienmärkte gefährlich werden könnte. "Die Erfahrung seit den 80er Jahren ist, dass steigende Anleihenrenditen mit steigenden Aktienerträgen verbunden sind, solange die Rendite der 2-jährgen US-Staatsanleihen unter 3,7 Prozent liegt", erkläre Galler. "Nach diesem Maßstab sind wir heute mit einer Rendite von 2,5 Prozent noch ein gutes Stück vom kritischen Bereich entfernt." Der Experte weiter: "Nach dem signifikanten Anstieg der US-Dollar-Verbindlichkeiten in den vergangenen Jahren ist es jedoch wahrscheinlich, dass die kritische Zinsschwelle in diesem Zyklus wohl etwas niedriger ausfällt als in der Vergangenheit, wenn auch höher als der aktuelle Zins." (06.06.2018/alc/a/a)