Erweiterte Funktionen

Steht die Inflation kurz vor einem Comeback?


04.02.21 11:00
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Immer wieder warnen die Medien davor, dass die Inflation kurz vor einem Comeback steht, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager, und Tobias Burggraf, Junior Portfolio Manager bei ETHENEA.

So würden auch aktuell nochmal dunkle Erinnerungen an die Hyperinflation der 1920er Jahre geweckt. Aber sei die Angst vor einer Inflation generell oder gar in diesem Ausmaß wirklich berechtigt?

Wenn man sich die Stimmung am Markt anschaue, so scheine dieser zumindest einen Anstieg der Inflation zu antizipieren. Die marktbasierten Inflationserwartungen in Form von fünfjährigen Forward-Inflationsswaps (also die durchschnittliche Inflationserwartung über fünf Jahre, beginnend in fünf Jahren) und zehnjährigen "Break-Even"-Inflationsraten hätten kürzlich ein Zweijahreshoch erreicht.

Tatsächlich hätte ein starker Anstieg der Inflationsrate dramatische Folgen. Bereits jetzt würden US-Staatsanleihen und rund ein Drittel der auf US-Dollar lautenden Investment-Grade-Anleihen nach Abzug der Inflation im Negativbereich notieren. Ein großer Teil der Unternehmen werde also für die Aufnahme von Schulden bezahlt. Gleichzeitig erhöhe sich für Anleger dadurch aber auch das Risiko. Wenn die Inflation anziehe, würden langfristig auch die Renditen wieder steigen. Für Besitzer von Anleihen wäre das fatal, denn gerade bei den niedrigverzinslichen Titeln wäre dann mit drastischen Kursverlusten zu rechnen. Dem würden die Zentralbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik derzeit noch entgegenzuwirken versuchen, doch es würden bereits erste Stimme laut, welche die Effektivität der Maßnahmen infrage stellen würden.

Kurzfristig scheine tatsächlich einiges für einen Anstieg der Verbraucherpreise zu sprechen. Schuld daran seien vor allem eine Reihe technischer Effekte. Der Ölpreis habe im März und April des vergangenen Jahres noch nie dagewesene Tiefstände erreicht. Davon habe er sich mittlerweile wieder erholt. Da die Inflationsrate aber als prozentuale Veränderung des Preisniveaus gegenüber dem Vorjahreszeitraum berechnet werde, werde dieser "Basiseffekt" rein rechnerisch für spürbaren Inflationsdruck sorgen. Selbst wenn man den Ölpreis aus der Inflation herausrechne und sich nur auf die Kerninflation beschränke, könnte er aufgrund steigender Produzentenpreise über Umwege den Verbraucher erreichen.

Außerdem seien Mitte letzten Jahres in vielen Ländern die Mehrwertsteuersätze zur Ankurbelung des Konsums gesenkt worden, auch in Deutschland. Die niedrigeren Steuersätze scheinen zumindest in Teilen an die Endverbraucher weitergegeben worden zu sein, so die Experten von ETHENEA. Während dadurch der Preisauftrieb gedämpft worden sei, sollten mit der Rückkehr zu den alten Regelsätzen zum Jahresbeginn die Verbraucherpreise nun wieder Auftrieb bekommen.

Seit Anfang dieses Jahres werde zudem im Rahmen der CO2-Steuer für Hersteller und Anbieter von Waren und Dienstleistungen eine Abgabe von 25 Euro je Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entstehe. Würden diese zusätzlichen Kosten auf die Käufer umgelegt, würden klimaschädliche Waren und Dienstleistungen teurer werden und die Inflation steigen. Schließlich könnte sich die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns von 9,35 Euro auf 9,50 Euro und im Juli dieses Jahres auf 9,60 Euro kurzfristig positiv auf die Entwicklung der Inflation auswirken.

Darüber hinaus solle eine expansive Fiskal- und Geldpolitik die Inflation zusätzlich anschieben. Die US-Notenbank habe die Leitzinsen auf null gesenkt und ihre Anleihenkäufe im vergangenen Jahr massiv ausgeweitet, indem sie jeden Monat US-Staatsanleihen für 80 Milliarden Dollar und mit Hypotheken gedeckte strukturierte Anleihen für 40 Milliarden Dollar kaufe. Alleine in den USA sei die Geldmenge im Zeitraum von März bis November 2020 um 25 Prozent gestiegen.

Hinzu kämen fiskalpolitische Stimuli in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Der US-Kongress habe bereits zum Jahreswechsel ein neues Corona-Hilfspaket in Höhe von 900 Milliarden Dollar verabschiedet und US-Präsident Joe Biden wolle ein weiteres Hilfspaket im Umfang von 1.900 Milliarden auflegen. Unter anderem sollten die direkten Finanzhilfen an Millionen US-Bürger von bislang 600 Dollar auf 2.000 Dollar aufgestockt werden.

Massive Staatsausgaben, unterstützt von einer massiven Liquiditätsausweitung durch die Zentralbanken - und trotzdem wolle die Inflation bisher nicht so recht anziehen. Grund dafür sei eine der ältesten Theorien der Wirtschaftswissenschaften. Diese besage nämlich, dass die Inflation nicht nur eine Funktion der Geldmenge, sondern auch der Umlaufgeschwindigkeit sei - also wie häufig eine Währung verwendet werde, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Steige die Geldmenge, während die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes konstant bleibe oder sogar sinke, dann würden die Menschen ihr Einkommen sparen oder investieren, anstatt es auszugeben. Dies führe dann anstatt zu dem gewünschten Anstieg der Verbraucherpreise zu einem Anstieg der Vermögenswerte, wie man es derzeit sehe - Aktien, Anleihen und Immobilien hätten trotz der immer noch hohen Unsicherheit im Markt zuletzt neue Höchststände erreicht.

Die Suche nach renditestarken Anlagemöglichkeiten habe mittlerweile ungeahnte Ausmaße angenommen und spiegele sich sowohl in der gestiegenen Risikobereitschaft der Anleger - Bitcoin, Tesla und GameStop hätten in diesem Jahr allesamt eine fulminante Rally hingelegt - als auch im zunehmenden Erfindungsreichtum der Wall Street wider. So habe es im abgelaufenen Jahr einen wahren Boom von so genannten Special-Purpose Acquisition Companies, kurz Spacs, gegeben. Dahinter würden sich leere Firmenhüllen verbergen, die mit dem Ziel an die Börse gebracht würden, später ein Unternehmen zu kaufen. In Zeiten aufgeheizter Märkte würden die Unternehmen so viel Zeit für Marketingveranstaltungen und Roadshows traditioneller Börsengänge sparen und könnten von attraktiven Marktbedingungen profitieren. Doch gerade für Privatanleger würden Spacs hohe Risiken bergen, denn der Erfolg stehe und falle mit den Selektionsfähigkeiten des Spac-Managementteams. Diese würden ihr Übernahmeziel im Voraus freilich nicht bekannt geben. Laut einer Studie des "Wall Street Journals" sei der Wert von Spacs nach dem Zusammenschluss mit der neuen Firma im Schnitt um 12 Prozent gesunken.

Unterm Strich sei die Inflation also trotz der erheblichen Ausweitung der Geldmenge und der Warnungen vieler Ökonomen vor steigenden Verbraucherpreisen im Jahr 2020 nicht gestiegen, sondern sogar zurückgegangen. Grund dafür sei neben der zuvor erwähnten, nach wie vor geringen Umlaufgeschwindigkeit des Geldes eine Reihe struktureller Trends, die sich seit einigen Jahren herausgebildet hätten und auch in naher Zukunft deflationären Druck ausüben würden.

Neben der fehlenden Bereitschaft oder Möglichkeit von Konsumenten, Geld auszugeben, sei eine Reihe von strukturellen Faktoren der Grund für die derzeit niedrigen Inflationsraten. Der wirtschaftliche Zusammenbruch im Zusammenhang mit der Coronapandemie habe zu einem kurzfristigen weitgehenden Stillstand der Wirtschaft geführt. Gleichzeitig habe das die verkrusteten Strukturen aufgebrochen und zumindest zum Teil zu einem Strukturwandel geführt. Die Digitalisierung sei vorangetrieben worden und mehr Menschen als je zuvor könnten flexibel von zu Hause aus arbeiten. Das mache teure Großstädte relativ unattraktiv und führe zu einer Verlangsamung des Mietpreisanstiegs. Weil die Mieten einen erheblichen Teil des Verbraucherpreisindex ausmachen würden und es fraglich sei, ob und in welchem Umfang sie wieder ihr altes Wachstumsniveau erreichen würden, würden die Experten von ETHENEA von keinem signifikanten Anstieg der Inflation ausgehen, solange sich das Mietpreiswachstum nicht erholt habe.

Zusätzlich beeinflusse der demografische Wandel seit Jahrzehnten die Entwicklung der Inflation. Als Paradebeispiel gelte Japan, das seit Jahren mit sinkenden Geburtenraten und einer alternden Gesellschaft zu kämpfen habe. Dadurch reduziere sich der Anteil von Personen im erwerbsfähigen Alter im Vergleich zu jenen im Ruhestand. Das Problem: Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sei entscheidend für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Gehe dieser Teil der Bevölkerung zurück, schrumpfe das Bruttoinlandsprodukt und die Gesamtnachfrage geht zurück. Damit die Unternehmen ihre Absatzzahlen halten könnten, würden sie die Kosten senken und die Löhne kürzen, was wiederum deflationär wirke.

Der Inflationsdruck könnte in den kommenden Monaten also deutlich steigen. Einen kurzfristigen Anstieg der Verbraucherpreise um die drei Prozent würden die Experten von ETHENEA zumindest in den USA für durchaus realistisch halten. Noch sei das Konsumverhalten der Verbraucher verhalten, doch wenn die Coronapandemie im Laufe dieses Jahres überwunden sein sollte, könnte es aufgrund von Nachholeffekten zu einem nachfrageseitigen Preisschub kommen. Insbesondere die Preise im Transport- und Tourismussektor lägen noch deutlich unter den Niveaus der Vorjahre. Hinzukämen die bereits genannten technischen Effekte rund um den Ölpreis. In Europa hingegen würden die Experten von ETHENEA einen deutlich moderateren Anstieg erwarten. Insbesondere die Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar werde den Import von niedrigpreisigen Gütern begünstigen und die Inflation im Euroraum dämpfen.

Derzeit bestehe also kein Grund zur Panik. Zum einen sei aufgrund der angekündigten Strategie der Federal Reserve der flexiblen Steuerung des Inflationsniveaus (Flexible Average Inflation Targeting) ein kurzfristiges Überschießen der Inflation ausdrücklich gewollt und eine Zinserhöhung bis 2023 faktisch ausgeschlossen. Darüber hinaus würden die Zentralbanken weiterhin in großem Umfang Staatsanleihen kaufen, was das allgemeine Zinsniveau unabhängig von den Inflationserwartungen in den kommenden Jahren niedrig halten werde. Und schließlich erhole sich die Wirtschaft nur langsam von der Coronavirus-induzierten Krise, würden wichtige deflationäre Kräfte wie die Digitalisierung und eine alternde Gesellschaft weiterhin bestehen bleiben und würden sich in den kommenden Jahren voraussichtlich noch verstärken. (Ausgabe 2 vom Februar 2021) (04.02.2021/alc/a/a)