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Stagflation - Zurück in die 1970er?


22.11.21 11:12
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die Corona-Pandemie hält die Weltwirtschaft nach wie vor in Atem, so die Experten von ETHENEA.

Nachdem das vergangene Jahr im Zeichen der wirtschaftlichen Krisenbewältigung gestanden habe, sollte das Jahr 2021 eigentlich den Startschuss zum Aufschwung geben. Die steigenden Rohstoffpreise und die derzeit zu beobachtenden Lieferengpässen könnten diesen jedoch gefährden, warne Dr. Andrea Siviero, Investment Strategist bei Ethenea Independent Investors S.A.. Er beobachte in den letzten Monaten vermehrt Indizien, die auf eine Stagflation hinweisen könnten, ähnlich wie in den 1970er Jahren.

Stagflation werde definiert als eine Phase hoher Inflationsraten, die mit einem schleppenden Wirtschaftswachstum und einer konstant hohen Arbeitslosigkeit einhergehe. Im schlimmsten Fall könne Stagflation auch eine Inflationsphase in Verbindung mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bedeuten: "Die wichtigsten Theorien über den Ursprung der Stagflation gehen davon aus, dass sie durch Angebotsschocks, durch eine schlechte Wirtschaftspolitik oder durch eine Kombination aus beidem ausgelöst wird", sage Andrea Siviero.

"Plötzliche Unterbrechungen des Angebots einer Ware können zu einem raschen Anstieg nicht nur des Preises, sondern auch des allgemeinen Preisniveaus führen. Der Preisanstieg macht die Produktion teurer und weniger rentabel und bremst so das Wirtschaftswachstum aus. Eine Stagflation kann auch infolge einer schlechten Wirtschaftspolitik auftreten, die als Reaktion auf einen Inflationsanstieg betrieben wird. Diese verschärft dann den wirtschaftlichen Abschwung oder den Inflationsdruck."

Stagflation sei ein selten auftretendes Phänomen. Eine schwache Nachfrage treibe die Preise tendenziell nach unten, was bedeute, dass ein Selbstkorrekturmechanismus die Dauer der Rezessionsphase abmildere. Um dem Phänomen näher zu kommen sei es jedoch trotzdem wichtig, ein tieferes Verständnis zu erlangen. Hierbei sei es nützlich zu wissen, dass es zwei Arten von Inflation gebe. Andrea Siviero erläutere: "Bei der nachfrageinduzierten Inflation handelt es sich um einen Preisanstieg, der auf makroökonomische Maßnahmen zurückzuführen ist. Dies ist in der Regel das Ergebnis von Steuer- oder Zinssenkungen oder von staatlichen Ausgabenerhöhungen. Diese Maßnahmen führen zu einem Anstieg der Gesamtnachfrage, der über die Produktionskapazität der Wirtschaft hinausgeht."

Dem entgegen stehe die kostentreibende Inflation. "Diese Art der Inflation ist das Ergebnis von Versorgungsengpässen und -unterbrechungen, die hauptsächlich auf den Lebensmittel- und Energiemärkten entstehen," so Andrea Siviero. "Die kostentreibende Inflation wirkt sich über die Produktionskette auf die Einzelhandelspreise aus. Die Geldpolitik hat in der Regel wenig Einfluss auf ihre Eindämmung, da eine straffere Politik nicht zur Wiederherstellung des Angebots beitragen würde. Stattdessen besteht die Gefahr, dass sie die negativen Auswirkungen der Inflation durch eine Verringerung der Gesamtnachfrage noch verschärft."

Wie so oft lohne sich auch beim Thema Stagflation der Blick in die Vergangenheit, konkret in die 1970er Jahre. Die "Große Inflation" und die Stagflation der 1970er Jahre seien das Ergebnis einer einzigartigen Reihe von historischen Ereignissen und politischen Fehlentscheidungen, so der Ethenea-Experte. Die US-Wirtschaft sei in dieser Zeit von Haushalts- und Leistungsdefiziten geprägt gewesen. Im Zusammenspiel mit den Energiekrisen und dem Wegfall des Bretton-Wood-Systems sei so eine brisante Mischung entstanden. Die Energiekrisen hätten zuweilen in einer kostentreibenden Inflation gegipfelt, während die Entscheidung, die Bindung des US-Dollars an Gold aufzuheben, der FED den politischen Anker entzogen hätte. In Verbindung mit der expansiven Politik zur Verringerung der Arbeitslosigkeit hätte dies dazu beigetragen, dass die Inflation 1974 auf über 12% angestiegen sei.

Doch wie sei es derzeit um die Gefahr der Wiederholung einer solchen Krise bestellt? "Es besteht kein Zweifel daran, dass das derzeitige Umfeld eines verlangsamten Wachstums und einer hartnäckig hohen Inflation sowohl erhebliche Risiken für das globale Wachstum als auch eine Herausforderung für die politischen Entscheidungsträger darstellt", erkläre Siviero. "Die anhaltend hohe Inflation kann zu einer Verschärfung der finanziellen Bedingungen und einer schwächeren Wachstumsdynamik führen, da sie die Produktion einschränkt und das Vertrauen der Verbraucher erschüttert. Eine ungerechtfertigte präventive Straffung der Geldpolitik könnte jedoch die wirtschaftliche Erholung zum Scheitern bringen, während sie nur wenig Wirkung auf die Eindämmung des kostentreibenden Inflationsdrucks hat."

Eine Wiederholung der Stagflation der 70er Jahre sei eher unwahrscheinlich. Eine anhaltend höhere Inflation könne jedoch den erhofften Aufschwung gefährden, indem sie die Produktion einschränke oder das Vertrauen der Verbraucher erschüttere. Je länger die Beeinträchtigung der Angebotsseite anhalte, desto größer sei das Risiko, dass sie zu Zweitrundeneffekten und allgemeiner Inflation führe. Die Folgen illustriere Andrea Siviero: "Steigende Inflationserwartungen könnten dazu führen, dass die Normalisierung der Geldpolitik in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften schneller erfolgt als erwartet, was die wirtschaftliche Erholung beeinträchtigen könnte."

Wie die Politik diesen Effekt in den Griff bekommen könne, lasse sich klar umreißen: "Die politischen Entscheidungsträger müssen eine Gratwanderung zwischen der beharrlichen Unterstützung des Wirtschaftsaufschwungs und der Bereitschaft zu raschem Handeln zur Eindämmung eines potenziellen verfestigten Inflationsdrucks vollziehen." Laut Siviero werde es besonders wichtig sein, eine Entkoppelung der mittelfristigen Inflationserwartungen zu vermeiden und eine Inflationsspirale zu verhindern, die eine jähe Straffung der Politik erfordern würde. "Sollte der derzeitige Inflationsdruck zu anhaltenden Zweitrundeneffekten führen, die wiederum Lohnsteigerungen auslösen würden, müssten die Zentralbanken entschlossen handeln und restriktivere Maßnahmen ergreifen", so der Experte. (22.11.2021/alc/a/a)