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Staatsanleihen sind wieder gefragt


13.05.22 09:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Es herrscht Risk-Off-Stimmung an den Finanzmärkten und das bedeutet, dass Staatsanleihen aus Deutschland und den USA wieder gesucht sind, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Nach dem Renditeausflug auf deutlich über 1% bei den zehnjährigen Bunds und über 3% bei den T-Notes sei jetzt wieder ein kräftiger Rückgang zu verzeichnen. Die Bunds würden derzeit bei 0,87% und die korrespondierenden US-Titel bei 2,84% rentieren. Dies sei ein Zeichen für die zunehmende Angst vor einer Stagflation. Denn am 11.05. sei mit der Veröffentlichung der April-Inflationszahl aus den USA deutlich geworden, dass sich die Teuerungsrate auf einem hohen Niveau halte. Zwar sei die Inflationsrate gefallen, aber immer noch würden die Preise mit einer Rate von 8,3% (Vormonat: 8,5%) steigen. Das wiederum bedeute für die FED, dass sie in ihren Bemühungen, die Inflation einzudämmen, nicht nachlassen könne. Aber eine Notenbank, die die Zügel sehr rasch und kräftig anziehe, riskiere, eine Rezession auszulösen.

Nicht, dass es hier größere Anzeichen dafür gäbe. Tatsächlich habe sich beispielsweise der US-Arbeitsmarkt auch im April sehr gut entwickelt. Der Beschäftigungszuwachs habe bei 428.000 Personen gelegen und die Arbeitslosenrate sei bei äußerst niedrigen 3,6% geblieben. Die Löhne würden allerdings mit einer Rate von 5,5% YoY steigen, was sich mit einer durchschnittlichen Rate von 2,9% über die letzten 15 Jahre vergleiche. Vor allem würden die ISM-Unterindices für die Beschäftigung auf eine nachlassende Bereitschaft hinweisen, Personal einzustellen. Der entsprechende ISM für den Dienstleistungssektor sei sogar unter die Expansionsgrenze auf 49,5 Punkte gefallen. Im Verarbeitenden Gewerbe sei der Beschäftigungsindex nur noch leicht im expansiven Bereich (50,5 Punkte).

Wäre die Inflationsrate in der Nähe des Zielwertes von 2%, würde die FED angesichts der derzeitigen Kurseinbrüche an den Aktienmärkten und der Ausweitung der Spreads bei Unternehmensanleihen vermutlich nicht zögern, zumindest eine Pause bei den Zinserhöhungen einzulegen. Bei einer Inflationsrate von 8,3% werde ein Kursverlust des S&P 500 seit Jahresbeginn von 18% die FED jedoch noch nicht zum Gegensteuern bewegen.

Für eine gewisse Unruhe habe in den vergangenen Tagen auch der Kryptomarkt gesorgt. Die sogenannte Stablecoin TerraUSD habe sich doch nicht als so stabil erwiesen und das habe die Aufsicht in den USA auf den Plan gerufen. Eigentlich solle TerraUSD einen festen Wechselkurs zum US-Dollar von 1:1 halten. Stattdessen sei TerraUSD zeitweise auf 0,25 USD-Dollar gefallen. TerraUSD werde als eine Stablecoin beschrieben, die auf einen Algorithmus vertraue, der Angebot und Nachfrage stets ins Gleichgewicht bringen solle. Dies geschehe in einer relativ intransparenten Weise mithilfe der Kryptowährung Luna, die allerdings im Wert schwanke und daher das ganze Konstrukt anfällig für Störungen mache. Da die Betreiber von TerraUSD einen Teil der Kryptowerte, mit denen das System zusätzlich gestützt werden solle, in Bitcoin investiert hätten und diese jetzt in der Not offensichtlich verkaufen würden, habe dies auch Rückwirkungen auf den Bitcoin-Kurs, der jetzt auf 27.000 US-Dollar gefallen sei. Und die Stablecoin Tether, deren Betreiber immer wieder unter Verdacht stünden, betrügerische Methoden zu verfolgen, könne den 1:1 Kurs derzeit auch nicht genau halten.

Insgesamt habe die Episode das Potenzial, an den Finanzmärkten für mehr Volatilität zu sorgen. Es könnten nämlich weitere Stablecoins unter Beschuss kommen und da die meisten Stablecoins mit kurzfristigen Wertpapieren gedeckt seien, könnte es zu einer Verkaufswelle bei Geldmarktpapieren kommen. Davor habe bereits die Ratingagentur Fitch im vergangenen Jahr in Bezug auf die Stablecoin Tether gewarnt. Die US-Finanzministerin Janet Yellen habe in jedem Fall die Probleme bei TerraUSD zum Anlass genommen, erneut auf die Regulierung von Stablecoins zu dringen.

Zurück zum Thema Inflation. In den USA sei auch die Kernrate der Inflation (ohne Energie und Lebensmittel) weniger deutlich als erwartet auf 6,2% zurückgegangen. Allein die Mieten einschließlich der Mieten, die für Hauseigentümer geschätzt würden - die sogenannte Home Owners Equivalent Rent - würden derzeit 1,7 Prozentpunkte zur Gesamtinflation beitragen.

In der Eurozone bleibe die Inflation voraussichtlich auch eine Weile sehr hoch. Und insofern sei es nicht überraschend gewesen, dass die EZB-Chefin Lagarde vorgestern die bereits etablierte Erwartung mehr oder weniger bestätigt habe, dass es im Juli zu einer ersten Zinserhöhung kommen werde. Bundesbankpräsident Joachim Nagel, der Chef der Banque de France, Villeroy de Galhau und Ratsmitglied Isabell Schnabel hätten sich in den vergangenen Tagen schon in diese Richtung geäußert.

Derweil erwarte man in Großbritannien tatsächlich eine Rezession. Das habe das führende Wirtschaftsinstitut NIESR gesagt. Die Forscher würden sowohl im dritten als auch im vierten Quartal eine Schrumpfung des BIP erwarten. Es werde interessant sein, zu sehen, wie die Bank of England damit umgehe und ob sie dennoch den Leitzins weiter anhebe, so wie sie es letzten Donnerstag gemacht habe.

In Sachen Erdölembargo gegen Russland würden die Verhandlungen innerhalb der EU stocken. Ungarn weigere sich hartnäckig, einem derartigen Embargo zuzustimmen.

In Großbritannien spüre man derweil weiterhin die Nachwehen des Brexits. Die britische Regierung drohe mit dem Ausstieg aus dem Nordirland-Protokoll, was im schlechtesten Fall einen Handelskrieg mit der EU auslösen könnte. Außerdem stünden in Nordrhein-Westfalen die Landtagswahlen an. Nächste Woche gebe es eine Reihe von Konjunkturindikatoren aus China für April (16.05, Einzelhandel, Industrieproduktion, Investitionen, jeweils für April). Damit erhalte man eine weitere Indikation, wie stark der Lockdown einiger Dutzend Städte das Wachstum beeinträchtige. (Ausgabe vom 12.05.2022) (13.05.2022/alc/a/a)