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Staatsanleihen: Ein gekaufter Optimismus


05.01.21 08:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das Börsenjahr 2021 hat begonnen, der Optimismus ist fast grenzenlos, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Die Kurse an den internationalen Aktien- und Rentenmärkten seien nahe historischem Höchststand. Ein wirksamer Impfstoff gegen die Pandemie scheine gefunden zu sein, in einigen Monaten würden Millionen Menschen in aller Welt gegen Covid-19 geimpft sein. Der Brexmas (englische Presse für Brexit Deal am Xmas) sei greifbar geworden. Ein neuer US-Präsident beginne sein Amt. In Deutschland befinde sich der ifo-Geschäftsklimaindex im steilen Aufwärtstrend, in der Industrie würden die Aufträge aus dem In- und Ausland sprudeln. Die Experten von "fairesearch" fragen sich, ob uns denn ein neues Schlaraffenland bevorstehe.

Und diese Zuversicht in Anbetracht eines verschärften Lockdown, eines Höchststandes von 30.000 Neuinfektionen und 1.000 Toten pro Tag in Deutschland? In den USA seien sogar schon 326.000 und weltweit 1,7 Millionen Menschen an oder mit Covid-19 gestorben (Quelle: Johns Hopkins University).

Aber diese Hinweise fänden an den Börsen gegenwärtig keinerlei Beachtung. Wiederum zeige sich, dass die Kursentwicklung zukunftsorientiert sei, die Gegenwart könne die Tendenzen kaum beeinflussen. Doch der allerwichtigste Einflussfaktor, die allgemeine Liquiditätsentwicklung, sei der entscheidende Treibriemen für die Tendenzen. Und hier sei auf die ultra-expansive Geldpolitik der Zentralbanken zu verweisen, besonders auf die FED und die EZB. Neben den Leitzinssenkungen (ZIRP und NIRP) werde mittels "quantitativer Lockerungen" Liquidität in die Märkte geschleust. Dafür würden im Markt befindliche Wertpapiere gekauft, in erster Linie Staatsanleihen. Das wirke wie ein gekaufter Optimismus.

Abzulesen seien diese "Liquiditätsspritzen" am deutlichsten in den Bilanzen der FED und der EZB. Was in der ersten Krise in 2008 als einmalige Konjunkturunterstützung ausgegeben worden sei, sei zur Dauereinrichtung geworden. Beide Notenbanken hätten inzwischen mehr als USD 14 Billionen Wertpapiere gekauft. Der amerikanische Volkswirt Irving Fisher (1867 bis 1947) sei für eine ganze Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Gleichungen berühmt geworden. Nach seiner Quantitätsgleichung sei die in einem Jahr umgesetzte Geldmenge M multipliziert mit der Geldumlaufgeschwindigkeit V gleich der Produktion von Gütern und Leistungen Y multipliziert mit der Teuerungsrate P. Somit: M x V = Y x P. Die monetäre Seite einer Volkswirtschaft spiegele sich in der fundamentalen. Danach seien Geldmenge M und Geldumlaufgeschwindigkeit V direkt proportional zu den konjunkturellen Aktivitäten einer Volkswirtschaft. Was darüber hinausgehe, die "Überschussliquidität", wirke inflationär. Von dieser inflationären Wirkung sei gegenwärtig noch nichts festzustellen, da die Geldumlaufgeschwindigkeit V auf einen Tiefpunkt gesunken sei. Doch bei einer Konjunkturwende werde V schnell wieder zunehmen.

Eine Rückkehr zu einer neutralen Geldpolitik, die weder inflationär noch restriktiv wirke, sei gegenwärtig nicht abzusehen. Bei der EZB habe die Präsidentin Christine Lagarde wiederholt betont, an dieser Geldpolitik weiter festzuhalten. Und in den USA sei als neue Finanzministerin Janet Yellen nominiert worden, die von 2014 bis 2018 als FED-Präsidentin den ultra-expansiven Kurs der Geldpolitik geleitet habe. Die Märkte könnten sich somit weiter auf niedrige Zinsen einstellen. Doch wohin mit dem Geld?

Der Markt für Festverzinsliche falle wegen der negativen Verzinsung gegenwärtig aus. Das wirke wie eine Enteignung von Anlegern. Beispiele von Finanzkrisen, die zum Zusammenbruch ganzer Währungen geführt hätten, gebe es in der Geschichte genügend, angefangen von den römischen Denaren und Sesterzen, weiter zu den mittelalterlichen Münzrechten und den mittelitalienischen Banken, zum französischen Finanzminister John Law und der Mississippi Blase, der Tulpen-Hausse, der deutschen Inflation nach dem Ersten Weltkrieg bis zu den jüngsten Beispielen Argentinien, Venezuela, Zimbabwe und der Türkischen Lira. So könnten auch der Dollar durch die hohe US-Staatsverschuldung von fast USD 30 Billionen einen Werteverfall erleiden. Als Ausweg bleibe die Anlage in Edelmetallen. (Ausgabe vom 04.01.2021) (05.01.2021/alc/a/a)