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Staatsanleihen - Zinsanhebungspfad zu aggressiv, Unternehmensanleihen - Bankanleihen bieten Möglichkeiten


10.05.22 09:21
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die FED hat nach dem ersten Schritt im März nun auch im April die Zinsen angehoben, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

Aufgrund der hohen Inflation sei das Tempo erhöht worden: Statt wie üblich um einen Viertelprozentpunkt sei der Leitzins um einen halben Prozentpunkt angehoben worden. Eine Anhebung in diesem Ausmaß habe es zuletzt vor mehr als 20 Jahren gegeben - ein durchaus außergewöhnlicher Vorgang also. Daran werde man sich gewöhnen müssen. Die meisten Beobachter würden auch bei den nächsten Meetings Anhebungen um 0,5% erwarten. Der Leitzins werde dann zwölf Monate nach der ersten Anhebung bei rund 3% liegen. Sollte diese Erwartung Realität werden, dann sei man live beim aggressivsten Zinsanhebungszyklus seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts dabei. Selbst vor dem Platzen der Dotcom- und der Immobilienblasen seien die Zinsen nicht in einem solchen Tempo angehoben worden.

Die Aktienmärkte lägen unterdessen im Schnitt rund 10% unter ihren Höchstständen. Innerhalb dessen gebe es wohl große Unterschiede auf Basis von Ländern, Sektoren und Faktoren. Insgesamt würden die Kursrückgänge im Verhältnis zu früheren geldpolitisch induzierten Abschwüngen aber noch moderat anmuten. Im Jahr 2018 etwa, der letzten vergleichbaren Episode, sei der Kursrückgang bei minus 20% erst durch eine geldpolitische Kehrtwende gestoppt worden. Ein solcher Politikschwenk könnte in der aktuellen Situation inflationsbedingt allerdings länger auf sich warten lassen. Deshalb stehen uns wohl aktienseitig noch einige schwierige Wochen und Monate bevor, bis im Verlauf des zweiten Halbjahres ein Durchschreiten der Tiefstände wahrscheinlich ist, so die Experten von Raiffeisen Capital Management. Bis dahin sei eine vorsichtige Positionierung angebracht.

Staatsanleiherenditen seien seit Anfang März abermals deutlich angestiegen und die Renditen für deutsche Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit seien erstmals seit August 2014 wieder positiv. Gleichzeitig seien sowohl die kurz-, als auch die langfristig gepreisten Inflationsraten weiterhin sehr hoch und dementsprechend Zahl und Tempo der erwarteten Zinsanhebungen in den USA und Europa. Die Experten würden vorerst kein Rezessionsbild malen, aber den gepreisten Zinsanhebungspfad als zu aggressiv einschätzen.

Unternehmensanleihen würden an Attraktivität verlieren. Innerhalb der EUR Investmentgrade Unternehmensanleihen würden sie Bankanleihen und da vor allem verbriefte deutsche Bankanleihen (AAA Pfandbriefe) präferieren. Diese würden sich hinsichtlich ihrer Ertragserwartungen momentan attraktiver als andere Papiere dieser Assetklasse präsentieren.

Die Aussichten bei Schwellenländer-Hartwährungsanleihen hätten sich eingetrübt. Grund dafür seien der Krieg in der Ukraine, zunehmend schwächere Wirtschaftsprognosen in Asien, ein starker USD sowie die erwartete recht straffe Geld- und Zinspolitik.

Die internationalen Aktienmärkte hätten sich zuletzt deutlich schwächer präsentiert. Im Mittelpunkt stehe dabei weniger der Ukraine-Krieg als vielmehr die anstehenden (weiteren) Zinsanhebungen. Die Experten würden das restriktiver werdende Liquiditätsumfeld als einen der größten Belastungsfaktoren für die nächsten Monate sehen. Im Gegensatz zu den Anleihemärkten würden sie dieses Thema auf der Aktienseite noch nicht ausreichend in den Kursen reflektiert sehen.

Emerging-Markets-Aktien würden seit Jahresbeginn mehr oder weniger auf der Stelle treten. Aktien bzw. Regionen, die einen Rohstoffbezug hätten, könnten sich dabei recht gut behaupten. Aktien, die an der lokalen chinesischen Wirtschaft hängen würden, würden sich deutlich schwerer tun. Die aktuelle Covid-Lage in China, dessen Politik weiter auf vollkommene Abschottung bei Auftreten von Krankheitsfällen liege, belaste diese Unternehmen schwer. Die Entwicklung von Emerging-Markets-Aktien sei im abgelaufenen Monat im Einklang mit entwickelten Aktienmärkten gewesen.

Die Rohstoffmärkte würden sich weiterhin sehr fest präsentieren. Die deutlichen Preisanstiege würden sich mit der wichtigen Rolle Russlands bei vielen Rohstoffen erklären, wobei das Angebotsbild auch vor der dramatischen Eskalation in der Ukraine schon angespannt gewesen sei. Die Assetklasse werde damit einmal mehr ihrer Rolle als Inflationsschutz gerecht. Auf Sektorebene sei der Energiesektor am stärksten betroffen. (Ausgabe vom 09.05.2022) (10.05.2022/alc/a/a)