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Sorge um ansteigende Inflation ist berechtigt - Was ist das unentdeckte Positive dabei?


01.10.20 10:45
Grüner Fisher Investments

Rodenbach (www.anleihencheck.de) - In der letzten Woche haben die Experten von Grüner Fisher Investments bereits thematisiert, dass sich die Mehrheit der Anleger auf mögliche Negativszenarien konzentriert und positive Einflussfaktoren kleingeredet werden.

Diese Stimmungslage sei typisch für die frühe Phase eines Bullenmarkts und in den aktuellen Schlagzeilen gebe es viele schöne Beispiele für den "Pessimismus des Unglaubens" zu entdecken.

Beispiel 1: Verschuldung

Für kritische Marktbeobachter sei die ansteigende Staatsverschuldung längst ein Dauerthema. Jüngst habe die Bundesregierung zur Bekämpfung der Coronakrise den Weg für die Aufnahme neuer Schulden frei gemacht, 218 Milliarden Euro im Jahr 2020 und 96 Milliarden Euro im Jahr 2021. Negative Schlagzeilen seien einfach zu finden: "Schwächelnde Wirtschaft und ein unaufhaltsam wachsender Schuldenberg!" Erst auf den zweiten Blick werde ersichtlich: Das Finanzministerium habe für den Schuldendienst 9,6 Milliarden Euro im Haushaltsplan 2020 vorgemerkt, ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den rund 12 Milliarden Euro des Vorjahres. Durch die EZB-Kaufprogramme und der weltweiten Nachfrage nach "sicheren" Anleihen erwarte die Bundesregierung mittlerweile nur noch eine Zahlungsverpflichtung von etwa 5 bis 6 Milliarden Euro für 2021. Für die Schuldentragfähigkeit sei die Höhe des Schuldendiensts entscheidend!

Beispiel 2: Die zweite Welle

COVID-19 halte die Welt weiterhin in Atem. Die Infektionszahlen würden ansteigen, verschiedene Regionen hätten erneut einschränkende Maßnahmen ergriffen. Das Schreckensbild einer Wiederholung der Marktverwerfungen im ersten Quartal 2020 nehme konkrete Formen an. In den Schlagzeilen werde allerdings nicht thematisiert, dass die Erwartungshaltung der Anleger mittlerweile ganz anders positioniert sei. Während die komplette Stilllegung eine wahre Schockwirkung für die Märkte habe hervorrufen können, spreche dieses Mal jeder über eine mögliche zweite Welle - das negative Überraschungspotenzial sei somit eingegrenzt. Zudem seien die Signale seitens der Politik deutlich, dass man mit allen Mitteln das Szenario eines kompletten wirtschaftlichen Lockdowns verhindern wolle. Das seien beileibe keine positiven Meldungen im eigentlichen Sinne, aber genau darum gehe es an den Aktienmärkten: Ein positiver Einflussfaktor könne sich auch daraus entwickeln, dass die Realität nicht so furchtbar werde wie angenommen.

Beispiel 3: Inflation

Die Sorge um eine ansteigende Inflation, mit einer Hyperinflation als gefährlicher Endstufe, sei grundsätzlich berechtigt. Das unentdeckte Positive dabei sei allerdings, dass dieses Thema noch kein unmittelbares Problem darstelle. Denn die wichtige Frage sei, was eigentlich mit dem Geld passiere, das zur Verfügung stehe? Aktuell sei zu beobachten, dass die Sparquoten ansteigen würden und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sehr gering sei. Eine gewisse Inflationsrate sei grundsätzlich in Ordnung - und wohlgemerkt das erklärte Ziel der Zentralbanken - aber um ein wirklich gefährlich hohes Inflationsniveau zu erreichen, seien die Voraussetzungen einfach noch nicht gegeben. Manchmal sei es eben auch ein positiver Einflussfaktor, wenn es einfach noch zu früh sei, um sich mit einem negativen Thema auseinander zu setzen.

In der frühen Bullenmarktphase lägen negative Nachrichten auf dem Präsentierteller, positive Nachrichten würden sich dagegen verstecken. Dies sorge grundsätzlich für gute Rahmenbedingungen und wer diese versteckten Botschaften frühzeitig antizipiere, müsse sich später nicht mit dem leidigen Ausspruch "hätte ich damals bloß investiert!" auseinander setzen. (01.10.2020/alc/a/a)