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Schwellenländer am Scheideweg


02.07.20 11:30
Legg Mason

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Der Markt unterscheidet die Emerging Markets in Länder mit niedrigen Risikoaufschlägen einerseits und solchen, die fast zweistellige Renditen bieten. "Die nächsten Monate werden für einige große Emittenten richtungsweisend", so Alberto J. Boquin, Senior Research Analyst der Legg-Mason-Boutique Brandywine Global.

Den typischen Schwellenländer-Bond gebe es nicht, heute noch viel weniger als vor der Corona-Pandemie. Obwohl gängige Benchmarks für Schwellenländer-Bonds, wie der JP Morgan Emerging Market Local Currency Index, langfristig schwindende Renditen suggerieren würden, sei das nur der erste Eindruck. "Blickt man auf die einzelnen Emittenten, so wird klar, dass uns die gemittelte Rendite bei Emerging-Market-Bonds in die Irre führt. Tatsächlich divergieren die Renditen sehr stark. Emittenten mit höherer Qualität nähern sich eher den für Industrieländer typischen Zinssätzen an, während Volkswirtschaften mit einigen strukturellen Schwächen auch heute hohe einstellige Renditen bieten", erkläre Boquin.

Um diese beiden Gruppen unterscheiden zu können, würden die Experten von Brandywine Global auf verschiedene Merkmale blicken. "Entscheidend ist, wie sehr sich eine Volkswirtschaft gegen die Inflation stemmen kann. Dabei gilt es, neben den Preisen für Energie, auch den lokalen Wirtschaftszyklus zu berücksichtigen. Manche Schwellenländer haben eine durchschnittliche Restlaufzeit ihrer Schulden von mehr als zehn Jahren, während andere Länder Kredite nur mit sehr kurzen Laufzeiten aufnehmen können", so Boquin und verweise auf Brasilien, Argentinien oder die Türkei.

Neben der Fähigkeit, die Inflation zu bekämpfen, spiele auch die Finanzpolitik eine wichtige Rolle. Könne eine Volkswirtschaft eine wirtschaftliche Abkühlung nicht überstehen, ohne Gefahr zu laufen, ihre Schulden nicht mehr bedienen zu können, würden die Risikoprämien unabhängig von den möglicherweise niedrigen Zinsen der jeweiligen Notenbank steigen. "Wenn die Geldpolitik aufgrund der Haushaltslage als nicht nachhaltig bewertet wird, preist der Markt schon frühzeitig Zinserhöhungen ein", wisse der Brandywine-Global-Analyst.

Als dritten Faktor habe Boquin die Qualität von Institutionen identifiziert. Wenn Notenbanken oder Ministerien verlässlich arbeiten würden, verlange der Markt langfristig wieder geringere Risikoaufschläge. "Wichtig ist dabei, dass sich Anleger auf die Qualität der Institutionen verlassen und weniger auf bestimmte Akteure. Verlässliche Strukturen sind wichtiger als die vermeintliche Glaubwürdigkeit von Notenbank-Präsidenten oder Ministern", finde Boquin. Die Analyse der Institutionen könne also wichtige Hinweise darauf geben, ob ein Land mit den finanzpolitischen Herausforderungen im Zuge der Pandemie auch umgehen könne.

"Auch nach der Covid-19-Krise wird das Feld der Schwellenländer-Anleihen heterogen bleiben", glaube Boquin. "Die Märkte werden zwischen den Emittenten unterscheiden, die die Folgen der Pandemie langfristig korrigieren, und denen, die die Krise nur als Entschuldigung für fiskalische und monetäre Fehltritte ins Feld führen." Das Anlage-Universum der Schwellenländer-Anleihen dürfte also noch lange zweigeteilt bleiben. "Viele große Volkswirtschaften befinden sich aktuell zwischen beiden Polen und werden sich in den kommenden Monaten in die eine oder andere Richtung entwickeln", so Boquin. (02.07.2020/alc/a/a)