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Schreckgespenst Geldpolitik? Noch nicht!


03.09.21 09:00
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Wenn sich die Währungshüter in Jackson Hole zum Gedankenaustausch treffen, hält die Finanzwelt den Atem an, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. (Raiffeisen KAG).

Zurecht, denn die Geldpolitik sei einer der wesentlichsten Treiber der Wirtschafts- und Marktentwicklung. Gerade in den Jahren seit der Finanzkrise habe eine ultralockere Geldpolitik rund um den Globus den Anlegern wahre Kursfeuerwerke - vor allem an den Aktienmärkten - beschert. Die Kursentwicklung der letzten zehn Jahre habe etwa am US-Aktienmarkt im besten Dezil der Nachkriegszeit gelegen. Vor diesem Hintergrund würden die Anleger verständlicherweise mit Argusaugen beobachten, wann diese enorme geldpolitische Stützung wegfallen könnte. Die Erinnerungen an Ende 2018 seien noch präsent, als eine restriktivere FED die Aktienmärkte schließlich in die Knie gezwungen habe. Die folgende 180-Grad-Drehung in der Geldpolitik habe dann allerdings nicht nur Schlimmeres verhindert, sondern auch den Treibstoff für ein sehr gutes Aktienjahr 2019 geliefert.

Doch langsam! Von einer restriktiven Geldpolitik sind wir so weit entfernt wie von der Herdenimmunität gegen Corona, so die Experten der Raiffeisen KAG. Nur zur Sicherheit: Man diskutiere aktuell, wann die FED ihre Anleihenkäufe reduzieren könnte. Dieser Zeitpunkt werde allgemein rund um den Jahreswechsel taxiert. Bedeute, dass bis weit ins Jahr 2022 hinein Anleihen gekauft würden. Und erst dann kämen höhere Leitzinsen, welche aktuell nahe Null lägen. Ein geldpolitisch induzierter Abschwung an den Aktienmärkten sei daher nicht vor 2023 wahrscheinlich. Bis dahin würden sich die Anstiege wohl abflachen und von höherer Volatilität begleitet sein. Rückschläge seien nicht zuletzt nach diesem extrem starken Sommer, etwa aufgrund von zwischenzeitlich enttäuschenden Konjunktur- oder Inflationsdaten, jederzeit möglich. Auf mittlere Sicht bleibe eine Übergewichtung von Aktien jedoch das Gebot der Stunde, zumal viele Anleihesegmente weiterhin unter der unattraktiven Renditelandschaft leiden würden.

Der aktuelle Konjunkturausblick würde höhere Renditen rechtfertigen. Dementsprechend würden die Experten der Raiffeisen KAG vor allem bei kerneuropäischen Staatsanleihen zurückhaltend bleiben. Das treffe innerhalb der Euro-Staatsanleihen auch auf inflationsindexierte Staatsanleihen zu. Die gepreisten Inflationserwartungen seien nach wie vor sehr hoch. Die realen Renditen deutscher Staatsanleihen seien so tief wie nie zuvor. Die Experten der Raiffeisen KAG würden nicht denken, dass die Inflationsraten kurzfristig bzw. abrupt sinken würden. Die am Markt für inflationsindexierte Anleihen gepreisten mittel- bis langfristigen Inflationserwartungen würden die Experten der Raiffeisen KAG hingegen als zu hoch erachten.

Innerhalb dieser Assetklassen sähen die Experten der Raiffeisen KAG bei Euro-Unternehmensanleihen (Investmentgrade Non-Financials) sowie bei US-Dollar-High-Yield-Unternehmensanleihen die größten Chancen. Die Ausfallsraten der Letztgenannten seien deutlich gesunken (dzt. 3%) und würden von der Ratingagentur Moody's in einem Jahr bei 2% erwartet. Die Gewinnmargen würden weiterhin ansteigen und die Gewinnrevisionen würden nach Norden deuten. Zudem entspanne sich die Verschuldungssituation und der Refinanzierungsmechanismus funktioniere insbesondere im High-Yield-Segment äußerst gut.

Die Experten der Raiffeisen KAG würden Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen weiterhin als attraktiv erachten. Das Spread-Einengungspotenzial sei ihrer Meinung nach jedoch deutlich gesunken. Der weitere Verlauf der Covid-Pandemie, damit verbundene Unterbrechungen der Lieferketten aus den Schwellenländern sowie die Maßnahmen der US-Notenbank (Tapering, Zinsausblick) würden die Entwicklung dieser Anleiheklasse in den kommenden Monaten prägen. Die Experten der Raiffeisen KAG würden keinen wesentlichen Aufwärtsdruck der Risikoprämien von Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen erwarten.

Die internationalen Aktienmärkte würden sich weiterhin sehr fest präsentieren. Die Aussicht auf weiter expansive Notenbanken und eine starke Gewinnentwicklung würden aktuell für ein sehr unterstützendes Kapitalmarktumfeld sorgen. Eine nachlassende Dynamik bei Wirtschaftswachstum und Gewinnmomentum sowie zunehmende Diskussionen um den Zeitpunkt der Rückführung von Notenbankmaßnahmen in den USA würden dennoch für Volatilität in den kommenden Monaten sorgen.

Die Covid-Entwicklung im asiatischen Raum hinterlasse mittlerweile auch in der Konjunktur ihre Spuren: Sei die Region bisher Covid-Musterschüler, funktioniere die Strategie mit der ansteckenderen Delta-Variante mittlerweile nicht mehr so reibungslos. Das belaste insbesondere auch die Aktienmärkte und lasse sie relativ zu entwickelten Märkten neuerlich sehr schlecht aussehen. Erschwerend komme hinzu, dass die regulatorischen Eingriffe bei den bisher so erfolgreichen chinesischen Technologie-Giganten auch einen bisher sehr erfolgreichen Sektor massiv treffen würden.

Die Rohstoffmärkte würden sich weiter von der festen Seite präsentieren. Dabei würden vermehrt Angebotsthemen in den Fokus treten, die daher die zyklischeren Rohstoffsegmente unterstützen würden. Trotz gestiegener Preise seien die Unternehmen, was Investitionen betreffe (und damit zukünftiges Angebot), weiterhin sehr diszipliniert. Diese Zurückhaltung dürfte zu keiner raschen Entspannung auf der Angebotsseite führen und daher die Rohstoffpreise weiter unterstützen. (Ausgabe vom 02.09.2021) (03.09.2021/alc/a/a)