Erweiterte Funktionen

Russland: Zentralbank wieder sehr vorsichtig


11.07.18 11:16
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Während Russland in Fußballfieber war, hat die russische Regierung die Anhebung des Renteneintrittsalters beschlossen, so die Analysten der DekaBank.

Das Rentenalter solle schrittweise bis zum Jahre 2028 bzw. 2034 von 60 auf 65 für Männer und von 55 auf 63 für Frauen angehoben werden. Die meisten Sonderfälle der Frühverrentung (wie z.B. beim Militär) seien davon allerdings nicht betroffen. Die aus fiskalischer Sicht schon lange hinfällige Maßnahme sei äußerst unpopulär, was sich auch auf die Umfragewerte der Politiker auswirke. So sei der Vertrauensindex von Präsident Putin seit der Entscheidung um 10 PP gefallen, was dazu führen könne, dass es leichte Lockerungen der Beschlüsse gebe oder die Rentenindexierung in 2019 etwas großzügiger als in der Vergangenheit ausfalle, um die Gemüter zu beruhigen. Das Machtgefüge Putins sei allerdings nicht in Gefahr.

Ab 2019 werde zudem der allgemeine Mehrwertsteuersatz um 2 PP auf 20% angehoben. Dies sei erforderlich gewesen, um unter der Beibehaltung der fiskalischen Regel Putins Mai-Erlasse in Bezug auf die Investitionsförderung und die Sozialausgaben zu finanzieren. Je nachdem, wie stark die Händler die Steueranhebung weitergeben würden, könne der Effekt der Mehrwertsteueranhebung auf die Inflationsrate in 2019 bis zu 1 PP betragen. Zusammen mit dem ungünstigen Gesamtmarktumfeld, dem schwachen Rubel und den aufgrund der steigenden Benzinpreise anziehenden Inflationserwartungen habe die Mehrwertsteueranhebung dazu geführt, dass die Zentralbank die Abweichungen von ihrem Inflationsziel von 4% nach oben für wahrscheinlicher erachte. Im Juni sei der Leitzins bei 7,25% unverändert gelassen worden und die Zentralbank habe signalisiert, dass die Pause möglicherweise bis 2019 andauern könne. Die Analysten würden allerdings nach wie vor Raum für einen oder zwei Zinsschritte nach unten um je 25 BP im Herbst sehen.

Das Wachstumspotenzial sei in Russland wegen der demographischen Situation und der niedrigen Produktivitätssteigerungen, die auf geringe Investitionen zurückzuführen seien, mit ca. 1,5% verhalten. Der kurz- bis mittelfristige wachstumsfördernde Effekt der Anhebung des Renteneintrittsalters werde durch die bestehende Diskriminierung der älteren Beschäftigten auf dem Arbeitsmarkt gedämpft. Der zur Erhöhung des Potenzialwachstums dringend notwendige institutionelle Reformprozess werde durch den mangelnden Reformwillen der Machthaber behindert. Das internationale Sanktionsregime verstärke Russlands wirtschaftliche Isolation.

Die von den USA Anfang April verabschiedeten Sanktionen hätten an sich keine Auswirkungen auf die Bonitätseinschätzung des russischen Staates, selbst wenn er den betroffenen Unternehmen unter die Arme greifen müsse. Die Staatsfinanzen seien nach wie vor solide und die externe Verschuldung niedrig im Vergleich zu vielen anderen Emerging Markets. Dies habe dazu geführt, dass Standard & Poor's das Fremdwährungsrating Russlands Ende Februar von BB+ auf BBB angehoben habe. Damit würden zwei der drei Ratingagenturen Russland nun wieder im Investment Grade einstufen. Doch die April-Entscheidung der USA erhöhe die Unsicherheit in Bezug auf mögliche weitere Strafmaßnahmen wieder erheblich.

Die Analysten würden davon ausgehen, dass die Erweiterung der Beschränkungen auf die Staatsanleihen des russischen Staates oder der Ausschluss der russischen Finanzinstitute aus dem SWIFT-Zahlungssystem zu extremen Maßnahmen zählen würden und unwahrscheinlich seien. Das Gipfeltreffen zwischen den Präsidenten Putin und Trump am 16. Juli in Helsinki werde nach Erwartung der Analysten nicht zur Lockerung des Sanktionsregimes führen. Es sei jedoch als ein positives Zeichen zu werten, dass das Treffen auf diesem hohen Niveau überhaupt stattfinde. (Ausgabe vom 10.07.2018) (11.07.2018/alc/a/a)