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Russland: Zentralbank achtet auf die Preis- und nicht auf die Infektionsdynamik


12.07.21 11:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Niedrige Impfraten und kaum Kontaktbeschränkungen - das war die "perfekte" Grundlage für die dritte COVID-19-Welle, die derzeit durch Russland rollt, so die Analysten der DekaBank.

Wegen der Schwächen des Test- und Meldesystems dürfte die tatsächliche Zahl der Neuansteckungen die gemeldeten deutlich übersteigen, die täglichen Todesfälle hätten bereits den Peak der zweiten Welle überschritten. Die Politik setze wie auch in erster Welle auf regionale Maßnahmen, die bisher allerdings sehr moderat ausfallen würden. Darüber hinaus solle das Impftempo durch die Einführung der verpflichtenden Impfquoten innerhalb der Unternehmen und im Staatssektor (in einigen Regionen) beschleunigt werden.

Aufgrund der hohen Impfskepsis sei das langfristige Potenzial solcher administrativen Maßnahmen recht beschränkt. Kurzfristig sei es allerdings gelungen, die Impfquote, die lange bei 12% stagniert habe, innerhalb weniger Wochen auf über 16% anzuheben (Personen mit mind. einer Impfung). Weil die Lockdown-Maßnahmen im Zusammenhang mit der neuen Welle moderat ausfallen würden und deshalb die Konjunkturentwicklung nicht massiv gestört werden sollte, dürfte sie die geldpolitische Haltung der Russischen Zentralbank wenig verändern. Bereits im Juni habe das geldpolitische Komitee über eine Leitzinsanhebung von 100 BP nachgedacht, habe sich allerdings für einen kleineren Schritt um 50 BP auf 5,50% entschieden.

Seitdem habe sich das Inflationsumfeld kaum verbessert: Die neue Corona-Welle habe den Inflationserwartungen einen neuen Schub verliehen und auch die realisierte Inflationsrate habe im Juni mit 0,7% mom (6,5% yoy) keine Verlangsamungstendenzen gezeigt. Dadurch werde es wahrscheinlicher, dass sich die Zentralbank bei ihrer Sitzung Ende Juli für einen großen Schritt entscheide und den Leitzins direkt auf 6,50% anhebe. Dann würden dem Juli-Schritt bis zum Jahresende allerdings keine oder maximal noch ein Schritt um 50 BP folgen, eine Normalisierung der Inflationsdynamik vorausgesetzt.

Das Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Biden und dem russischen Präsident Putin habe wie erwartet keinen Durchbruch in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen gebracht. Zwar schienen sich die Parteien zumindest auf einige Felder der Zusammenarbeit zu einigen, doch die Nachrichten über erneute Hackerangriffe in den USA, die mit Russland in Verbindung gebracht werden, sowie das Gesetz gegen die Anwendung von chemischen Waffen lassen eine neue Sanktionsrunde seitens der USA wahrscheinlich erscheinen, so die Analysten der DekaBank. "Nukleare" Sanktionen seien jedoch nach wie vor nicht das Hauptszenario der Analysten.

Nachdem die Nachkrisenerholung abgeschlossen sei, würden die Analysten die Rückkehr zu niedrigem Wachstum erwarten, das Russland aufgrund struktureller Probleme bereits vor der Krise ausgezeichnet habe.

Das Risiko weiterer internationaler Sanktionen gegen Russland bleibe immanent. Russland habe sich aufgrund des seit Jahren herrschenden Sanktionsregimes mit dem Westen aber bereits auf eine mögliche Isolation vorbereitet. Deshalb dürften nach Einschätzung der Analysten erst "nukleare" Sanktionen wie z.B. ein Verbot von Ölexporten oder von US-Dollar-Transaktionen, Ausschluss aus internationalen Zahlungssystemen oder ein allgemeines Verbot zum Halten russischer Staatsanleihen durch US-Investoren deutliche Auswirkungen auf die Bonität des Landes haben, auch wenn die Eskalation der Beziehungen mit dem Westen sich bereits heute negativ auf die Wirtschaftsperspektiven auswirke.

Solch harte Sanktionen seien derzeit nicht das Hauptszenario der Analysten. Die Ausstattung mit internationalen Reserven sei komfortabel. Dank der konservativen Fiskalpolitik der Vergangenheit verfüge Russland aber über fiskalische Puffer (ca. 12% des BIP) und könne sich auch "Wahlgeschenke" im Vorfeld der Parlamentswahl im September durchaus leisten. (Ausgabe vom 09.07.2021) (12.07.2021/alc/a/a)