Erweiterte Funktionen

Russland: Keine Entspannung bei der Inflationsentwicklung


16.11.21 11:17
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Auf Monatsbasis zeigt sich, dass die Aktivitätsdaten für September im Gegensatz zu Juli-August recht stark waren, so die Analysten der DekaBank.

Die Industrieproduktion sei im September dank der Stärke des Bergbausektors um 6,8% yoy gewachsen und habe die Phase der Stagnation beendet. Der Einkaufsmanagerindex im Verarbeitenden Gewerbe sei im Oktober zum ersten Mal seit Mai über die 50-Punkte-Marke gestiegen und signalisiere für diesen Sektor auch für das vierte Quartal Stärke. Im Einzelhandels- und Dienstleistungssektor sei die Lage gemischt. Einerseits habe sich die Dynamik der Einzelhandelsumsätze im September auf 5,6% yoy beschleunigt. Doch sei dies stark auf den Sondereffekt der Einmalzahlungen (Rentner, Familien mit Kindern) im Vorfeld der Parlamentswahlen im September zurückzuführen gewesen.

Die vierte COVID-Welle, die derzeit durch Russland rolle, deute auf eine Schwäche im vierten Quartal hin. Um die Welle abzubremsen, sei Anfang November eine kurze Periode "arbeitsfreier Zeit" eingeführt worden. Seitdem setze man eher auf 3G-Regeln als auf Lockdown-Maßnahmen. Dennoch würden die COVID-19-Beschränkungen in mehreren Dienstleistungssektoren Auswirkungen haben, was sich im Service-PMI widerspiegle, der im Oktober in die Kontraktionszone (48,8 Punkte) gefallen sei.

Keine Entspannung würden die COVID-Eindämmungsmaßnahmen an der Inflationsfront bringen, ganz im Gegenteil - in manchen Sektoren wie Tourismus würden sie zu saisonuntypischen Preisanstiegen führen und sich so pro-inflationär auswirken. Gleichzeitig sei der saisonale Preisrückrückgang bei den Lebensmitteln aufgrund der schlechten Ernte ausgeblieben. Im Oktober seien die Verbraucherpreise deutlich stärker als erwartet um 8,1% yoy angestiegen.

Die Russische Zentralbank habe auf diese Entwicklung im Oktober mit einer Anhebung um 75 Bp auf 7,50% reagiert - deutlich entschlossener als vorhergesagt, nachdem sie im September eigentlich auf ein moderates Anhebungstempo von 25 Bp eingeschwungen sei. Die Zentralbank habe die Tür für weitere Anhebungen ähnlicher oder höherer Größenordnung bei den kommenden Sitzungen offengelassen. Die neue Prognose der Analysten für den höchsten Punkt des Anhebungszyklus liege bei 8,50 bis 9,00%, was Ende des ersten Quartals 2022 erreicht werden sollte.

Nach dem ersten Lockdown 2020 seien die pandemiebedingten Beschränkungen in Russland im internationalen Vergleich gering ausgefallen, sodass die Corona-Pandemie für die Konjunkturentwicklung trotz der vergleichsweise geringen Impfquote von rund 30% eine kleinere Rolle spiele. Nachdem die Nachkrisenerholung abgeschlossen sei, würden die Analysten die Rückkehr zu niedrigem Wachstum erwarten, das aufgrund struktureller Probleme bereits vor der Krise zu verzeichnen gewesen sei.

Das Risiko weiterer internationaler Sanktionen gegen Russland bleibe imminent. Russland habe sich aufgrund des seit Jahren herrschenden Sanktionsregimes mit dem Westen aber bereits auf eine mögliche Isolation vorbereitet. Deshalb dürften nach Einschätzung der Analysten erst "nukleare" Sanktionen wie z.B. ein Verbot von Ölexporten oder von US-Dollar-Transaktionen, Ausschluss aus internationalen Zahlungssystemen oder ein allgemeines Verbot zum Halten russischer Staatsanleihen durch US-Investoren deutliche Auswirkungen auf die Bonität des Landes haben, auch wenn die Eskalation der Beziehungen mit dem Westen sich bereits heute negativ auf die Wirtschaftsperspektiven auswirke. Solch harte Sanktionen seien derzeit nicht das Hauptszenario der Analysten.

Die Ausstattung mit internationalen Reserven sei komfortabel. Dank der konservativen Fiskalpolitik der Vergangenheit verfüge Russland aber über fiskalische Puffer (ca. 12% des BIP) und könne sich auch "Wahlgeschenke" durchaus leisten. (Ausgabe vom 12.11.2021) (16.11.2021/alc/a/a)