Russland: Historisch tiefe Inflation eröffnet Weg für Leitzinssenkungen


14.09.17 08:45
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das BIP-Wachstum im zweiten Quartal hat positiv überrascht, so die Analysten der DekaBank.

Die Rate von 2,5% yoy markiere das höchste Expansionstempo seit fünf Jahren. Details seien noch nicht veröffentlicht worden, doch die Monatsdaten würden darauf hindeuten, dass die Erholung breit basiert gewesen sei. Die Analysten hätten ihre Prognose für 2017 auf 1,8% (von 1,2%) nach oben revidiert, würden allerdings davon ausgehen, dass die Konjunkturdynamik in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas zurückgehe.

Dies zeichne sich bereits in der Entwicklung des Industrieproduktion und der Einzelhandelszahlen für Juli ab, die nur 1,1 bzw. 1% höher als im Vorjahr gelegen hätten. Die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe sei im August ebenfalls etwas schlechter gewesen als im Juli: Der Einkaufsmanagerindex sei um 1,1 Punkte auf nun 51,6 zurückgegangen. Nur die Stimmung in der Dienstleistungsbranche habe sich gemäß der PMI-Entwicklung (auf 54,2 von 52,6 Punkten im Juli) verbessert, möglicherweise dank der Ankündigung, dass die Zentralbank die Sanierung der großen ins Straucheln geratenen Privatbank "Otkrytie" selbst übernehmen werde, was die Unsicherheit im Bankensektor deutlich reduziert habe.

Gleichzeitig überrasche die Preisentwicklung seit zwei Monaten nach unten: Im August sei die Inflationsrate aufgrund der gesunkenen Preise für saisonale Lebensmittel auf das historische Tief von 3,3% yoy gefallen, und auch jenseits der Nahrungsmittelpreise sei im Monatsvergleich kaum Teuerung zu verzeichnen gewesen. Die Zentralbank sei somit auf einem guten Weg, ihr Inflationsziel von 4% zum Jahresende zu erreichen. Anders als im Juli, als die Preisentwicklung nach oben überrascht habe und die Einführung der neuen US-Sanktionen für Volatilität auf den Märkten gesorgt habe, stehe am 15. September einer Leitzinssenkung nichts mehr im Wege. Da sich der Rubel in den letzten Wochen stark gezeigt habe, erwarte man einen Schritt um 50 BP auf dann 8,50%. Die Zentralbank dürfte danach gemäß der Analysten-Prognose den Kurs auf eine vorsichtige Lockerung der Geldpolitik beibehalten und die Zinsen so bis Ende 2018 auf 7% bringen.

Die Umsetzung notwendiger Reformen werde durch bevorstehende Wahlen und den mangelnden Willen der Machtinhaber erschwert. Die neuen US-Sanktionen würden Russlands wirtschaftliche Isolation verstärken, indem sie dem Privatisierungsprozess, der ohnehin sehr schleppend verlaufe, weitere Steine in den Weg legen würden.

Die wirtschaftliche Erholung und eine konservative Fiskalpolitik würden Russland auf ein Rating-Upgrade hoffen lassen. Derzeit vergebe nur Fitch ein Investment Grade, während S&P und Moody‘s Russland noch einen Notch darunter sehen würden. Die Ratings seien von soliden Staatsfinanzen und niedriger externer Verschuldung untermauert: Die Staatsverschuldung liege unter 15% des BIP und auch die Finanzierung des Defizits dürfte dank höherer Ölpreise und fiskalischer Reservefonds über die nächsten Jahre keine größeren Probleme bereiten. Die Auslandsverschuldung des Privatsektors sei in den vergangenen Jahren deutlich gesunken und auch die Kapitalabflüsse hätten abgenommen, sodass die Währungsreserven mittlerweile wieder bei über 400 Mrd. USD lägen.

Mittelfristig seien die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sowie die Dynamik der Öl- und Gaspreise für das russische Rating entscheidend. Politisch richte sich der Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2018, bei der eine weitere Amtszeit für Putin sehr wahrscheinlich sei. Die Parlamentswahl 2016 habe die Regierungspartei mit einem Stimmenanteil von 54,2% bei geringer Wahlbeteiligung eindeutig für sich entschieden. (Ausgabe vom 13.09.2017) (14.09.2017/alc/a/a)