Erweiterte Funktionen

Rentenmarkt: Neuinfektionen dürften zur Umkehr des Renditeanstiegs führen


08.10.20 15:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen Tagen war das zuletzt seltene Phänomen steigender Staatsanleiherenditen zu beobachten, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen T-Notes-Renditen seien in der Spitze auf knapp 0,80% gestiegen, nachdem sie am Freitag zuvor bei 0,66% gestartet seien. Bei den entsprechenden Bunds sei die Bewegung nicht ganz so ausgeprägt, aber mit einem Anstieg von -0,54% auf -0,49% auch sichtbar gewesen. Was sei passiert? Nicht so viel Neues. Aber möglicherweise beinhalte der Renditeanstieg die Erwartung, dass die Wahlchancen für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden nach der chaotischen Debatte mit Donald Trump gestiegen seien. Und das könnte bedeuten, dass im kommenden Jahr ein großes Hilfspaket im Volumen von 2 bis 3 Billionen US-Dollar verabschiedet würde. Das seien immerhin bis zu 15% des BIP, würden eine höhere Schuldenaufnahme und eine entsprechende Belastung für den Anleihemarkt bedeuten.

Wie groß die Belastung letztlich ausfalle, hänge allerdings in einem hohen Ausmaß von der FED ab. Nachdem FED-Chef Jerome Powell in der vergangenen Woche festgestellt habe, dass das Risiko, fiskalisch zu wenig zu tun, höher sei als die Gefahr, zu viel Geld auszugeben, sei es gut vorstellbar, dass die FED die Anleiheankäufe im Fall einer höheren Schuldenaufnahme wieder aufstocke. Im September seien 67,5 Mrd. US-Dollar an T-Notes und verbrieften Hypothekenkrediten auf die Zentralbankbilanz genommen worden, weniger als in den vorangegangenen sechs Monaten.

Lange Zeit sei noch spekuliert worden, dass sich die Republikaner und die Demokraten doch noch zusammenraufen und ein neues Hilfspaket schnüren würden. Gestern jedoch habe Trump die Republikaner angewiesen, die Verhandlungen zu beenden. Kurze Zeit später habe er vorgeschlagen, einzelne Stützungsmaßnahmen, etwa für die Fluggesellschaften, doch noch im Kongress einzubringen. Die Demokraten möchten jedoch ein Gesamtpaket verabschieden. Insgesamt berge die Politik des Nicht-Handelns das Risiko, dass sich die starke Konjunkturdynamik des dritten Quartals abschwäche oder es gar zur Stagnation komme. Vor diesem Hintergrund könnten die Renditen in den nächsten Tagen durchaus wieder den Rückwärtsgang einlegen.

Dass die Wahlchancen für Joe Biden erheblich gestiegen seien, ergebe sich aus den Umfragen, die Biden mittlerweile knapp 10 Prozentpunkte vor Trump sehen würden. Dazu beigetragen habe vor allem die Präsidentschaftsdebatte, aber vermutlich auch der wenig rücksichtsvoll erscheinende Umgang Trumps mit seiner Covid-19-Infektion.

Derweil würden sich die Konjunkturaussichten in Deutschland eintrüben. Das liege weniger an den jüngsten Industriedaten, die mit einem Rückgang von 0,2% gegenüber dem Vormonat enttäuscht hätten, sondern vor allem an dem sprunghaften Anstieg der Corona-Infektionen. Es verstärke sich der Eindruck, dass die Corona-Verbreitung jetzt doch allmählich außer Kontrolle gerate, ähnlich wie das in Frankreich geschehen sei. Zuletzt habe es in Deutschland über 4.000 Neuinfektionen an einem Tag gegeben, der Siebentagesdurchschnitt steige seit Wochen und liege jetzt bei 2.632. Deutschland sei jetzt ungefähr dort, wo Frankreich vor sieben Wochen gewesen sei. Der dortige Siebentagesdurchschnitt liege bei täglich rund 12.000 Neuinfektionen. Städte und Kreise würden in Deutschland Einreiserestriktionen erlassen und es sei damit zu rechnen, dass weitere einschränkende Maßnahmen in den nächsten Tagen und Wochen erlassen würden.

Da unsere wichtigsten Handelspartner noch stärker von Covid-19 betroffen sind - nicht nur in Europa steigen die Zahlen, sondern auch in den USA - wird der Aufschwung in Deutschland im laufenden Quartal erheblich gedämpft werden, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Im Dienstleistungssektor sei der Abschwung bereits angekommen. Hiervon zeuge der schwache PMI-Index, der in Deutschland erneut gefallen sei und in den meisten Ländern der Eurozone wieder unter der Expansionsgrenze von 50 liege.

Derweil plane Spanien, das in diesem Jahr vermutlich die tiefste Rezession der Euroländer erlebe, im kommenden Jahr ein massives Infrastrukturprogramm, das mit Hilfe des New Generation EU-Fonds finanziert werden solle. Hier werde allerdings noch weiter verhandelt, ohne dass eine Lösung greifbar wäre. Allerdings könnten die steigenden Infektionsraten und die neuen Lockdownmaßnahmen die Dringlichkeit des 750 Mrd. Euro Hilfspakets unterstreichen und damit eine Einigung mit dem EU-Parlament und den nationalen Entscheidungsträgern beschleunigen.

Gehe alles gut über die Bühne, dürfte ab der ersten Hälfte 2021 der Startschuss für Anleiheemissionen zur Finanzierung des Hilfsfonds fallen. Schon jetzt werde man aber gemeinsame Anleihen begeben, um Kurzarbeit oder vergleichbare Maßnahmen in Ländern der EU zu finanzieren. Die erste Emission sei bereits in der zweiten Oktoberhälfte geplant. Die Anleihen sollten als so genannte Sozialanleihen begeben werden. Man werde mit deutlich unter 50 Mrd. starten, so der EU-Haushaltskommissar Johannes Hahn. Insgesamt sei ein Emissionsvolumen von 100 Mrd. Euro vorgesehen. Im kommenden Jahr würden dann (so die bisherige Erwartung) weitere gemeinsame Anleihen im Rahmen des 750 Mrd. Euro Hilfsprogramms folgen, so dass hier ein neues interessantes Anleihesegment entstehe.

In diesem Zusammenhang stelle sich auch die Frage, ob die EZB einen Teil der Emissionen der EU-Kommission absorbieren werde. Indirekt habe Bundesbankpräsident Weidmann dazu Stellung bezogen, in dem er gesagt habe, dass er kein Anlass sähe, dass PEPP-Programm aufzustocken bzw. zu verlängern. Mitte 2021 laufe das Programm offiziell aus und es gebe Diskussionen darüber, ob die Flexibilität von PEPP auf das weiter laufende APP-Programmübertragen werden solle. Weidmann warne hingegen, dass das deutsche Bundesverfassungsgericht der EZB keinen Persilschein ausgestellt habe. Für Dezember sei die allgemeine Erwartung im Markt, dass das PEPP-Programm erneut aufgestockt werde.

In der kommenden Woche werde die IWF-Herbsttagung rein virtuell stattfinden. Am Dienstag (13.10.) erscheine der World Economic Outlook des IWF mit neuen Prognosen, in dem die BIP-Vorhersagen für dieses Jahr vermutlich hochrevidiert würden, für das kommende Jahr aber nach unten angepasst werden dürften. Darüber hinaus rücke das Boris Johnson Ultimatum näher. Er habe gesagt, dass bis zum 15.10. eine Einigung bei den Brexitverhandlungen zustande gekommen sein müsse, ansonsten werde man die Verhandlungen beenden. Das dürfte auch Thema beim Treffen des Europäischen Rats (EU-Staats-und Regierungschefs) sein. Der tägliche Blick auf die Umfragen in den USA werde jetzt wichtiger und da werde man auch sehen, ob die Debatte zwischen den Vizekandidaten Mike Pence und Kamala Harris Spurenhinterlassen habe. Datenseitig sei unter anderem auf die Industrieproduktion in Frankreich und Italien zu achten (09.10.), auf den ZEW in Deutschland (13.10.) sowie die Inflationsdaten aus den USA (13.10.) (08.10.2020/alc/a/a)