Erweiterte Funktionen

Rentenmarkt: Langsame geldpolitische Wende spricht gegen weiteren Abverkauf von Bundesanleihen


04.08.17 09:45
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - An den Kapitalmärkten kam es Ende Juni zu einer ausgeprägten Neubewertung von Anleihen, so die Analysten von Postbank Research.

Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen sei dabei innerhalb weniger Tage von etwa 0,25% auf knapp 0,50% gestiegen. Die Aufwärtsbewegung habe bis Mitte Juli angehalten, als die Bundrendite mit 0,62% den höchsten Wert seit Ende 2015 erreicht habe. Bei Anleihen anderer EWU-Staaten sei eine ähnliche Entwicklung zu beobachten gewesen. Gegenüber US-amerikanischen Treasuries und britischen Gilts habe sich der Renditeabstand im genannten Zeitraum dagegen etwas eingeengt, da deren Renditen weniger stark gestiegen seien als die europäischer Staatsanleihen. Auslöser für den Renditeanstieg sowie die Verringerung der Spreads gegenüber Treasuries und Gilts sei die "hawkish" aufgefasste Rede des EZB-Präsidenten in Sintra gewesen. Vor allem seine Äußerungen zur Inflationsentwicklung seien von den Märkten als weitere Vorbereitung des Ausstiegs aus der ultraexpansiven Geldpolitik der EZB gewertet worden.

Nachfolgend hätten die Renditen hierzulande aber wieder nachgegeben, wobei der Impuls von sinkenden US-Kapitalmarktzinsen ausgegangen sei. Diese hätten wiederum u.a. auf eine Anhörung Janet Yellens vor dem US-Kongress reagiert, bei der sie signalisiert habe, dass die FED die Geldpolitik nur graduell zu straffen gedenke. Weitere Unterstützung habe der deutsche Rentenmarkt dann zudem durch die sehr zurückhaltende Positionierung Draghis auf der EZB-Pressekonferenz im Juli erhalten. Obwohl starke EWU-Konjunkturdaten, wie insbesondere der ifo-Geschäftsklimaindex, die Renditen zwischenzeitlich nochmals in die Höhe getrieben hätten, habe sich die Korrekturbewegung nach unten letztlich bis in den August hinein fortgesetzt.

Zuletzt habe die 10-jährige Bundrendite mit 0,49% nur marginal höher als zum Zeitpunkt der Juli-Ausgabe von "Zinsen und Währungen" gelegen. Die Rendite 2-jähriger Bundesanleihen sei hingegen im selben Zeitraum deutlich um 10 Basispunkte auf -0,69% gefallen. Dies zeige, dass ein erheblicher Teil der geldpolitischen Fantasie, die Draghi mit seiner Sintra-Rede angeregt habe, wieder aus dem Markt gewichen sei.

Die Zinseinschätzung der Analysten von Postbank Research hat sich durch die jüngsten Bewegungen nicht wesentlich verändert. Vor dem Hintergrund eines voraussichtlich gemächlichen, langwierigen Ausstiegs der EZB aus der ultraexpansiven Geldpolitik würden die Analysten auch weiterhin nur von einem allmählichen Anstieg der Kapitalmarktzinsen ausgehen. Sie hätten zwar seine Prognose für die 10-jährige Bundrendite auf Jahressicht von 0,70% auf 0,80% angehoben. Dies sei aber vor allem dem Fortschreiten auf der Zeitachse und dem damit verbundenen Heranrücken an die geldpolitische Wende geschuldet. (Ausgabe August 2017) (04.08.2017/alc/a/a)