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Rentenmärkte: Zehnjährige US-Renditen über 1%


07.01.21 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Unruhen am Capitol Hill, die gestern (06.01.) in den USA stattgefunden haben, haben an den Märkten bislang noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Renditen der zehnjährigen T-Notes, die üblicherweise ein Gradmesser für politische Unsicherheit seien, seien gestiegen anstatt zu fallen und würden ihr Niveau von deutlich über 1% halten und die entsprechenden Bundrenditen seien zunächst leicht gestiegen. Vermutlich mache sich hier die Erwartung bemerkbar, dass die Biden-Administration nach der für die Demokraten erfolgreichen Stichwahl für die zwei Senatsposten von Georgia jetzt ein größeres Hilfspaket durch den Kongress bekomme und die Verschuldung entsprechend steige.

Auch an den Aktienmärkten sei die Stimmung zunächst noch freundlich gewesen, in Deutschland unterstützt von den guten Zahlen zu den Auftragseingängen im November. Der nicht überraschende Rückgang der PMI-Indices für den Dienstleistungssektor (Dez) sei hingegen weitestgehend ignoriert worden. Am deutlichsten sichtbar seien die Unruhen an der Entwicklung des Bitcoin-Preises abzulesen gewesen. Habe dieser noch zum Wochenbeginn bei rund 30.000 US-Dollar gelegen, sei der Wert heute auf 38.000 US-Dollar gestiegen. Viele Bitcoin-Anhänger würden Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen hegen und dürften sich durch die gestrigen Ereignisse bestätigt fühlen.

Die Inflationsdaten aus der Eurozone seien nicht geeignet gewesen, dem jüngsten Anstieg der Staatsanleiherenditen einen neuen Schub zu versetzen. Die Preise seien im Dezember in der Eurozone um 0,3% MoM gefallen, woran Deutschland (-0,7%) und Spanien (-0,6%) einen wesentlichen Anteil gehabt hätten. In den kommenden Monaten dürften die Preise aber wieder steigen, bedingt durch die höheren Ölpreise sowie den Wegfall der Mehrwertsteuersenkung in Deutschland. Die Ölpreise dürften zwar trotz des Beschlusses der OPEC, die Förderung überraschend deutlich zu senken, wegen eines Wachstumseinbruches in den USA fallen. Im Vergleich zum Vorjahr würden die Preise aber ab Februar/März dennoch deutlich höher ausfallen, was zu wieder positiven Inflationsraten beitragen sollte.

Mit dem Wahlsieg in Georgia dürfte eine Blockade der Gesetzesinitiativen der Regierung Biden durch die Opposition verhindert werden. Biden werde dennoch Kompromisse eingehen müssen, denn jeder der 50 Demokraten im Senat müsse (neben dem Abgeordnetenhaus) von seinen Gesetzesvorhaben überzeugt werden. Es dürfe keinen einzigen Abweichler geben, was angesichts der politischen Bandbreite auch unter den Demokraten eine Herausforderung darstellen werde. Was die Republikaner weiterhin machen könnten, sei es legislative Prozesse durch die so genannte Filibuster-Politik zu verzögern, d.h. man rede mehrere Stunden und behindere dadurch die Verabschiedung von Gesetzen.

Das gestern veröffentlichte Protokoll der letzten FED-Sitzung mache vor allem deutlich, dass die FED bis auf Weiteres den Ankauf von Anleihen im Volumen von 120 Mrd. US-Dollar pro Monat fortsetzen werde. Außerdem scheine die Hürde zur Erhöhung dieses Volumens relativ hoch zu sein, denn die FED habe betont, dass diese Ankäufe einen sehr kräftigen Stimulus für die Wirtschaft bedeutet hätten. Daraus würden die Analysten schließen, dass es eines sehr kräftigen Anstiegs der US-Renditen bedürfte, damit die FED mit höheren Anleiheankäufen reagiere (da sie in diesem Fall befürchten würde, dass die Konjunktur durch den Zinsanstieg abgewürgt würde). Sollten die Renditen auf 1,5% steigen, dürfte das aber nicht ausreichend sein, um zu reagieren.

An der Corona-Front gebe es die gute Nachricht, dass der Impfstoff von Moderna jetzt auch in der EU genehmigt worden sei und erste Auslieferungen in den nächsten Wochen zu erwarten seien. Die Infektionszahlen in Deutschland seien weiterhin sehr hoch und in den nächsten Tagen dürften sich die Familientreffen an den Weihnachtstagen in den Statistiken bemerkbar machen. Man müsse wohl das Szenario in Erwägung ziehen, dass der Lockdown nicht nur bis Ende Januar gelte - wie diese Woche beschlossen worden sei -, sondern auch darüber hinaus verlängert werde. Großbritannien erwäge einen bis Ostern dauernden Lockdown. Bei einem derart langen Lockdown wären die Wachstumsprognosen für Deutschland nicht zu halten.

Heute (07.01.) könnte sich in Italien die seit mehreren Wochen schwelende Koalitionskrise zuspitzen. Der Sozialdemokrat Renzi habe angedroht, heute seine Minister aus der Regierung zurückzuziehen, wenn seine Forderungen zur Verteilung der EU-Hilfsgelder nicht gehört würden.

Datenseitig sei auf die morgigen US-Arbeitsmarktdaten (Dez) sowie die Außenhandelsdaten aus Deutschland (Nov) und die Arbeitslosenrate in der EU (Nov) zu achten. In der kommenden Woche könnten die Inflationsdaten aus den USA (13.01., Dez) und die US-Einzelhandelsumsätze (15.01., Dez) die Märkte bewegen. Schließlich würden die großen Industrieländer berichten, wie stark die Industrieproduktion im November gewesen sei (morgen Deutschland und Frankreich, nächste Woche Italien und Eurozone). Die USA berichte diese Daten bereits für Dezember. (07.01.2021/alc/a/a)