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Rentenmärkte: Vorsichtige Bondinvestoren


04.06.21 09:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der deutschen und der US-Staatsanleihen sind in den vergangenen Tagen wieder leicht gesunken, während der S&P 500-Index seitwärts tendierte und der STOXX Euro 600 etwas zulegte, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Gestützt werde dies grundsätzlich durch die PMI-Indikatoren, die zeigen würden, dass in der Eurozone auch im Dienstleistungssektor der Aufschwung beginne, während der Impfprozess weitere Fortschritte mache. Bedenke man, dass die Aktienmärkte der Eurozone und den USA weiterhin in der Nähe von Allzeithochs rangieren würden, überrasche die Vorsicht der Bond-Anleger. Sie scheinen dem Frieden noch nicht so recht zu trauen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. In der Tat gebe es auch noch einige Hindernisse auf dem Weg zu einer nachhaltigen Erholung der Weltwirtschaft.

In den USA komme beispielsweise der Impfprozess nur noch recht schleppend voran. Seit Anfang April habe sich die Kurve der Erstimpfungen deutlich abgeflacht. 51% hätten jetzt mindestens eine erste Impfung erhalten. Nunmehr würden es viele Kommunen und Unternehmen versuchen, mit Geldgeschenken oder sonstigen Prämien die Menschen zum Impfen zu bewegen. Die Herdenimmunität werde daher möglicherweise in der EU eher erreicht als in den USA. Als weiteres Risiko komme hinzu, dass in weiten Teilen der Welt und insbesondere Asien der Impfprozess ohnehin meilenweit hinterherhinke und gleichzeitig die Infektionsraten vielfach wieder steigen würden. Das spreche dafür, dass der Renditeanstieg in den kommenden Monaten vermutlich nur recht zaghaft vonstattengehen werde.

Einen gewissen Schub würden die US-Renditen kurzfristig sicherlich erhalten, wenn die Gespräche zwischen den Demokraten und den Republikanern über das geplante Infrastrukturprogramm erfolgreich verliefen. Vermutlich wolle man sich nur noch bis zum 7. Juni mit den Verhandlungen Zeit lassen, dann sei die Sitzungspause des Kongress zu Ende. Sollte man sich bis dahin nicht geeinigt haben, würden die Demokraten, so würden die Medien berichten, versuchen, ohne die Zustimmung der Republikaner das Gesetz auf den Weg zu bringen. Die Demokraten hätten das Paket von 2,3 auf 1,7 Billionen US-Dollar zurückgeschraubt, die Republikaner würden sich rund 0,93 Billionen US-Dollar vorstellen, nachdem sie vorher mit einem noch niedrigeren Wert ins Rennen gegangen seien. Wir rechnen nicht mit einer Einigung und gehen daher von einem relativ großen Paket aus, das die Demokraten alleine durch den Kongress zu bringen versuchen werden, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Zurück zur Inflation. Sie sei in der Eurozone weiterhin ein großes Diskussionsthema, da zum einen die Teuerungsrate in der Währungsunion im Mai auf 2,0% YoY gestiegen sei und zum anderen die EZB vor diesem Hintergrund ihre Politik der Anleiheankäufe rechtfertigen müsse.

Auf den ersten Blick sehe die Inflationsrate von 2,0% hoch aus, im April habe sie noch bei 1,6% und im Dezember bei -0,3% gelegen. Aber erstens sei der EZB eine Inflation von 2% wesentlich lieber als ein negativer Wert. Und zweitens habe sich die Kernrate zuletzt kaum nach oben bewegt, sondern liege bei 0,9% und sei damit sogar deutlich niedriger als im Januar. Die niedrige Kernrate zeige, dass die Energiekomponente wesentlich zu dem Anstieg der Gesamtinflation beigetragen habe. Der damit einhergehende Basiseffekt werde spätestens im nächsten Jahr wieder auslaufen. Für die Gegner der Nullzinspolitik der EZB seien die Zahlen dennoch Munition.

Insofern gerate die EZB unter Druck, was am kommenden Donnerstag deutlich werden dürfte, wenn die Notenbankchefin Christine Lagarde nach der EZB-Sitzung bei der Pressekonferenz mit entsprechenden Fragen konfrontiert werde. Es sei aber davon auszugehen, dass Lagarde an ihrer Position festhalte, die Inflation als vorübergehend anzusehen.

Was die Anleiheankäufe angehe, so habe Lagarde vor drei Monaten gesagt, dass man diese bis zum Juni "signifikant" hochfahren wolle und dann weitersehen werde. Damit habe man sich keinen echten Gefallen getan, denn jetzt könnte die Erwartung eintreten, man werde die Anleiheankäufe wieder zurückfahren. Frau Lagarde habe aber immer betont, dass das PEPP-Programm flexibel eingesetzt werde. Das sei also ihre kommunikative Herausforderung, den Anlegern klarzumachen, dass das PEPP-Programm immer noch flexibel sei und man vielleicht weniger Anleihen kaufe, vielleicht aber auch mehr, je nachdem wie die Marktlage eingeschätzt werde.

In diesem Zusammenhang sei die Ankündigung der FED, das Portfolio an Unternehmensanleihen und ETF's bis zum Ende des Jahres abzubauen, einzuordnen. Die Wertpapiere habe die FED bei Ausbruch der Pandemie gekauft. Die Volumina seien aber klein, es gehe um einen Gesamtbetrag von weniger als 14 Mrd. US-Dollar. Von einem Tapering könne man hier also nicht sprechen, liege die Bilanzsumme der FED doch bei insgesamt über 7 Billionen US-Dollar.

In den kommenden Tagen sollte man auf das G7-Treffen in Cornwell, Großbritannien, schauen (11. bis 13. Juni). Dort gehe es zum einen um Pläne für eine gemeinsame Steuerpolitik für Unternehmen. Hier versuche die US-Regierung im Vorfeld Verhandlungsmasse aufzubauen, indem sie Strafzölle von 25% für ein (überschaubares) Importvolumen angekündigt habe. Betroffen seien davon unter anderem Großbritannien, Italien und Spanien. Diese Länder hätten eine Steuer für Technologieunternehmen wie Alphabet und Facebook beschlossen. Die USA hätten die Strafzölle für sechs Monate ausgesetzt und möchten verhandeln. Darüber hinaus würden die G7-Staaten möglicherweise eine globale Infrastrukturpartnerschaft ankündigen. Angesichts der klimapolitischen Herausforderungen sei das eine dringende Aufgabe. Offensichtlich möchte man aber auch China in diesem Bereich nicht das Feld überlassen, das mit der Seidenstraßeninitiative eine eigene Interessenspolitik verfolge.

Datenseitig sei auf die US-Arbeitsmarktdaten (04.06.) für den Monat Mai zu achten. Erwartet werde ein Beschäftigungszuwachs von 655.000 Personen. Möglicherweise werde die Zahl des Vormonats hochrevidiert, nachdem hier ein nur enttäuschender Zuwachs von 266.000 Personen verzeichnet worden sei. Wichtig seien auch die Inflationsdaten aus den Vereinigten Staaten (CPI, 10.06.). Ein Anstieg auf 4,6% YoY stehe zu erwarten, womit allmählich die Spitze im Inflationsverlauf erreicht werden sollte. Positive Überraschungen bei diesen Daten (Arbeitsmarkt, Preise) könnten kurzfristig einen Renditesprung nach oben auslösen, auch bei den Bunds. Ansonsten sei auf die Auftragseingänge in der deutschen Industrie (07.06., April), den ZEW-Index (08.06.) und die deutschen Ausfuhren (09.06., April) ein Augenmerk zu legen. (Ausgabe vom 03.06.2021) (04.06.2021/alc/a/a)