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Rentenmärkte: Nachrichten-Hattrick sorgt für mehr Konjunkturoptimismus


12.11.20 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Gleich drei Nachrichten sorgten dafür, dass die Renditen der deutschen und der US-Staatsanleihen in den letzten Tagen nach oben geschossen sind und den Ausbruch aus der engen Bandbreite der vergangenen Wochen gewagt haben, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen Bunds würden mit -52 BP auf dem höchsten Stand seit Mitte September rentieren und die entsprechenden T-Notes hätten sich zeitweise der 1%-Marke genähert.

Allen voran habe der überraschend erfolgreiche Testverlauf des Impfstoffes von BioNTech/Pfizer für einen kräftigen Schub an den Aktienmärkten gesorgt. Das Wahlergebnis aus den USA bedeute, dass die US-Politik im kommenden Jahr berechenbarer werden dürfte. Die Nachfrage nach T-Notes als sichererer Hafen gehe daher zurück. Und zuletzt habe das Europäische Parlament den Durchbruch bei der Verabschiedung des EU-Haushalts vermeldet, wozu auch der 750 Mrd. Euro Wiederaufbaufonds gehöre. Letzterer müsse noch von den Parlamenten der meisten Mitgliedsstaaten abgesegnet werden, aber mit der Zustimmung des EU-Parlaments sei ein wichtiger Meilenstein erreicht worden. Gemeinsam sei diesen Neuigkeiten, dass sie die Aussichten auf eine kräftige Erholung der globalen Konjunktur signifikant verbessern würden, was sich auch in einem kräftigen Anstieg der Ölpreise widerspiegele.

Was möglicherweise unterschätzt werde, sei, dass der unmittelbare Effekt auf das Wirtschaftswachstum gleich Null sei. Die Shutdowns in Europa würden weiter bestehen bleiben, da der Impfstoff erst im Laufe des nächsten Jahres breit verteilt werden dürfte. Der neue US-Präsident Joe Biden werde erst am 20. Januar die Regierungsgeschäfte übernehmen, während die Transitionsphase möglicherweise ganz entfalle, da Präsident Donald Trump seine Wahlniederlage vorerst nicht eingestehen möchte. Und das Geld aus dem Wiederaufbaufonds werde erst in der ersten Hälfte 2021 verteilt werden. Konjunkturell dürfte es daher zunächst noch abwärts gehen.

Die Notenbanken würden daher auch weiterhin an ihrem expansiven Kurs festhalten bzw. den Expansionsgrad sogar erhöhen. Dies sei auch deutlich bei der gestrigen (11.11.) Sintra-Konferenz gewesen, bei der die EZB-Notenbankchefin Christine Lagarde gesprochen habe. Während der Erfolg bei der Impfstoffsuche nach ihren Worten ermutigend sei, habe Lagarde keine Andeutungen gemacht, dass das etwas an dem Plan ändere, im Dezember auf breiter Front die Geldpolitik zu lockern, so wie das bei der geldpolitischen Sitzung Ende Oktober angekündigt worden sei. Das sei nachvollziehbar, denn an den wirtschaftlichen Realitäten änderr der Impfstofffortschritt in den nächsten Monaten kaum etwas. Erst im zweiten Halbjahr dürfte es zu einer spürbaren positiven konjunkturellen Wirkung kommen.

Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden daher weiterhin damit rechnen, dass das PEPP-Programm aufgestockt und verlängert werde (um bis zu 500 Mrd. Euro, bis mindestens September 2021) und die Anreize für Banken, an TLTRO-Geschäften teilzunehmen, erhöht würden. Das dürfte am ehesten durch eine Erhöhung der maximalen Prämie gelingen, die Banken erhalten würden, wenn sie TLTRO-Mittel von der EZB beziehen würden. Technisch definiere sich diese Prämie als der Zinssatz, der maximal 50 Basispunkte unterhalb des Einlagenzinssatzes (-0,5%) liege. Banken würden TLTRO-Kredite also maximal zu einem Zinssatz von -1% erhalten, wenn sich Neugeschäft gemessen an einer von der EZB definierten Benchmark entwickle. Dieser maximale Zinssatz könnte auf -1,1% oder -1,2% angepasst werden, da dies der direkteste Weg sei, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Hingegen würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank nicht erwarten, dass der Einlagezinssatz von -0,5% noch weiter sinke. Die nächste EZB-Sitzung sei am 10. Dezember, Frau Lagarde werde allerdings unter anderem nächste Woche auf einer Regionalkonferenz erneut sprechen.

Vor diesem Hintergrund werde sich der Renditeanstieg vermutlich nicht ungebremst fortsetzen, zumal weder die EZB noch die FED Interesse daran hätten, dass ein Anstieg der langfristigen Renditen die Konjunktur zusätzlich belaste.

Derweil habe der Sachverständigenrat sein Jahresgutachten vorgelegt, in dem er für das kommende Jahr ein Wirtschaftswachstum in Deutschland von 3,7% prognostiziere. Das sei relativ optimistisch, denn trotz Impfstoff sei es nicht ausgeschlossen, dass es im kommenden Jahr zu einem erneuten Lockdown komme. Für das laufende Jahr werde ein Rückgang des BIP um 5,1% erwartet. Dabei habe man für das vierte Quartal eine Abnahme der Wirtschaftsleistung um 0,3% unterstellt.

Die kommenden Tage würden nach der anfänglichen Impfstoff-Euphorie vermutlich von einer gewissen Ernüchterung geprägt sein, dass sich nicht alles sofort ändere. Darüber hinaus bleibe die politische Situation in den USA noch unklar, da der amtierende Präsident Donald Trump mit rechtlichen Schritten das Wahlergebnis infrage stelle. Datenseitig sei unter anderem auf den Michigan-Konsumentenvertrauensindex aus den USA (13.11.) und die Einzelhandelsumsätze in China (16.11.) zu achten. Zuletzt hätten diese anlässlich des Single-day (eine Art chinesisches Pendant zum amerikanischen Black Friday) einen kräftigen Schub erhalten, der allerdings in den Oktober-Zahlen noch nicht enthalten sein werde. Außerdem stünden noch Industrieproduktionsdaten aus den USA (17.11.), China (16.11.) und Italien (20.11.) auf der Agenda. Die deutschen Steuereinnahmen für den Monat Oktober würden am 20.11. veröffentlicht. Spannender werde aber sein, wie die Steuerschätzung des deutschen Finanzministeriums ausfalle, die heute (12.11.) veröffentlicht werde und die wohl weniger katastrophal sein werde, als man sich das vor einigen Monaten ausgemalt habe. (12.11.2020/alc/a/a)