Erweiterte Funktionen

Rentenmärkte: Larry Summers warnt vor Überhitzung


18.02.21 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die auffälligste Bewegung an den Finanzmärkten war in den letzten Tagen der Anstieg der langfristigen Renditen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen T-Notes seien zeitweise deutlich über die 1,30% gestiegen, lägen derzeit bei 1,29% und die Bunds hätten sich den -0,30% genähert (derzeit: -0,35%). Das seien die höchsten Stände seit Februar 2020 (T-Notes) bzw. Juni 2020 (Bunds). Ausgelöst worden sei der Renditeanstieg durch Diskussionen über die Gefahren einer Überhitzung der US-Konjunktur. Larry Summers, der ehemalige Finanzminister von Bill Clinton, habe kürzlich in einem Meinungsbeitrag davor gewarnt, dass das von der Biden-Administration geplante Konjunkturpaket zu groß sein könnte und der daraus entstehende Nachfrageimpuls vor allem zu höherer Inflation führen würde. Auch wenn die Fiskalpakete in Europa insgesamt weniger groß seien, sei auch hierzulande ein Renditeanstieg zu beobachten.

Gestützt werde der Renditeanstieg grundsätzlich auch durch freundliche Konjunkturdaten aus den USA. Dort hätten die Einzelhandelsumsätze im Januar einen Sprung von über 5% gegenüber dem Vormonat gemacht. Dieser außergewöhnliche Zuwachs sei vor allem auf die 600 US-Dollar Einmalzahlung zurückzuführen, die Anfang Januar fast jeder Amerikaner vom Staat erhalten habe. Zudem seien die Einzelhandelsumsätze in den vergangenen drei Monaten gesunken. In den USA würden zwar auch in vielen Bundesstaaten Shutdown-Maßnahmen gelten, aber das treffe in der Regel Cafés und Bars und auch Schulen, aber der Einzelhandel müsse wenn überhaupt nur Abstandsregeln einhalten. Falls im zweiten Quartal eine weitere Zahlung von 1.400 US-Dollar an private Haushalte erfolgen sollte - dies sehe das geplante Konjunkturprogramm vor - dürfte der Konsum einen erneuten Schub erhalten. Allerdings könnten die wetterbedingten Stromunterbrechungen im Süden der USA das Wachstum im laufenden Quartal belasten.

Gut für die Konjunktur könnten hingegen die Entwicklungen in Italien sein. Der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi sei am Sonntag von Staatspräsident Sergio Mattarella zum Ministerpräsidenten vereidigt worden. Heute (18.02.) werde Draghi sich im Abgeordnetenhaus einer Vertrauensabstimmung stellen, die er gestern im Senat bereits mit großer Mehrheit gewonnen habe. Die gestrige Regierungserklärung von Draghi stimme zuversichtlich, dass es wirtschaftlich in den nächsten Monaten mit Italien voran gehen werde. Abgesehen von seinem Bekenntnis zum Euro habe Draghi angekündigt, die Investitionen in Straßen, Schienen, schnelles Internet und erneuerbare Energien zu erhöhen, zusammen mit dem Privatsektor. Beim Steuersystem, der Verwaltung und der Justiz strebe Draghi weitreichende Reformen an. Priorität hätten für ihn jetzt die Impfkampagne und das Gesundheitssystem.

Derweil kämen von der Coronafront Nachrichten, die den Ausblick für die nächsten Monate in Deutschland tendenziell eintrüben könnten. Zwar seien die Neuinfektionsraten weiterhin rückläufig. Allerdings sei der Anteil der britischen Variante bereits auf 22% gestiegen. Vor einer Woche sei noch von einem Anteil von 6% berichtet worden. Ein Blick auf die Bundesländer zeige zudem, dass in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Bayern die Neuinfektionen nunmehr wieder steigen würden. Offensichtlich passiere hier genau das, was das Helmholtz-Institut kürzlich in einem Modell vorgerechnet habe: Demnach werde schon im März die Ausbreitung der britischen Variante den Rückgang des bisherigen Virus überkompensieren und die dritte Welle könnte sich dann entfalten. Es sei zu hoffen, dass der ab dem 1. März geplante Einsatz von Antigen-Schnelltests die Ausbreitung zumindest bremse.

Die Kritik von Testlaboren an den Schnelltests ist unseres Erachtens mit Vorsicht zu genießen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Denn sie hätten generell kein Interesse daran, dass durch die Schnelltests, die ohne die Hilfe von Laboren ausgewertet werden könnten, ihre PCR-Tests weniger stark nachgefragt würden. Volkswirtschaftlich hingegen dürften die Schnelltests wertvoll sein, weil sie als Teil einer Öffnungsstrategie eingesetzt werden könnten.

Heute werde das Protokoll der letzten EZB-Sitzung veröffentlicht. Das gestern veröffentlichte Protokoll der FED-Sitzung habe keine neuen Erkenntnisse gebracht und das werde bei der EZB vermutlich ähnlich sein. Der IWF werde sich heute Nachmittag zur Wirtschaftslage äußern. Morgen würden die PMI-Schnellschätzungen für die Eurozone veröffentlicht. Nächste Woche sei auf die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter in den USA (25.02.) sowie Immobilienmarktdaten (u.a. Case/Shiller Immobilienpreisindex am 23.02.) zu achten. In Deutschland werde am 22.02. der ifo-Index publiziert, der Konsens gehe hier von einem Zuwachs aus. Außerdem werde man auf den Konsumentenvertrauensindex GfK fokussieren, der sich mit -15,6 Punkten auf einem sehr niedrigen Niveau befinde. Für die Eurozone würden außerdem einige Vertrauensindices veröffentlicht, darunter für die Industrie (25.02.). (18.02.2021/alc/a/a)