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Rentenmärkte: Kurzfristige Konjunktursorgen beenden Höhenflug der Renditen


19.11.20 15:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Der Höhenflug bei den Renditen der T-Notes und der Bunds hat nicht lange angehalten, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die zehnjährigen T-Notes-Renditen, die auf die 1%-Marke zumarschiert seien, seien wieder deutlich gefallen und lägen derzeit bei 0,85%. Die korrespondierenden Bunds würden jetzt bei -0,56% rentieren, nachdem man kurzzeitig den Eindruck gehabt habe, -0,40% würde überschritten werden. Schuld daran sei mal wieder Corona. In den USA würden sich mittlerweile 331 Personen auf 100.000 Einwohner pro Tag infizieren. Insgesamt seien das täglich über 150.000 Neuinfektionen. In Europa finde zwar in den meisten Ländern kein exponentielles Wachstum der Neuinfektionen mehr statt. Allerdings würden angesichts einer tatsächlichen oder absehbaren Überlastung von Krankenhäusern die Shutdown-Maßnahmen verschärft.

In Österreich sei beispielsweise ein harter Lockdown beschlossen worden, nachdem die Variante Lockdown Lite offensichtlich keinen nennenswerten Einfluss auf die Infektionszahlen gezeigt habe. In Deutschland sei nächste Woche eine Verschärfung der Maßnahmen zu erwarten, wenn die Länderchefs am Mittwoch (25.11.) mit der Bundeskanzlerin zusammentreffen würden. Diese Entwicklungen seien kurzfristig ein erheblicher Dämpfer für die wirtschaftliche Aktivität und - je nach Pandemieverlauf - könne sich diese Schwäche noch bis in Q1 2021 hinziehen, sowohl in der Eurozone als auch in den USA.

Auch an den Aktienmärkten sei - trotz der erfreulichen Nachrichten von der Impffront und des Freihandelsabkommens RCEP in Asien - etwas Ernüchterung eingetreten. Am 18. November 2020 hätten die Investoren die Aktien in den meisten Regionen auf Talfahrt geschickt. Gleichzeitig würden die Spekulationen zunehmen, ob und wie die Notenbanken reagieren würden. So werde etwa diskutiert, ob die FED die Operation Twist aus dem Jahre 2011 wiederhole, also kurzlaufende Anleihen verkaufe und dafür langfristige Anleihen kaufe. Auf diese Weise würde die Zinsstruktur am langen Ende gedrückt werden, ohne die Bilanzsumme weiter auszudehnen.

Die Analysten könnten sich vorstellen, dass tatsächlich der Kauf langfristiger Anleihen erhöht werde, dass man aber auf den Verkauf kurzfristiger Anleihen verzichte, um am Geldmarkt keine Unruhe auszulösen. Der jüngste Rückgang der langfristigen Renditen würde in jedem Fall zu diesem Szenario passen. Das Protokoll der letzten FOMC-Sitzung, das am 25.11. erscheine, könnte Hinweise darauf enthalten. EZB-Chefin Christine Lagarde werde heute sprechen (19.11.) und voraussichtlich die Erwartungen bestätigen, dass die EZB am 10. Dezember die Geldpolitik auf breiter Front lockern werde.

Die politische Situation in den USA bleibe ungeklärt und trage zur Verunsicherung und zu höheren Bondkursen bei. Während Demokraten und Republikaner in der Frage eines erneuten Konjunkturprogramms sich nicht zu nähern scheinen, ist der derzeitige Haushalt nur bis zum 11. Dezember gültig, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Danach drohe der berühmte "government shutdown", wenngleich üblicherweise noch Liquiditätsreserven gehoben werden könnten, um ein paar Wochen unbeschadet zu überstehen.

In der Eurozone drohe auch eine Art government shutdown. Denn heute würden die Regierungschefs der EU-Länder erneut über den EU-Haushalt für die kommenden Jahre beraten und die Regierungen Polens und Ungarns hätten bereits ein Veto gegen diesen Haushalt eingelegt. Damit würde auch das 750 Mrd. Euro Hilfspaket, das insbesondere für die südeuropäischen Länder von essentieller Bedeutung sei, blockiert. Sollte keine Lösung gefunden werden, dürften die Bund-Renditen weiter fallen.

Derweil sei auch China dem Club der Emittenten von Bonds mit einer negativen Renditen beigetreten. Die jüngst von der Volksrepublik emittierte fünfjährige Euro-denominierte Staatsanleihe habe eine Emissionsrendite von -0,15% gehabt, rund 60 Basispunkte oberhalb der vergleichbaren Bunds.

In den nächsten Tagen sei auf die vorläufigen PMI-Indikatoren für die Eurozone und Deutschland/Frankreich zu achten (23.11.). Der bisherige Eindruck sei, dass die Industrie relativ stabil durch die schwierige Corona-Lage manövriere, während der Dienstleistungssektor nicht so recht Fuß fassen könne. Am 24.11. werde dann der ifo-Index veröffentlicht und vermutlich einen deutlichen Rückgang im November aufzeigen. Auftragseingänge in den USA und die PCE Kerninflation sowie die persönlichen Einkommen sollten ebenfalls Beachtung finden (alles am 25.11.). Und dann sei Thanksgiving am 26.11. nicht zu vergessen. Die US-Einkaufsparty am 27.11. (Black Friday) dürfte (hoffentlich) vor allem online stattfinden. (19.11.2020/alc/a/a)