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Rentenmärkte: Krise in den Emerging Markets?


02.07.21 09:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen bewegen sich nicht so recht vom Fleck bzw. hatten zuletzt sogar eine leicht sinkende Tendenz, so Dr. Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank.

Zehnjährige T-Notes würden derzeit bei 1,48% rentieren, die entsprechenden Bunds bei -0,18%. Konjunkturoptimismus sehe anders aus, obgleich die Aktienmärkte genau diesen widerspiegeln würden. Die Euphorie an den Aktienmärkten, die in den letzten Monaten zu beobachten gewesen sei, gehe einher mit neuen Rekorden bei Übernahmetransaktionen. Diese hätten global in den ersten sechs Monaten des Jahres 2,8 Billionen US-Dollarerreicht. In der ersten Jahreshälfte 2000 und 2007 habe das Volumen nach Berücksichtigung der Inflation in vergleichbarer Höhe gelegen. Danach sei es abwärts gegangen, sowohl bei den Übernahmen als auch mit den Aktienkursen. Insofern sei diese Entwicklung möglicherweise ein Warnsignal.

Die Inflation in der Eurozone sei leicht zurückgegangen, von 2,0 auf 1,9% und die Kernrate von 0,95 auf 0,91%. Den Höchststand bei der Inflation habe man vermutlich noch nicht gesehen, der dürfte im Spätsommer/Herbst erreicht werden, wenn mit einer Inflation von 2,8 bis 3% zu rechnen sei, bevor es dann wegen der Basis- und anderer Einmaleffekte wieder unter die Marke von 2% gehe. In den USA dürfte sich die Teuerungsrate mehr oder weniger durchgehend über die nächsten Monate auf dem erhöhten Niveau bewegen, dann aber auch Anfang 2022 signifikant zurückgehen. Die Diskussion über die Gefahr, dass die Inflation bzw. die Inflationserwartungen außer Kontrolle geraten würden, werde also vermutlich anhalten.

Dabei gebe es zahlreiche Faktoren, die den globalen Teuerungsdruck dämpfen könnten. Dazu gehöre nicht nur die Einschätzung von Seiten einiger Automobilhersteller, die eine Teilentwarnung bei den bislang sehr knappen Halbleitern geben würden. Wichtiger noch sei die Äußerung des Chefs der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Augustin Carstens, der relativ deutlich vor einer Emerging Markets Krise warne. Carstens weise auf das Problem hin, dass diese Länder sowohl geldpolitisch als auch fiskalisch wesentlich weniger Spielraum hätten als die Industrieländer. Die Warnung sei berechtigt. Wenn steigende Zinsen in den USA auf weiterhin durch Corona geschwächte Emerging Markets mit hoher Auslands- und öffentlicher Verschuldung gestoßen seien, dann seien das die Zutaten für kräftig fallende Wechselkurse und Leistungsbilanzkrisen.

Die Präsidentin der EZB, Christine Lagarde, habe außerdem auf die Unsicherheit für die wirtschaftliche Erholung hingewiesen, die durch die Delta-Variante ausgelöst werde. Und dann sei da noch die Hitzewelle im Westen der USA und Kanadas. Es gebe offensichtlich schon viele Todesopfer zu beklagen, nachdem in Kanada in der Provinz British Columbia 50 Grad Celsius gemessen worden seien. Von dort sei von 486 plötzlichen und unerwarteten Todesfällen berichtet worden. Von der Hitzewelle könnten einige preistreibende Effekte ausgehen, etwa bei Klimaanlagen und sich verknappenden Agrargütern. Wenn jedoch die Konjunktur durch die Hitzewelle ebenfalls stärker in Mitleidenschaft gezogen werde, dann dürften dämpfende Preiseffekte überwiegen.

Am kommenden Montag (05.07.) sei in den USA Feiertag und am nächsten Freitag und Samstag (09.-10.07.), würden sich die Finanzminister der G20-Staaten in Venedig treffen und unter anderem über eine Mindeststeuer beraten. Datenseitig sei auf die morgigen US-Arbeitsmarktdaten zu achten. Ein Beschäftigungszuwachs, der deutlich über 500.000 Personen hinausgehe, könnte vielleicht doch noch einen Konjunkturoptimismus auslösen, der auf die Bondmärkte überspringe und für höhere Renditen sorge. Nächste Woche würden der ISM-Index für den US-Dienstleistungssektor (Juni, 06.07.) sowie die Industrieproduktion in Deutschland (Mai, 07.07.) folgen. Der ZEW-Index (06.07.) sorge manchmal auch für Marktbewegungen. (Ausgabe vom 01.07.2021) (02.07.2021/alc/a/a)