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Rentenmärkte: Kaum Chancen für Renditeanstieg


16.10.20 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - FiveThirtyEight, eine amerikanische Nachrichten-Website mit Schwerpunkt auf Statistik und Daten-Journalismus, sieht Joe Biden‘s Chancen auf den Wahlsieg bei 87%, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Den Demokraten werde die Übernahme des Senats (Democrat Sweep) zu 69% zugetraut. Darin liege dann auch die Hoffnung, dass wirkungsvoller Stimulus durch den Staat doch noch komme, was die Renditen zehnjähriger US-Treasuries nach oben getrieben habe. Doch die Hürde bei 80 Basispunkten, die schon einmal Ende August infolge des Regimewechsels der FED in ihrer Inflationsbewertung besucht worden sei, entpuppe sich abermals als unüberwindbar. Die Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern würden zwar weiter laufen, aber Fortschritte würden sich partout nicht zeigen wollen und würden vor der Wahl immer unwahrscheinlicher. Wie von den Analysten in der Vorwoche antizipiert, schwäche sich die Rendite wieder in Richtung des September-Durchschnitts von etwa 67 Basispunkten ab.

Die fieberhafte Suche nach einem Impfstoff gegen Corona, der zweiten großen Hoffnung im Markt, habe zudem einige Rückschritte erhalten, nachdem sowohl Johnson & Johnson als auch Eli Lilly and Co ihre Versuchsreihen aufgrund ungeklärter Nebenwirkungen bzw. Sicherheitsbedenken auf Eis hätten legen müssen. Darüber hinaus sei die Kerninflationsrate in den USA im September auf einer Jahresrate von 1,7% stehen geblieben. Inflationsdruck spreche daraus jedenfalls nicht, womit man wieder auf die Notwendigkeit staatlicher Hilfspakete zurückkomme. Im Umkehrschluss könnte ein Wahlsieg der Demokraten auf ganzer Linie zu einem kräftigen Maßnahmenmix führen, was zusammen mit der ultra-leichten Geldpolitik die FED auf den Plan riefe. Einer möglicherweise allzu steil werdenden Zinskurve entgegenzuwirken, hieße dann, das Bond-Kaufprogramm auszudehnen.

Die Renditen im Euroraum hätten den Anstieg schon kaum mitgemacht. Für die Niederlande komme Ministerpräsident Mark Rutte nicht daran vorbei, einen vierwöchigen Teillockdown zu verkünden. Mit 7.000 Neuinfektionen pro Tag gehöre der Nachbarland zu den drei am stärksten betroffenen Ländern in ganz Europa. Die Gesundheitsämter würden dort bei der Nachverfolgung kapitulieren. Mit dem Einbruch beim ZEW-Index seien die zehnjährigen Bundrenditen unter das Tief von Anfang Oktober bei -55,5 Basispunkten und jetzt weiter unter das Tief von Ende Juli bei -56,1 Basispunkten gefallen. Im März, dem Monat des "offiziellen" Pandemieausbruchs, hätten die Renditen äußerst volatil von -90,9 bis -14,2 Basispunkten geschwankt. Daraus ergebe sich übrigens bei -61,6 Basispunkten ein wichtiges technisches Retracement-Level, an dem der Markt in seiner Pendelbewegung Anfang Mai gerade noch einmal angehalten habe. Alles - und damit natürlich auch die Renditen - hänge an der fiskalpolitischen sowie hoffentlich auch bald mit Impfstoff gefüllten Nadel.

Die Prognosen des IWF würden für die Weltwirtschaft in 2020 mit -4,4% eine etwas mildere Rezession sehen. In 2021 kehre dann ein Wachstum in Höhe von 5,2% zurück, falle aber damit geringer aus, als noch im Juni vorhergesagt. China sei danach das einzige Land, das in 2020 mit 1,9% überhaupt noch Wachstum generieren könne. Mittelfristig würden Arbeitslosigkeit, Konkurse, Schuldenproblem sowie eine "verlorene Generation" so schwer wiegen, dass im Vergleich zum Wachstumspfad vor der Pandemie Verluste von hochgerechnet USD 28 Billionen bis 2025 entstünden. Danach reduziere sich das durchschnittliche Wachstum der Welt nach 2021 womöglich auf 3,5%. Vor allem Schwellenländer dürften darunter zu leiden haben. (Ausgabe vom 15.10.2020) (16.10.2020/alc/a/a)