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Rentenmärkte: Inflation steigt, Renditen sinken


10.06.21 14:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die zehnjährigen US-Renditen sind trotz der anhaltenden Inflationsdiskussion zeitweise unter 1,50% gefallen und rentieren momentan bei genau bei dieser Schwelle, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Die Bunds mit der gleichen Laufzeit seien renditeseitig wieder tiefer in den negativen Bereich abgetaucht, auf -24 BP. Möglicherweise gehe es mit den Renditen heute (10.06.) wieder etwas aufwärts, wenn die US-Inflationsdaten für den Monat Mai herauskämen. Für ein gewisses Aufsehen hätten der hohe Anstieg der Produzentenpreise in China im Mai um 9% YoY gesorgt. Ein genauerer Blick auf die Daten offenbare, dass dieser Preisauftrieb in erster Linie durch die Rohstoffprodukte ausgelöst sei, während die Konsumgüter teilweise sogar im Preis gesunken seien. Ein nachhaltiger Impuls für die Inflation sei daher von dieser Seite nicht auszumachen.

Im Zusammenhang mit der Inflationsdiskussion sei interessant, dass die Ölpipeline Keystone XL, die kanadisches Öl in die USA transportieren sollte, nicht gebaut werde. Das habe das kanadische Unternehmen angekündigt, das die Pipeline habe bauen wollen. US-Präsident Joe Biden habe die Erlaubnis für den Bau der Pipeline bereits bei Amtsantritt zurückgezogen. Diese Entscheidung reihe sich ein in weitere Schritte, die gegen die Ölindustrie unternommen worden seien, wozu beispielsweise das niederländische Gerichtsurteil gegen den Ölkonzern Shell zähle sowie die Tatsache, dass es dem klimaaktivistischen Hedgefonds Engine No 1 gelungen sei, drei seiner Kandidaten in den Verwaltungsrat von Exxon einzusetzen. Grundsätzlich könnte sich bei einer Häufung derartiger Schritte das Ölangebot verknappen, wenngleich die Analysten mittel-bis langfristig davon ausgehen würden, dass die Nachfrage stärker fallen werde.

Die Europäische Zentralbank werde in jedem Fall auf der heutigen Sitzung erneut betonen, dass der Inflationsanstieg temporärer Natur sei und man durch sie "hindurchblicken" werde. Die Inflation, die im Mai 2% YoY erreicht habe, werde also über kurz oder lang wieder zurückgehen. Davon würden die Analysten im Übrigen auch ausgehen, bis zum Ende des Jahres dürfte eine Rate von etwa 2,6% erreicht werden und dann sollte die Teuerungsrate wieder deutlich unter die 2%-Marke fallen. Notenbankchefin Christine Lagarde dürfte betonen, dass das PEPP-Programm weiterhin flexibel eingesetzt werde, mit der Botschaft, dass ggf. ein starker Renditeanstieg in den USA mit entsprechend größeren Anleiheankäufen hierzulande beantwortet werde, damit der Renditeanstieg nicht auf die Eurozone übergreife.

Wahrscheinlich werde es auch um das angekündigte Verfahren der EU-Kommission gegen Deutschland gehen, wenngleich die EZB dazu nicht viel sagen könne. Dabei gehe es darum, dass das deutsche Bundesverfassungsgericht im vergangenen Jahr die EZB-Anleiheankäufe in Frage gestellt habe, obwohl der EUGH diese für rechtens beurteilt habe. Die EU-Kommission argumentiere, dass in diesem Fall EU-Recht nationales Recht steche und man wolle verhindern, dass dieser Fall zu einem Präzendenzfall werde, dass also beispielsweise Polens Verfassungsgericht EU-Recht aushebele.

Geldpolitisch interessant, zumindest langfristig, sei das von dem mittelamerikanischen Land El Salvador beschlossene Gesetz, das die Kryptowährung Bitcoin zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel erkläre. Im Einzelhandel müsse Bitcoin akzeptiert werden, wenn man die technischen Möglichkeiten dazu habe und der Staat werde Steuerzahlungen in Bitcoin akzeptieren. Man möge argumentieren, dass El Salvador mit diesem Schritt seine monetäre Souveränität aufgebe. Allerdings habe El Salvador ohnehin keine eigene Währung, sondern habe bereits 2001 den US-Dollar als Zahlungsmittel eingeführt. Wenn das Gesetz im Amtsblatt erschienen sei und 90 Tage später in Kraft trete, werde es in El Salvador zwei gesetzliche Zahlungsmittel geben, den US-Dollar und Bitcoin.

Dieser Schritt sei in vielerlei Hinsicht ein interessantes Experiment. So werde man zum einen sehen, ob sich Bitcoin in El Salvador - etwa über das Kleinstzahlungen-ermöglichende Lightning-Network - als Zahlungsmittel in einem größeren Maßstab durchsetze. Zum anderen sei zu beobachten, wie die internationale Gemeinschaft und insbesondere die USA reagieren würden. Hier sollte man auch darauf achten, ob der Internationale Währungsfonds weiterhin gewillt ei, El Salvador einen Kredit von 1 Mrd. US-Dollar zu gewähren. Da Bitcoin-Zahlungen schwerer nachzuverfolgen seien und nicht über staatlich beaufsichtigte Zahlungsinformationssysteme wie SWIFT laufe, könnten Staaten Sanktionen effektiver umgehen.

Je nachdem wie die internationale Antwort ausfalle, könnten auch andere Länder auf die Idee kommen, Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Ecuador und Panama würden beispielsweise auch nicht über eine eigene Währung verfügen, sondern nur über den US-Dollar. El Salvador habe bereits angekündigt, dass die staatliche Entwicklungsbank 150 Millionen US-Dollar in Bitcoin investieren werde, um gegebenenfalls im Finanzmarkt eingreifen zu können.

Bei dem G7-Gipfel in Cornwall an diesem Wochenende werde Bitcoin wahrscheinlich zumindest am Rande auch Thema sein. US-Präsident Biden sei schon in Großbritannien angereist, dort dürfte er ankündigen, dass die US-Regierung 500 Millionen BioNTech/Pfizer-Dosen an die Covax-Initiative verteilen möchte, wie dies heute in den Medien kolportiert worden sei. Gut möglich, dass sich andere G7-Länder bzw. die EU dieser Maßnahme anschließen bzw. ihre Covax-Lieferungen erhöhen würden. Für die Weltwirtschaft wäre das eine sehr gute Nachricht. Ansonsten werde es beim G7-Gipfel auch um die globalen Steuerpläne gehen (Mindeststeuer für Unternehmen) und um Wege, wie man China politisch und wirtschaftlich entgegentrete.

Datenseitig sei auf die Einzelhandelsumsätze in den USA (15.06.) für Mai zu achten. Der Konsumrausch der letzten Monate scheine zu Ende zu gehen. Am gleichen Tag würden auch die Produzentenpreise in den USA für Mai veröffentlicht. Am 14.06. gebe Eurostat Auskunft über die Aktivität im Industriesektor (April). (10.06.2021/alc/a/a)