Rentenmärkte: Hohe Erwartungen an die EZB-Sitzung


06.09.19 08:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Bei den Staatsanleiherenditen stehen die Zeichen kurzfristig auf Anstieg, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Gründe dafür seien an der politischen Front zu suchen, wo in vielen Bereichen Entspannungssignale zu erkennen seien. In Großbritannien würden sich die Anzeichen mehren, dass ein No-Deal-Brexit vielleicht doch noch abgewendet werden könne, in Italien kehre kurzfristig wieder politische Stabilität ein, denn am 05.09. werde die neue Regierung vereidigt, und von offizieller Seite sei bestätigt worden, dass die USA und China für Anfang Oktober die Wiederaufnahme der Handelsgespräche vereinbart hätten. Auch die Meldung über die Rücknahme des umstrittenen Auslieferungsgesetzes in Hongkong dürfte zur Beruhigung der Nerven einiger Investoren beitragen.

In den nächsten Tagen werde verstärkt auf die Sitzung der EZB am kommenden Donnerstag (12.09.) geschaut werden. Teilweise sei die Erwartungshaltung an mögliche Maßnahmen- und Ankündigungspakete sehr hoch. Zinssenkungen, Wiederaufnahme von QE und eine offensivere forward guidance seien die Themen, um die es bei der Sitzung gehen dürfte.

Während Analysten mehrheitlich mit der Senkung des Einlagenzinses um 10 BP rechnen würden, gebe es einige Beobachter, die von 20 BP ausgehen würden und sogar 30 BP seien hochgeworfen worden. Gleichzeitig werde wahrscheinlich eine Staffelung der Einlagenzinsen verkündet werden. Richte man sich nach dem Vorbild der Schweiz, so würde man mit Freibeträgen operieren, bis zu deren Höhe die Einlagen von der negativen Verzinsung ausgenommen seien. Die Freibeträge würden nach bestimmten Kriterien berechnet werden, etwa einem Vielfachen des Eigenkapitals oder des Liquiditätsbestandes zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit.

Die noch spannendere Frage werde sein, ob und in welchem Ausmaß ein neues Wertpapierankaufprogramm gestartet werde. Vermutlich sei es für eine Ankündigung dieses doch relativ radikalen Schritts etwas zu früh, bedenke man zum einen die eher gemischte als wirklich schlechte konjunkturelle Lage sowie die Tatsache, dass die neue EZB-Chefin Christine Lagarde schon im November das Ruder übernehmen werde. Man würde der neuen Präsidentin einige Freiheitsgrade rauben, wenn eine derart weitreichende Entscheidung getroffen werde. Andererseits habe Lagarde bei ihrer Anhörung vor dem Europäischen Parlament am 04.09. deutlich gemacht, dass sie vom Grundsatz her den Kurs des jetzigen EZB-Chefs Mario Draghi fortsetzen möchte.

Wie groß das QE-Programm ggf. werden könnte, sei schwer zu sagen. In der Vergangenheit hätten die Anleiheankäufe maximal bei 80 Mrd. Euro pro Monat gelegen. Vermutlich würde ein Volumen von 20 Mrd. Euro pro Monat eher als enttäuschend aufgenommen, 40 Mrd. Euro dürften hingegen als überraschend hoch eingestuft werden. Bei der Dauer scheinen mindestens zwölf Monate realistisch, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Darüber hinaus werde es darum gehen, welche Vermögensklassen angekauft werden könnten. Staatsanleihen würden sicherlich weiterhin die größte Rolle spielen, Unternehmensanleihen und Covered Bonds (Pfandbriefe und ähnliche Wertpapiere) dürften auch wieder berücksichtigt werden. Überraschend und politisch umstritten wäre die Aufnahme von Aktien in das Ankaufportfolio. In den letzten Tagen hätten sich Madis Müller von der estnischen Notenbank und der französische Zentralbankpräsident François de Galhau, die eigentlich auf der Seite der Tauben verortet würden, skeptisch hinsichtlich eines QE-Programms geäußert. Beide EZB-Mitglieder hätten bei der anstehenden Sitzung kein Stimmrecht.

Schließlich werde die EZB ihre forward guidance ändern. Derzeit werde festgehalten, dass die Zinsen "auf ihrem jetzigen oder einem niedrigeren Niveau zumindest bis zur ersten Hälfte 2020" bleiben würden.

In Kombination mit einem QE-Programm (was die Analysten zu diesem Zeitpunkt eher nicht erwarten würden) könnte die EZB feststellen, dass man an dem jetzigen oder einem niedrigeren Zinsanhebungen bis weit nach dem Ende des QE-Programms festhalten werde. Falls kein QE-Programm angekündigt werde, könnte man einfach den Zeitpunkt von der ersten Hälfte 2020 auf beispielsweise die erste Hälfte 2021 verschieben.

Kurzfristig würden die Marktteilnehmer auf die US-Arbeitsmarktdaten am 06.09. schauen, wo ein weiterhin solides, aber abnehmendes Beschäftigungswachstum erwartet werde. Außerdem werde FED-Chef Jerome Powell in Zürich einen Vortrag halten, das letzte Mal vor der FED-Sitzung am 18.09. (Ausgabe vom 05.09.2019) (06.09.2019/alc/a/a)