Rentenmärkte: Die Frage nach der weiteren Entwicklung der Inflation im Zentrum der Entwicklung


02.05.22 10:25
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Unverändert steht die Frage nach der weiteren Entwicklung der Inflation im Zentrum der Entwicklung der globalen Rentenmärkte: Noch ist kein Ende des starken Preisdrucks weltweit abzusehen, berichten die Analysten der National-Bank AG.

Gerade mit den Problemen in China bestehe vielmehr die Gefahr, dass sich die preistreibende Lieferkettenproblematik abermals verschärfe. Auch sei der Preisdruck bei den US-Importpreisen im März weiter sehr hoch geblieben. Viele Frühindikatoren würden aber zumindest perspektivisch darauf verweisen, dass bereits in den nächsten Monaten ein oberer Wendepunkt bei den Produzentenpreisen durchmessen werden dürfte, ab dem die Inflationsraten dann wieder sinken sollten. Es sei nach Erachten der Analysten der National-Bank AG annähernd ausgeschlossen, dass der Preisdruck auf den Vorstufen der Produktion so hoch bleiben werde wie zuletzt. Spätestens ab dem dritten Quartal sei dann schließlich mit dem Einsetzen negativer Basiseffekte zu rechnen. Dies dürfte sich dann innerhalb der folgenden zwei Quartale auch auf der Ebene der Verbraucherpreise niederschlagen - und damit perspektivisch auch die marktimpliziten mittelfristigen Inflationserwartungen stärker prägen. Dies werde neben der weiteren Entwicklung der geopolitischen Lage eine wesentliche Determinante dafür sein, wie stark die FED die Zinssätze dann wirklich anheben müsse.

Mit Blick auf den Preisdruck vom US-Arbeitsmarkt bzw. bezüglich der Strukturveränderungen seien auch die jüngsten Ausführungen des IWF aufschlussreich. Der Fonds mache eine Vielzahl von Gründen für das "Rätsel" des plötzlichen Arbeitskräftemangels am US-Arbeitsmarkt aus, die aber alle letztendlich von der Covid-Krise abhängen würden: Durch die Krise sei es hier zu einem "mismatch" am Arbeitsmarkt gekommen, der sich erst durch die Marktkräfte abbauen müsse, zudem hätten sich gerade viele Frauen zur Betreuung von Kindern aus dem Arbeitsleben zurückgezogen, ferner seien es schlichtweg gesundheitliche Erwägungen vor allem vieler älterer Arbeitnehmer gewesen, der Arbeit fern zu bleiben. Dies stützt unsere Generalthese, dass der demographische Wandel per se nicht so bruchartig verläuft, dass er die Überschussnachfrage bzw. den Arbeitskräftemangel in dieser Schärfe erklären könnte, so Analysten der National-Bank AG.

Insgesamt brauche es nach einem solch großen Einschnitt wie der Pandemie also auch einfach Zeit, bis sich Angebot und eine strukturell veränderte Nachfrage wieder stärker in Einklang gebracht hätten. Die FED werde in ihrem Wording gleichwohl versuchen, ihre fast unbedingte Bereitschaft zu untermauern, den Inflationsdruck zu brechen. Vor diesem Hintergrund sei es wahrscheinlich, dass sie gleich auf der Sitzung nächste Woche einen Zinsschritt von 50 Basispunkten vollziehe. Jenseits dessen müsse und werde die US-Notenbank auch über das Tempo des "quantitative tightenings", also der Rückführung der quantitativen Maßnahmen, befinden. Zu erwarten stehe ein zunächst moderates Tempo, dass sich dann auf Größenordnungen einer Bilanzverkürzung von jeweils knapp unter 100 Mrd. Dollar pro Monat steigern sollte. Die FED werde derweil allerdings laufend überwachen wollen, wie sich die Rückführung der monetären Basis auf die Stimmung und die Liquiditätslage der US-Volkswirtschaft auswirke. Nicht vergessen werden sollte der Umstand, dass die US-Notenbank vor nicht einmal zwei Jahren noch eine grundsätzlich wesentlich üppigere Liquiditätsversorgung der Wirtschaft beschlossen habe. Es bestünden also nach wie vor Risiken auf beiden Seiten.

Mit Blick auf die europäische Geldpolitik stütze die Entwicklung bis zuletzt die These, dass der Wachstumspfad in der Eurozone trotz des Krieges um die Ukraine vergleichsweise resilient bleibe. Insofern steige auch der Druck auf die EZB weiter an. In der Summe würden sich somit die Anzeichen dafür verdichten, dass die EZB zu Beginn des dritten Quartals dann tatsächlich auch beginne, ihren Expansionsgrad zurückzufahren. So dürfte sie im Juni die Anleihenkäufe aussetzen, um dann möglicherweise bereits im Juli auch bei den Zinssätzen erste Maßnahmen vorzunehmen: Wir folgen hier dem Konsensus mit der Einschätzung, dass die EZB zunächst beginnt den Einlagensatz zu erhöhen, um dann voraussichtlich erst zu Beginn des kommenden Jahr eine erste Anhebung auch des Hauptrefinanzierungssatzes vorzunehmen, so Analysten der National-Bank AG.

Die Corporate Spreads - gemessen am 5-jährigen Markit-iTraxx-Europe - hätten im Zuge der Verschärfung der Ukraine-Krise weiter spürbar zugelegt. Mittelfristig würden die Analysten der National-Bank AG im Kern eine Fortsetzung des - relativ - lockeren geldpolitischen Kurses der EZB und zumindest perspektivisch eine relative Entspannung der Ukraine-Krise erwarten. Insofern sollten sich die Risikoprämien auch wieder zurückbilden, derzeit sähen die Analysten der National-Bank AG einen Fair-Value bei Kursen knapp oberhalb von 80 Basispunkten, auf Sicht der kommenden sechs Monate sollten Werte um 60 Indexzähler wieder erreichbar werden. Dies setze allerdings voraus, dass es wie erwartet zu einer Beruhigung in der Ukraine-Krise komme. (Ausgabe vom 29.04.2022) (02.05.2022/alc/a/a)