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Rentenmärkte: Delta und die Minutes sorgen für Renditeabsturz


08.07.21 13:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Wochenlang haben die Renditen der Staatsanleihen sich nicht so recht vom Fleck bewegt und jetzt gehen sie plötzlich - nach unten, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Zehnjährige T-Notes würden derzeit unter 1,30% rentieren, die entsprechenden Bunds seien wieder bei -0,32%. Einer der Gründe für den Absturz der Renditen sei die Ausbreitung der Deltavariante. Diese sei nach offiziellen Angaben der US-Gesundheitsbehörde die dominante Variante in den USA. Einige Bundesstaaten wie Texas hätten sämtliche Regeln aufgehoben, obwohl der Impfprozess stocke. In 14 Staaten liege die Quote der vollständig geimpften unter 40%, in nur vier Staaten über 60%. Von einer Herdenimmunität sei man noch weit entfernt. Der Renditerückgang habe auch mit etwas enttäuschenden Konjunkturdaten zu tun. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor in den USA (Juli) und die Auftragseingänge in Deutschland (Mai) hätten zuletzt Rückgänge verzeichnet. Auch die deutsche Industrieproduktion (Mai) sei gefallen, womit man Frankreich und Spanien folge.

Außerdem sei gestern das Protokoll der letzten FED-Sitzung veröffentlicht worden. Die dort dokumentierte Diskussion über den richtigen Zeitpunkt des Beginns des Taperings habe bei einigen Anleger die Furcht ausgelöst, dass die FED zu früh mit der Reduktion der Anleiheankäufe beginne und dadurch die Erholung bremse. Dazu komme noch die Warnung der IWF-Chefin Kristalina Georgiewa, dass sich die Spaltung zwischen den wohlhabenden und den armen Ländern verschärfe bzw. die Erholung zweigleisig erfolge. Diesen pessimistischeren Aussichten stehe eine positivere Prognose der EU-Kommission gegenüber, die für die Eurozone ein Wirtschaftswachstum von 4,8% für dieses und 4,5% für das kommende Jahr vorhersage.

Das Highlight des heutigen Tages (08.07.) dürfte eine Pressekonferenz der EZB sein, in der sie die Ergebnisse ihre Strategiediskussion verkünde, die vor 19 Monaten begonnen habe. Drei Themen würden dabei vermutlich eine größere Rolle spielen. Erstens gehe es um die Frage, wie klimapolitische Ziele berücksichtigt werden könnten, Stichwort grüne Geldpolitik. Zweitens dürfte das Inflationsziel neu formuliert werden und das dritte Thema seien die Häuserpreise, die in irgendeiner Form in der Inflationsmessung berücksichtigt werden sollten. Vor allem die grüne Geldpolitik und die Diskussion um die Häuserpreise seien hochgradig politisch. Um 14:30 Uhr würden die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz erläutert.

Nach dem, was man bisher wisse, werde die EZB vermutlich ankündigen, dass das Inflationsziel nicht mehr als "nahe aber unterhalb von 2%" definiert, sondern zugunsten eines einfacher verständlichen Ziels von schlicht 2% geändert werde. Der tatsächlichen Inflation werde es - so die Erwartung der Analysten - erlaubt sein darum herum zu schwanken und zu große Abweichungen in beide Richtungen würden als nicht willkommen angesehen, d.h. es dürfte betont werden, dass es sich um ein symmetrisches Inflationsziel handele. In Bezug auf die klimapolitische Ausrichtung der EZB werde erwartet, dass die Notenbank ihre Kriterien für Anleiheankäufe und die Sicherheiten, die bei Repogeschäften eingesetzt würden, anpasse und Emittenten benachteilige, die nicht zeigen würden, dass sie einen Plan für klimaneutrales Wirtschaften hätten.

Die Einführung der klimapolitischen Maßnahmen dürfte stufenweise erfolgen, da es unter anderem noch eines Klassifikationsrahmen für grüne Assets bedürfe. Schließlich gehe es noch um die Häuserpreise, die vermutlich in indirekter Weise im Warenkorb zur Messung der Inflation berücksichtigt werden sollten. Der Effekt werde vermutlich nicht so hoch ausfallen. Je nach Methodik und Studie wäre die Inflation in den vergangenen Jahren um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte höher ausgefallen, wenn man die Häuserpreise indirekt berücksichtigt hätte. Zum digitalen Euro werde sich die EZB vermutlich noch nicht äußern. Das sei vielmehr für den 14. Juli vorgesehen.

In den kommenden Tagen sehe es datenseitig wieder etwas magerer aus. Beachtung schenken sollte man den Inflationsdaten aus Deutschland und den USA für den Monat Juni (beide am 13.07.) und die Industrieproduktion im Mai (09.07. in Italien und 15.07. in den USA). Wichtig seien zudem die US-Einzelhandelsumsätze für den Monat Juni (16.07.). (08.07.2021/alc/a/a)