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Rentenmärkte: Chaotische US-Präsidentschaftsdebatte liefert keine Richtung


01.10.20 11:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Im Wochenverlauf hat sich bei den deutschen und amerikanischen Staatsanleiherenditen erneut kein eindeutiger Trend durchgesetzt, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Beherrschendes Thema an den Märkten sei die erste Debatte in den USA zwischen dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden und dem republikanischen Amtsinhaber Donald Trump gewesen. Die Debatte sei in erster Linie durch Chaos und wenig Inhalt geprägt gewesen, was möglicherweise ganz im Sinne von Trump gewesen sei. Vermutlich würden die Umfragen, bei denen Biden derzeit im Durchschnitt 6,3 Prozentpunkte vor Trump liege, durch die Debatte kaum beeinflusst werden. 70% der Amerikaner würden die Fernsehdebatte nicht für wichtig halten, so das Ergebnis von Demoskopen.

An den Aktienmärkten habe man sich unter dem Strich von den Rückgängen der vergangenen Woche etwas erholt, aber die Nervosität sei weiterhin da. Das problematischste Wahlergebnis wäre vermutlich ein knapper Sieg von Biden, der von Trump nicht anerkannt werde. Dies könnte zu einer wochenlangen Hängepartie werden und in eine Verfassungskrise münden. Zwar sollte es am Ende - so unser Basisszenario - zu einer allseits akzeptierten Lösung dieser Situation kommen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Aber auf dem Weg dahin könnte es zu Turbulenzen an den Finanzmärkten kommen. Damit seien auch tiefere Renditestände noch möglich. Denn auch wenn staatliche Institutionen aus den USA infrage gestellt würden, dürfte der Reflex der meisten Investoren, in der Krise verstärkt US-Staatsanleihen zu kaufen, immer noch funktionieren.

Der Konflikt, der am vergangenen Wochenende zwischen Armenien und Aserbaidschan im Zusammenhang mit der Region Bergkarabach wieder aufgebrochen sei, habe am Markt noch keine Spuren hinterlassen. Das Potenzial dazu habe er aber, da es hier rasch zu einem Stellvertreterkrieg kommen könne, in dem die Türkei auf der Seite seines so genannten Bruderstaates Aserbaidschan (muslimisch geprägt) gegen Russland, das sich als Schutzmacht Armeniens verstehe, kämpfe.

Geopolitische Spannungen könnten sich auch aus den laufenden Brexit-Verhandlungen ergeben. Es gebe keine klaren Anzeichen dafür, dass man einer Lösung des gordischen Knotens näher gerückt wäre. Im Gegenteil: Mit der Verabschiedung des so genannten Binnenmarktgesetzes im Unterhaus habe Boris Johnson die Spannungen mit der EU noch einmal erhöht. Allerdings hätten sich die Abgeordneten einen Ausweg offen gelassen: Bevor das Gesetz in Kraft trete, müsse erneut darüber abgestimmt werden. Außerdem sei auch die Zustimmung des House of Lords notwendig, hier könnten sich Verzögerungen ergeben.

Darüber hinaus stünden morgen die US-Arbeitsmarktdaten auf der Agenda (01.10.). Hier werde ein leichter Rückgang der Arbeitslosenrate erwartet. Ein Rückgang bei der Arbeitslosenrate (von 6,4% auf 6,3%) sei auch in Deutschland zu beobachten gewesen. Weiter sei auf die Industrieproduktionsdaten zu achten. Im Juli sei es in fast allen Ländern zu einem kräftigen Rebound gekommen und die spannende Frage sei, ob sich diese Dynamik im August fortgesetzt habe. Mit Spannung dürfe man darauf warten, wie sich die Zahl der Insolvenzanträge ab dem 01.10. in Deutschland entwickle. Zwar dürften überschuldete Unternehmen ihren Insolvenzantrag bis Anfang Januar hinauszögern. Aber Unternehmen, die nicht mehr zahlungsfähig seien, seien verpflichtet, ihre Insolvenz ab Anfang Oktober wieder anzumelden. Im Oktober werde die chinesische Regierung außerdem ihren neuen Fünf-Jahres-Plan vorstellen. Die jüngsten Attacken der USA auf den chinesischen Technologiesektor könnten hier ihre Spuren hinterlassen. Insgesamt dürften die Renditen weiterhin eher richtungslos verlaufen. (01.10.2020/alc/a/a)