Erweiterte Funktionen

Rentenmärkte: Baldige PEPP-Aufstockung wahrscheinlich


20.05.20 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - An den Finanzmärkten macht sich zunehmend Konjunkturoptimismus bemerkbar, gepaart mit zumindest kurzzeitiger Euphorie über die Aussicht auf einen Impfstoff, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Im Ergebnis seien die Aktienmärkte und die langfristigen Renditen der deutschen und der amerikanischen Staatsanleihen im Wochenvergleich gestiegen. Dazu beigetragen habe zeitweise auch die Einigung von Frankreich und Deutschland, einen Wiederaufbaufonds in Höhe von 500 Mrd. Euro vorzuschlagen. Das Besondere daran sei, dass die Mittel nicht als Kredit vergeben würden und dass sie über die Verschuldung der Europäischen Union finanziert werden sollten. Mit diesem Konzept rücke man in die Nähe von den hierzulande häufig verschmähten Eurobonds. Allerdings bedeute die Einigung von Frankreich und Deutschland keineswegs, dass die Idee auch Wirklichkeit werde.

Kurz nach der Veröffentlichung des Vorschlags hätten sich Österreich, die Niederlande, Dänemark und Schweden dagegen gewandt. Sie würden die Idee ablehnen, dass die Mittel nicht zurückgezahlt werden sollten, sondern möchten die Hilfen auf Kreditbasis verteilen. Aber das treffe den Kern deutsch-französische Vorschlag, dessen großer Vorteil darin liege, dass die Schuldenlast von Italien und Spanien usw. eben nicht weiter steige, da ansonsten durch den höheren Schuldendienst das Wachstum langfristig belastet würde. Vorstellbar sei, dass man sich in den kommenden Wochen auf einen Kompromiss einige, der zwar die Rückzahlung der Empfängerländer vorsehe, aber diese über einen sehr langen Zeitraum strecke und Subventionen bei den Zinszahlungen vorsehe.

Gestern hätten sich die EZB-Chefin Christine Lagarde und der Chefvolkswirt der EZB, Philip Lane, zur künftigen Geldpolitik in Interviews für mehrere europäische Tageszeitungen geäußert. Ostentativ seien sie nicht abgerückt von der Aussage, dass das PEPP-Ankaufprogramm sehr flexibel eingesetzt werde, der Kapitalschlüssel hier nicht angewandt werden müsse und das Programm aufgestockt werden könne. Mit dieser offensiven Haltung würden die beiden Notenbanker offensichtlich jeglichen Glaubwürdigkeitsverlust versuchen, den das kürzlich ergangene Urteil des Bundesverfassungsgerichts (dabei sei es um die Rechtmäßigkeit von Anleiheankäufen gegangen) auslösen könnte, abzuwenden. In jedem Fall hätten die Äußerungen die Phantasie geweckt, die EZB könne bereits bei ihrer Sitzung am 4. Juni das PEPP-Programm von derzeit 750 Mrd. Euro aufstocken.

Notenbankkollege Jerome Powell habe sich vor dem Bankenausschuss des US-Senats geäußert und bekräftigt, dass der Zentralbank noch viele Instrumente bereit stünden, um die Wirtschaft zu stützen. Der Auftritt habe gemeinsam mit Finanzminister Steven Mnuchin stattgefunden und dadurch die Aussage der beiden Verantwortlichen unterstrichen, dass die Notenbank und das Finanzministerium eng zusammengearbeitet hätten. In ihrer Einschätzung seien sich Powell und Mnuchin aber keineswegs immer einig gewesen. Während es gemäß Powell darauf ankäme, dass die Menschen sich wieder sicher fühlten und erst dann wieder entsprechend konsumieren würden, habe Mnuchin betont, man müsse die Wirtschaft so rasch wie möglich wieder öffnen, um Wachstum zu generieren.

Powell sehe anders als Mnuchin Gesundheitsschutz und Wirtschaft nicht als Widerspruch. Beunruhigend sei in gewisser Weise, dass im Finanzministerium Medienberichten zufolge nur 500 Mitarbeiter zur Verfügung stünden, um Darlehen von 530 Mrd. US-Dollar an 4 Millionen Unternehmen zu verteilen. Dass hier wertvolle Zeit verloren gehen würden und es zu zahllosen vermeidbaren Insolvenzen kommen dürfte, liege auf der Hand und sei ein Faktor, der sich sowohl kurz- als auch langfristig negativ auf die Wachstumsaussichten der USA niederschlagen könnte.

Derweil seien negativen Leitzinsen weiterhin ein Thema, sowohl in den USA als auch in Großbritannien. Abzulesen sei dies an den Geldmärkten, wo implizit negative Leitzinsen erwartet würden. Sowohl der Bank of England-Chef Andrew Bailey als auch sein US-Kollege hätten sich ablehnend gegenüber diesem Instrument ausgesprochen. Die Thematik werde zunächst weiterhin auf der Agenda vieler Investoren bleiben.

In den nächsten Tagen sollte man auf der Konjunkturseite vor allem auf die morgigen (21.05.) PMI-Einkaufsmanagerindices der Eurozone achten, die sich gegenüber dem April wert leicht erholen sollten und trotz Feiertag veröffentlicht würden. Am Montag (25.05.) folge dann der Ifo-Index, der ebenfalls wieder einen höheren Wert zeigen sollte, sodass der April den Tiefpunkt in der wirtschaftlichen Aktivität markieren dürfte.

In den USA sei am gleichen Tag der "Memorial Day". Interessant könnte noch der Finanzmarktstabilitätsbericht der EZB sein (27.05.) sowie das Konsumentenvertrauen GfK in Deutschland (26.05.). Darüber hinaus sei wie gewohnt auf die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zu achten, da sich daraus Schlussfolgerungen auf das Tempo der weiteren Öffnung der Wirtschaft ziehen lassen würden. In den letzten beiden Tagen seien die Neuinfektionen in Deutschland wieder gestiegen. (20.05.2020/alc/a/a)