Rentenmärkte: Alles im Rahmen ihres Mandats?


08.05.20 08:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Mit seinem Urteil stellt das Bundesverfassungsgericht infrage, ob das Anleihekaufprogramm der EZB, kurz PSPP (Public Sector Purchasing Program) getauft, in seinem Ausmaß überhaupt in Rahmen der EU-Statuten liegt, so Christian Eggers, Senior FX Trader bei der Hamburg Commercial Bank.

Deutschlands höchstes Gericht bemängele, dass die Nebenwirkungen, etwa auf Sparzinsen einerseits sowie Immobilien- und Mietpreise anderseits, nicht hinreichend ins Kalkül gezogen worden seien und damit den erlaubten Rahmen sprengen würden. In einem Zeitraum von drei Monaten möchte man dazu gerne zufrieden stellende Erläuterungen aus den Frankfurter Zentralbank-Tower hören.

Aber der Reihe nach. Beiderseits des Atlantiks habe man erst vergangene Woche über die zukünftige Geldpolitik beraten. Konkrete Beschlüsse seien vonseiten der FED gar nicht zu vernehmen gewesen und die EZB habe als Neuerung lediglich die Einführung so genannter "Pandemic Emergency Long Term Refinancing Operations" (PLTROs) bekannt gegeben.

FED-Präsident Powell sehe auch auf mittelfristige Sicht noch erhebliche Risiken aus der Pandemie. Insofern werde man sämtliche Werkzeuge aus dem Instrumentenkasten zur Unterstützung der Wirtschaft nutzen. Daraus schließe der Kapitalmarkt einerseits, dass bei einer Bilanzausweitung auf 7.000 Mrd. US-Dollar nicht Schluss sein müsse. Andererseits spräche daraus, dass die FED nicht mit einer schnellen Erholung in V-Form rechne.

Zusätzlich zu Krediten aus dem Payroll Protection Program für kleine sowie aus dem Main Street Lending Program für mittlere Unternehmen habe die FED erklärt, Unternehmensanleihen sowohl am Primär- als auch am Sekundärmarkt kaufen zu wollen. Davon profitiere natürlich in erster Linie der Markt für Anleihen bester bis mittlerer Bonität (Investment-Grade). Aber auch am Markt für Hochverzinsliche (Junk-Bonds) seien im April Anleihen im Wert von USD 33 Mrd. aufgelegt worden, also etwa doppelt so viel Volumen wie im April ein Jahr zuvor.

Am langen Ende der US-Treasury-Kurve würden die Renditen seit Anfang April im Wechselspiel von rasant steigenden Arbeitslosenzahlen und Bestrebungen auf eine schnelle Aufhebung von Restriktionen in der Bewegungsfreiheit zwischen 54,5 und 78,5 Basispunkten technisch sauber flankiert von Fibonacci-Retracements auf beiden Seiten (76,4% bei 54,5 Bps sowie 38,2% bei 82,5 Bps) schwanken. Am kurzen Ende würden die Renditen in einer engen Spanne um 20 Basispunkte festhängen.

Zurück auf die EZB: Insgesamt hätten sich nicht wenige von ihr versprochen, dass das Ankaufprogramm auch auf Emittenten mit Bonität unterhalb von "investment grade" ausgedehnt werden könnte. Im Hinblick auf Italien, das wirklich nicht mehr weit vom Junk-Bond Niveau entfernt sei und bereits von Fitch als eine der dreien maßgeblichen Agenturen auf die letzte Stufe davor herunterge"ratet" worden sei, hätte das sicherlich für einige Entspannung gesorgt. Derlei Erwartungen seien nicht nur enttäuscht worden, sondern schon in der neuen Woche nach der EZB-Sitzung habe das Bundesverfassungsgericht für einen Paukenschlag gesorgt.

Herr Voßkuhle, seines Zeichens Vorsitzender des Zweiten Senats am BVG, habe den Vorwurf an die EZB formuliert, dass das Anleihekaufprogramm in Ausmaß und Umsetzung unverhältnismäßig zu ihrem Mandat sei. Risiken und Nebenwirkungen müssten sehr viel stärker abgewogen, mindestens jedoch erläutert werden, so die Forderung. Genau dies treffe aber einen äußerst empfindlichen Nerv, wenn man wiederum an die Unterstützung, ohne welche Italien nicht auskommen werde, zurückdenke. Im Rahmen des PEPP-Programms der EZB habe man sich eigentlich wesentlich mehr Bewegungsfreiheit versprochen, was wohl auch Frau Lagarde im Laufe der Pressekonferenz mit "vollem Ausnutzen der gegebenen Flexibilität" in ihrer Antwort auf die Frage nach möglichen Investitionen in Junk-Bonds gemeint habe. Auch wenn der Einwand des BVerfG nicht direkt auf PEPP angewendet werden könne, sehe der Markt jetzt aber gewisse Einschränkungen in den Freiheitsgraden einer "Whatever it takes".

Im Schnitt sei das Renditeniveau im Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) von -38 Basispunkten Anfang April auf -53 Basispunkte gesunken, während dasjenige der Italienischen BTPs im gleichen Zeitraum von 1,60% auf knapp 2% gestiegen sei. In der Zunahme des Spreads auf 250 Basispunkte zeige sich also einmal mehr das ganze Dilemma. Auf der anderen Seite seien die Höchststände in dieser Zinsdifferenz von Mitte April (265 BP), geschweige denn zum schlimmsten Zeitpunkt des italienischen Corona-Ausbruchs Mitte März (282 BP) noch nicht erreicht oder gar übertroffen. Im positiven Sinne möge man daraus die Einschätzung ablesen, dass die EZB am Ende die geäußerten Bedenken beiseite räumen könne. (Ausgabe vom 07.05.2020) (08.05.2020/alc/a/a)