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Renten: Zinswende rückt immer näher


09.05.22 10:31
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Rendite zehnjähriger Bunds hat die 1%-Marke erstmals seit rund sieben Jahren wieder erreicht, so die Analysten der Helaba.

Ein wichtiger Grund sei der Anstieg der Euro-Teuerung auf 7,5% im April gewesen. Die Hoffnung, dass sich im März ein Top bilde, sei nicht erfüllt worden. Stattdessen wachse die Unsicherheit, wo das Ende der Fahnenstange sei. Die Inflationserwartungen der Anleger hätten mit zeitweise 2,5% einen neuen Höchststand erreicht und notieren inzwischen relativ nahe der US-Inflationserwartungen. Gründe hierfür seien u.a. der schwache Euro, die hohe Energieabhängigkeit des Euroraums gegenüber Russland und die bislang zögerliche EZB.

Bei letzterem sei aber zuletzt Bewegung erkennbar. Nach einigen Aussagen von Mitgliedern des EZB-Rats würden sich die Hinweise verdichten, dass die Zinswende im Euroraum schneller komme, als bislang kommuniziert worden sei. Motor dieser Entwicklung sei die inzwischen auf breiter Front steigende Teuerung. Die Güter- und Dienstleistungspreise, also die Komponenten des Verbraucherpreisindices außerhalb der stark erhöhten Energie- und Nahrungsmittelpreise, seien zuletzt auf 3,5% gg. Vj. geklettert, das langjährige Mittel liege hier bei 1,3%.

Die Analysten würden daher ihre Zinsprognosen anpassen und nunmehr die Leitzinswende im Sommer statt im Herbst erwarten. Der Einlagensatz dürfte dann um 25 Basispunkte angehoben werden. Im vierten Quartal sollte der zweite Zinsschritt um 25 Basispunkte erfolgen. Infolgedessen würden die Analysten das Renditeniveau von Bunds für das zweite und dritte Quartal auf 0,9% erhöhen. Für zehnjährige US-Treasuries würden sie die Prognosen auf 2,9% bzw. 2,8% erhöhen.

Die von den Märkten erwarteten vier Zinsschritte der EZB bis Jahresende, ablesbar an den deutlich gestiegenen Terminmarktsätzen, scheinen aber zu ambitioniert. Immerhin tage der EZB-Rat im zweiten Halbjahr lediglich viermal. Dass die EZB jetzt der FED nacheifere, erscheine angesichts der wesentlich schwierigeren Konjunkturlage im Euroraum infolge der viel unmittelbareren Auswirkungen des Ukraine-Krieges fraglich. Dass die Tauben im EZB-Rat einen scharfen Zinserhöhungskurs mittragen würden, sei unsicher, zumal damit der bereits laufende Prozess eines sich abschwächenden Wachstums vermutlich erheblich verstärkt würde.

Natürlich wäre es so möglich, die Inflationserwartungen im Euroraum wieder in Richtung 2% zurückzudrängen. Eine Rezession würde die Preis- und Lohnerhöhungsspielräume der Unternehmen spürbar einschränken. Die EZB dürfte jedoch zögern, sei es ihr schon immer besonders darauf angekommen, den Zusammenhalt im Euroraum zu stärken. In dieser epochalen Phase die fragile Konjunktur einem erhöhten Risiko auszusetzen und damit Spannungen auch im politischen Raum zu erzeugen, wäre aus Sicht vieler Notenbanker problematisch.

Zu bedenken sei dabei, dass sich Notenbanken in Kriegszeiten oft nicht an das Lehrbuch halten würden. In diese Richtung würden auch Aussagen des EZB-Chefvolkswirts Philip Lane deuten, dass der gesamte Prozess einer geldpolitischen Normalisierung wichtiger sei als der eigentliche Zeitpunkt der Zinswende. Die Risikoaufschläge im Euroraum seien zudem bereits in Bewegung geraten. Der Spread zehnjähriger italienischer Staatsanliehen gegenüber Bunds habe sich seit dem letzten Herbst von ein auf zwei Prozentpunkte verdoppelt. (Ausgabe vom 06.05.2022) (09.05.2022/alc/a/a)