Renten: Vorsicht bei Ausweitung der Eurozone geboten


15.09.17 08:40
Baader Bank

Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Vielleicht wird EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ja doch noch als Modernisierer in die Annalen der Europäischen Union eingehen, so Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.

In einer Grundsatzrede vor dem Europäischen Parlament habe der Luxemburger mit seinem Entwurf zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft für frischen Wind gesorgt. Allerdings bedürfe es dabei einer genauen Betrachtung seiner Vorschläge.

So habe sich Juncker dafür ausgesprochen, dass alle Mitgliedsländer der EU den Euro einführen sollten. Bisher gelte er nur in 19 von 28 Mitgliedsländern als offizielle Währung. Die Staaten, in denen der Euro bislang nicht gelte, seien Bulgarien, Dänemark, Großbritannien, Kroatien, Polen, Rumänien, Schweden, Tschechien und Ungarn. Vor einer tatsächlichen Einführung des Euro in diesen Ländern sollte man deren Budgetsituation genau unter die Lupe nehmen.

Eine Ausweitung der Eurozone möge zwar eine Prüfung wert sein, aber in allen verbleibenden Ländern auf einmal den Euro einzuführen, müsse doch mit Skepsis betrachtet werden. Nach heutigem Wissen sei auch Griechenland nicht reif für den Euro gewesen. Den Fehler einer vorschnellen Einführung der Gemeinschaftswährung sollte man also nicht wiederholen. Im Übrigen stelle sich die Frage, ob Länder wie Dänemark und Schweden tatsächlich ein Interesse daran hätten.

Weiter schlage Juncker vor, bis 2019 Freihandelsabkommen mit Australien und Neuseeland abzuschließen, was angesichts der Abschottungstendenzen der USA sinnvoll erscheine. Die Abkommen sollten laut Juncker mit größtmöglicher Transparenz ausgehandelt und nationale sowie regionale Parlamente vom ersten Tag an umfassend informiert werden. Fehler, die man bei TTIP gemacht habe, gelte es zukünftig zu vermeiden.

Zudem schlage der EU-Kommissionspräsident vor, Investoren aus Drittstaaten künftig genauer unter die Lupe zu nehmen. Dies treffe insbesondere Übernahmen durch chinesische Firmen, die dann strenger geprüft werden könnten.

Weiter wolle Juncker in der Flüchtlingskrise legale Migrationswege schaffen und die "skandalöse Situation in Flüchtlingslagern in Libyen" beenden. Europa sei keine Festung, habe er gesagt, sondern weiterhin ein Kontinent der Hoffnung. Juncker wolle aber Flüchtlinge ohne Anspruch auf Asyl konsequenter als bisher zurückschicken, damit den wirklich Hilfsbedürftigen geholfen werden könne. Dies sollte helfen, die Akzeptanz des Asylrechts zu erhöhen.

Wenn die EU noch effizienter zu arbeiten vermöge, solle es nur recht sein. Dazu beitragen solle die Verschmelzung des Amtes des Ratspräsidenten mit dem des Kommissionspräsidenten - was nur mit Zustimmung des derzeitigen Ratspräsidenten Donald Tusk möglich sei. Juncker selbst käme für das neue Amt nicht mehr in Frage, da er 2019 in den Ruhestand gehen werde.

Ein weiteres Mal habe die Europäische Zentralbank (EZB) in der vergangenen Woche die Entscheidung vertagt, wann und wie die Zinswende kommen solle. Zwar spreche die niedrige Inflation von rund 1,5% im Euroraum eher für eine Fortsetzung der Niedrigzinspolitik. Doch gleichzeitig gewinne die Konjunktur in Euroland an Fahrt, was für ein Anziehen der Zügel über höhere Zinsen sprechen würde. Sofern die Teuerungsrate und das Wirtschaftswachstum voneinander entkoppelt bleiben würden, drohe die ultralockere Geldpolitik aber zu einer Überhitzung der Volkswirtschaft zu führen.

Hinzu komme die anhaltende Forderung seitens der Finanzbranche, die auf eine Zinswende dränge - wovon Draghi sich bisher allerdings nicht habe beeindrucken lassen. Die Zeit des billigen Geldes in Europa sollte trotz des starken Euro enden, halle es dem EZB-Präsidenten speziell von deutschen Banken entgegen. Nach Ansicht des Chefs des Verbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, Uwe Fröhlich, "überzieht die EZB langsam".

Aktuell bereite der EZB der kräftige Kursanstieg des Euro Kopfschmerzen, der seit Jahresbeginn mehr als 13% zugelegt habe, wodurch sich Produkte aus dem Euroraum auf dem Weltmarkt verteuern würden. Weil aber gleichzeitig Importwaren billiger würden, werde die Inflation gedrückt. Für die EZB werde es dann noch schwieriger, ihr Inflationsziel von knapp 2% zu erreichen. EZB-Chef Mario Draghi sitze also in einer klassischen Zwickmühle.

Vor diesem Hintergrund habe Draghi die Entscheidung über die Zinswende erst mal wieder verschoben - und zwar bis ins kommende Jahr. Erst 2018 dürfte mit einer vorsichtigen Änderung der EZB-Geldpolitik zu rechnen sein. Schrittweise könnte dann die EZB die monatlichen Anleihekäufe von derzeit 60 Mrd. EUR herunterfahren, um im Anschluss die Wirkung zu beobachten. Bis dahin dürfte es keine Erhöhung der Zinsen geben.

Eine solche Wende habe es lediglich in den USA schon gegeben. Deren Notenbank FED treffe sich am kommenden Donnerstag wieder zu ihrer routinemäßigen Zinssitzung. Größere Entscheidungen seien zwar nicht zu erwarten. Aber dennoch gelte: Nach der EZB sei vor der FED.

Da habe man es in Wien nochmal wissen wollen. Rechtzeitig vor der für 2018 erwarteten Zinswende im Euroraum habe die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur eine Staatsanleihe (ISIN AT0000A1XML2 / WKN A19PCG) am Kapitalmarkt platziert, die erst am 20.09.2117, also in 100 Jahren, zurückgezahlt werden solle. Es sei die erste Anleihe dieser Art, die mit einem hohen Volumen (3,5 Mrd. EUR) von einem Euroland begeben worden sei. Zuvor hätten schon Belgien und Irland wesentlich kleinere Emissionen als Private Placement untergebracht.

Auch Argentinien und Mexiko, also Länder mit einem schlechteren Rating als Österreich, hätten bereits "Jahrhundert-Anleihen" begeben. Frankreich, Spanien oder Italien hätten dagegen regelmäßig 50-jährige Titel emittiert.

Was Wien mit seiner Emission recht gebe, sei der Umstand, dass der Bond, der lediglich einen Kupon von 2,1% habe, deutlich überzeichnet gewesen sei. So hätten Orders in Höhe von 11 Mrd. EUR für die Anleihe vorgelegen. Das Interesse sei also riesengroß. Dennoch sollte den Anlegern klar sein, dass bei dem Titel mit Kursverlusten zu rechnen sei, wenn sich die Zinsen im Euroraum eines Tages ändern sollten.

Kurios an dieser Neuemission sei nicht nur, dass sich ein Staat wie Österreich für 100 Jahre verschulde, obwohl er erst vor 99 Jahren gegründet worden sei sondern auch in dieser Zeit zweimal zahlungsunfähig gewesen sei.

Nur kurz dürfte das Durchatmen von Premierministerin Theresa May gedauert haben, als sie ein Gesetz im britischen Unterhaus durchgebracht habe, mit dem nach dem Brexit ein Rechtsvakuum verhindert werden solle. Denn das Gesetz gehe nun in arbeitsreiche Ausschussberatungen, wo 157 Änderungsanträge eingebracht worden seien.

Mit dieser Maßnahme werde vorerst der EU-Rechtsbestand in britisches Recht übertragen. Im Anschluss sollten dann Schritt für Schritt alle Bestimmungen, die vom EU-Austritt der Briten betroffen seien, angepasst werden. Da es sich um Tausende von Regelungen handele, wolle die Regierung in London die Gesetzgebungsgewalt dafür erhalten. Auf diese Weise entstehe die groteske Situation, dass der EU-Austritt zur Entmachtung des Parlaments führe. Wohlgemerkt, die Brexit-Befürworter hätten diesen mit dem Argument gefordert, dem Parlament seine Souveränität zurückzugeben. Nun aber entmachte sich das Parlament quasi selbst.

Nicht von ungefähr habe der Brexit-Sprecher der oppositionellen Labour Party, Keir Starmer, der Regierung einen "Griff nach der Macht" vorgeworfen. So beschleiche manchen Briten das Gefühl, die Brexiteers hätten den EU-Austritt am Parlament vorbei über die Bühne bringen wollen. Aber wo solle der bestmögliche Brexit, der am wenigsten wirtschaftlichen Schaden anrichte, denn gefunden werden, wenn nicht im Parlament?

Dass seine Popularität unter seinen Reformplänen für den Arbeitsmarkt leiden würde, dürfte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erwartet haben. Schließlich ziele sein Vorhaben darauf ab, es den französischen Unternehmen zu ermöglichen, effizienter auf sich ändernde Marktbedingungen zu reagieren. Dadurch sollten sie wettbewerbsfähiger und dynamischer werden - und auf diese Weise der französischen Wirtschaft Auftrieb verleihen. Umgekehrt heiße es aber auch, dass Arbeitnehmerrechte beschnitten würden, weshalb es kein Wunder sei, dass Menschen auf die Straße gehen würden. So hätten in Frankreich mehr als 200.000 Menschen gegen die geplante Arbeitsmarktreform demonstriert. Von den größten Gewerkschaften habe aber nur die linke CGT zu Protesten aufgerufen.

Ob sich Macron mit seiner Reform, die am 22. September verabschiedet werden solle, werde durchsetzen können, sei die eine Frage. Die andere aber drehe sich darum, ob seine Reformen auch tatsächlich von Erfolg gekrönt sein würden und somit einen wirtschaftlichen Aufschwung mit sinkender Arbeitslosigkeit nach sich ziehen würden.

Mitentscheidend könne hier die Unterstützung der deutschen Regierung sein, von der manche erwarten würden, dass sie zusammen mit der Führung in Paris ein Bündel an Neuerungen für die EU entwickeln würden. Zuvor müsse aber der Ausgang der Bundestagswahlen am 24. September und das Bilden der neuen Regierung abgewartet werden.

Munter sei es in dieser Woche weiter mit der Ausgabe neuer Unternehmensanleihen gegangen. So hätten Belden, QuintilesIMS, Vivendi und die Softbank Group erfolgreich frisches Geld am Kapitalmarkt einsammeln können.

Die Softbank Group habe zwei Bonds mit insgesamt 2,25 Mrd. EUR aufgelegt. Die erste Tranche (ISIN XS1684385161 / WKN A19PD1), ein 8-jähriger Bond sei am 19.09.2025 fällig und habe einen Kupon in Höhe von jährlich 3,125%, der halbjährlich gezahlt werde. Das Emissionsvolumen betrage hier 1,5 Mrd. EUR. Der Emissionspreis habe bei pari gelegen, was +256 bps über Mid Swap entsprochen habe.

Eine zweite 750 Mio. EUR schwere 12-jährige Anleihe (ISIN XS1684385591 / WKN A19PD2) mit Fälligkeit am 19.09.2029 zahle dem Anleger halbjährlich Zinsen in Höhe von 4% p.a. und habe zu einem Preis von 100% ausgegeben werden können. Dies entspreche einem Emissionsspread von +300 bps über Mid Swap. Beide Anleihen hätten ein optionales Kündigungsrecht jeweils drei Monate vor Endfälligkeit.

Vivendi sei der größte französische Medienkonzern und habe erfolgreich einen 850 Mio. EUR schweren Bond (ISIN FR0013282571 / WKN A19N7U) mit Laufzeit bis zum 18.09.2024 am Kapitalmarkt platziert. Vivendi zahle seinen Investoren einen jährlichen Zins in Höhe von 0,875%. Das Papier sei zu 99,367% begeben worden, was einem Emissionsspread von +55 bps über Mid Swap gleichgekommen sei. Vivendi habe ein optionales Kündigungsrecht am 18.06.2024 - drei Monate vor Endfälligkeit - zu pari festgelegt.

Als dritter im Bunde habe das mit IT-Dienstleistungen für den Pharmabereich tätige Unternehmen QuintilesIMS einen 8-jährigen Bond (ISIN XS1684387456 / WKN A19N9R) mit einem Emissionsvolumen von 420 Mio. EUR aufgelegt. Die börsennotierte Gruppe mit Sitz in North Carolina in den USA zahle für die Aufnahme des Kredits am Bondmarkt bis zur Fälligkeit am 15.09.2025 Zinsen in Höhe von 2,875%. Die Zinszahlung teile sich auf die Monate März und September auf. Der Emissionspreis habe sich auf 100% belaufen, was +287 bps über der vergleichbaren Bundesanleihe entsprochen habe. In die Anleihebedingungen seien drei optionale Kündigungsrechte am 15.09.2020 zu 101,438%, am 15.09.2021 zu 100,719% und am 15.09.2022 zu 100% aufgenommen worden.

Zu guter Letzt habe sich Belden, ein Unternehmen mit Sitz in den USA welches Lösungen für die Datenübertragung entwickele, eingereiht und eine Anleihe (ISIN XS1684785345 / WKN A19N68) mit einem Volumen von 300 Mio. EUR begeben. Belden habe den Bond mit einem Zins von 2,875% ausgestattet, welcher bis zur Fälligkeit am 22.05.2026 halbjährlich gezahlt werde. Emittiert worden sei zu pari (+286 bps über Bund). Das Unternehmen habe sich zusätzlich drei optionale Kündigungsrechte am 15.09.2020 zu 101,438%, am 15.09.2021 zu 100,719% und am 15.09.2022 zu 100% eingeräumt.

Alle Unternehmen hätten sich zusätzlich zu den beschriebenen Kündigungsrechten eine Make Whole Option in die Anleihebedingungen aufnehmen lassen. Des Weiteren hätten sie für alle Bonds die Mindeststückelung auf 100.000 EUR festgelegt.

Die europäische Gemeinschaftswährung sei nach einer kurzen Verschnaufpause wieder zurück in der Erfolgsspur. Im Nachgang zur EZB-Ratssitzung habe sich der Euro verteuert und erneut Bestmarken erklimmen können.

Trotz der kritischen Worte von EZB-Präsident Mario Draghi zur derzeitigen Euro-Stärke sei die Einheitswährung in der Folge weiter angestiegen. So habe der Euro zum Wochenausklang mit 1,2092 USD sein bisheriges Jahreshoch bei 1,2070 USD (29. August) übertreffen können und damit so hoch wie zuletzt im Januar 2015 notiert. Die gemeinsame Währung Europas profitiere weiterhin von der Schwäche des Greenback und den politischen Unwägbarkeiten aus Washington. Zudem habe sich die Sorge um die wirtschaftlichen Folgen des Hurrikans "Irma" belastend auf den US-Dollar ausgewirkt. Der Start in die neue Handelswoche sei allerdings etwas verhaltener verlaufen. Der Euro sei wieder deutlich unter die Marke von 1,20 USD gerutscht und notiere aktuell bei 1,1905 USD.

Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) erwartungsgemäß die Zinsen unverändert belassen habe, habe die Kanadische Zentralbank mit einer Zinserhöhung überrascht. Die Notenbank habe den Schlüsselzins um 0,25% auf nun ein Prozent angehoben. Begründet worden sei der Schritt mit einer robusten und florierenden Wirtschaft. In der Folge habe der Euro zum Kanadischen Dollar (CAD) verloren und sei bis auf 1,44432 CAD zurückgefallen, nachdem er Ende August noch bei Kursen von 1,50748 CAD gehandelt habe.

In der vergangenen Berichtswoche habe eine leichte Zunahme der Handelsaktivitäten bei den Fremdwährungsanleihen registriert werden können. Zu den Favoriten hätten Bonds lautend auf US-Dollar, Norwegische Kronen, Türkische Lira und vereinzelt auch Australische sowie Kanadische Dollar gehört.

Disclaimer

Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.

Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.

Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten. (Ausgabe vom 14.09.2017) (15.09.2017/alc/a/a)





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