Renten: Von negativen Leitzinsen und steigenden Neuemissionen


14.09.20 16:30
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - In den Industriestaaten mehren sich die Anzeichen, dass sich die konjunkturelle Erholung verstetigt, so die Analysten von Postbank Research.

Doch der Aufschwung sei fragil und eine mögliche zweite Corona-Infektionswelle könnte die Krise rasch wieder verschärfen. Führende Notenbanken hätten bereits erklärt, ihre expansive Geldpolitik auf Jahre beizubehalten - und falls nötig auszuweiten. In diesem Zusammenhang sei eine Diskussion über negative Leitzinsen entbrannt.

Während die Notenbanker in den USA, Kanada und Australien diesem Gedankenspiel eine klare Absage erteilt hätten, stehe das Führungspersonal der Bank of England und der Reserve Bank of New Zealand der Option deutlich offener gegenüber. An den Märkten werde diese Möglichkeit nun zunehmend eingepreist. Die Renditekurve britischer Staatsanleihen sei bereits bis zu einer Laufzeit von bis zu fünf Jahren negativ. Neuseeländische Staatsanleihen würden bis zu sieben Jahren Laufzeit bei 0,3% oder niedriger rentieren.

Die Postbank beurteile für die beiden Länder mögliche negative Leitzinsen unterschiedlich. So hätten die Geschäftsbanken in Neuseeland die bisherigen Zinssenkungen nicht vollständig weitergegeben, die Inflationserwartungen seien gering und der Kiwi-Dollar habe Spielraum, über negative Leitzinssätze abzuwerten. Etwas anders sehe die Lage in Großbritannien aus: Dort würden sich Kreditwachstum und Inflation bereits robust entwickeln. Das Britische Pfund habe gegenüber dem US-Dollar kräftig abgewertet - die Wirksamkeit weiterer Leitzinssenkungen dürfte daher sehr begrenzt sein.

Das gelte sicherlich auch für die USA. Der US-Dollar habe bereits deutlich abgewertet, das Kreditwachstum sei stark. Außerdem akzeptiere die US-Notenbank Federal Reserve (FED) nun auch über einen längeren Zeitraum Inflationsraten über 2%. Während die FED also die kurzfristigen Zinsen weiterhin bei null halte, habe die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen bereits reagiert und Ende August über 0,7% gelegen. Die Differenz zu Papieren mit 30 Jahren Laufzeit sei auf 0,8%-Punkte gestiegen - rund 50 Basispunkte über dem langjährigen Durchschnitt.

Der sprunghafte Renditeanstieg Ende August dürfte viele Anleger unvorbereitet getroffen haben. Allerdings sei nicht zu erwarten, dass sich diese Entwicklung fortsetze - noch sei dafür die Konjunkturdynamik zu gering und die Sorge vor steigenden Corona-Neuinfektionen in den USA zu groß. Auch deshalb dürften sich die 10-jährigen US-Renditen nach wie vor nur um rund 20 Basispunkte von ihrem Rezessionstief entfernt haben.

Im Segment für Unternehmensanleihen habe das Angebot neuer Papiere massiv zugelegt: So habe das Emissionsvolumen von Hochzinsanleihen (High-Yield, HY) Ende August um 50% über dem des Vorjahreszeitraums gelegen. In kleinerem Maßstab verzeichne der europäische Rentenmarkt eine vergleichbare Entwicklung. Nach Einschätzung der Postbank könnte sich die hohe Emissionstätigkeit fortsetzen. Die Befürchtung, dass eine zweite Infektionswelle schlechtere Refinanzierungsbedingungen nach sich ziehe, sei groß.

Eine Reihe von Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks dürfte deshalb geplante Emissionen vorziehen. Allerdings zeichne sich bereits eine Abschwächung der Nachfrage ab. US-Fonds, die in Papiere mit guter und sehr guter Bonität investieren würden, würden rückläufige Kapitalzuflüsse melden, europäische Pendants sogar Kapitalabflüsse. Gleichzeitig habe die FED zuletzt deutlich weniger Anleihen in ihre Bilanz genommen. Das Ankaufvolumen habe im Juli nur noch knapp 2,5 Mrd. US-Dollar betragen, in den sechs Wochen davor seien es noch 7,5 Mrd. US-Dollar gewesen. (Perspektiven September 2020) (14.09.2020/alc/a/a)