Renten: Schleppt sich Athen über die Ziellinie?


16.06.17 16:55
Baader Bank

Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Am Mittwochabend verkündigte die Präsidentin der amerikanischen Notenbank, Jenet Yellen, die von allen Marktteilnehmern erwartete Leitzinsanhebung, so Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.

Damit habe sie eine Berechenbarkeit demonstriert, die in den USA zum jetzigen Zeitpunkt nicht unbedingt üblich sei. Die auf nachvollziehbaren Fakten beruhende Änderung der Geldpolitik habe keine Überraschung dargestellt und man dürfe gespannt sein, ob bereits im September der von Janet Yellen angekündigte weitere Schritt folgen werde. Obwohl die amerikanische Wirtschaft im ersten Quartal mit etwas weniger Schwung gestartet sei, stehe sie nach Meinung der Notenbanker auf einem soliden Fundament.

Dennoch sei der Beschluss nicht einstimmig gefasst worden. Ein Mitglied habe sich gegen die Erhöhung ausgesprochen. Bei der anschließenden Pressekonferenz sei auch eine Bilanzverkürzung in Milliardenschritten in Aussicht gestellt worden. Die entsprechenden Entscheidungen hierzu sollten noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden. Darüber hinaus seien auch Fragen zur persönlichen Zukunft der FED-Präsidentin gestellt worden. Hierzu habe sie aber verlauten lassen, bisher nicht mit D.T. über ihre Zukunftspläne gesprochen zu haben.

Auch wenn man nicht immer alle Facetten der unterschiedlichen Notenbankpolitik gutheißen dürfe, so stehe allerdings außer Frage, dass die wichtigen Notenbanken mit dem Festhalten an den selbst gesteckten Zielen eine gewisse Konstanz ausstrahlen würden, die es in der klassischen Politik leider nur noch zu selten gebe. Das gelte nicht nur für die USA, sondern auch für Europa. So habe sich in Großbritannien Theresa May das "Eigentor des Jahres" geschossen und in Italien könnte es in diesem Jahr noch zu Neuwahlen kommen, wobei die Mehrzahl der zur Wahl stehenden Parteien für einen EU-Austritt werben würden.

In Österreich hingegen stehe bereits fest, dass die Bevölkerung zumindest einmal, am 15. Oktober, zur Stimmabgabe aufgerufen sei, denn unter Umständen gebe es hierbei die nächste Folge von "Pleiten, Pech und Pannen". Der einzige Stern am europäischen Himmel scheine momentan der neugewählte französische Präsident Emmanuel Macron zu sein, der mit seiner vor einem Jahr gegründeten Partei "En Marche" ein politisches Erdbeben ausgelöst habe. Dies war und ist Ausdruck der Unzufriedenheit mit den alten, etablierten Politikern, so die Analysten der Baader Bank. So etwas könnte zumindest theoretisch auch in Deutschland passieren, aber hier fehle einerseits das "neue" Gesicht dazu und andererseits setze in diesen Krisenzeiten die Bevölkerung noch auf die politische Erfahrung der führenden Köpfe. Dadurch erhoffe man, Schaden von Deutschland abzuhalten.

Diesen Anspruch hätten oftmals auch die Notenbanker, die sich immer noch zieren würden, die Normalisierung der Geldpolitik in Angriff zu nehmen. Es würden sich zwar erste vorsichtige Hinweise darauf mehren, aber der Ausstieg aus dem Krisenmodus erfolge zu zögerlich. Die Finanzmärkte seien gedopt, würden an der Geldspritze hängen und manchmal habe man den Eindruck, dass die Notenbanker nur ganz vage eine Vorstellung hätten, wie man eine Entziehungskur einleite. Die japanische Notenbank versuche diese Umkehr bereits seit Jahrzehnten und man dürfe gespannt sein, ob der FED das Vorhaben gelingen werde. Noch ein Zinsschritt in diesem und jeweils drei weitere in den nächsten beiden Jahren seien ambitioniert. Zumal die noch zu klärende Personalie an der FED-Spitze nicht ohne Einfluss sein werde.

Nachdem zum Ende der Vorwoche bereits der griechische Präsident Prokopis Pavlopoulos in Deutschland um mehr Verständnis für die besondere Situation seines Heimatlandes geworben habe, würden sich heute die Euro-Finanzminister in Luxemburg treffen und zum wiederholten Mal über die weitere Vorgehensweise beraten. Athen brauche die Auszahlung der nächsten Kreditrate, um zumindest etwas Bewegungsspielraum zu haben. Die griechische Regierung liebäugele bereits seit vielen Wochen und Monaten mit einer Rückkehr an die Kapitalmärkte, aber die dafür notwendigen Voraussetzungen seien immer noch nicht erfüllt.

So habe erst in dieser Woche die Europäische Zentralbank (EZB) bekanntgegeben, dass auch in den kommenden Monaten nicht mit einer Aufnahme griechischer Staatsanleihen in das Ankaufprogramm zu rechnen sein werde. Zumindest hierbei habe also der gebetsmühlenartig vorgebrachte Hinweis des griechischen Staatsoberhauptes, dass es hierbei um etwas Größeres gehe, nämlich Europa, noch nichts Positives bewirken können.

Wolfgang Schäuble habe in den vielen Dienstjahren als Finanzminister bewiesen, dass er gegen solche "Erpressungsversuche" immun sei, aber ob er sich noch lange gegen ein erneutes Entgegenkommen gegenüber Athen sperren könne, dürfe bezweifelt werden. Denn ein Zerfallen Europas in seine Einzelteile sei zum jetzigen Zeitpunkt keine sinnvolle Option und das wisse auch er. Um der Forderung der Schuldenerleichterung nochmals Nachdruck zu verleihen, habe das griechische Parlament am vergangenen Freitag in einem Eilverfahren ein weiteres Spar- und Reformpaket verabschiedet. Hierbei sei die bereits beschlossene Absenkung des Einkommenssteuer-Grundfreibetrages von 8.636 EUR auf 5.700 EUR um ein Jahr auf Anfang 2019 vorgezogen und der Zeitraum der gedeckelten Renten um ein Jahr auf 2022 nach hinten verlängert worden.

Ob sich die Mitglieder der Eurogruppe mit den jetzigen Maßnahmen zufrieden geben würden, könne nicht eindeutig beantwortet werden. Denn es sei zu befürchten, dass auch heute das Papier des vorangegangenen Treffens der Eurogruppe vom 22. Mai des Jahres mit geringen Anpassungen wieder auf dem Tisch liegen werde. Und das sei damals als unzureichend abgelehnt worden. Allerdings würden sich die Hinweise mehren, dass man sich auf den Vorschlag der IWF-Chefin Lagarde einigen könnte, um dadurch mal wieder das für Politiker so wichtige Gut - Zeit - zu gewinnen. Sollte dies nicht gelingen, so wäre bereits der erste Tagesordnungspunkt für das am 22. Juni stattfindende Treffen der Staats- und Regierungschefs gefunden.

Die Frage werde also sein, schleppe sich Griechenland heute mit letzter Kraft über die Ziellinie oder werde es demnächst von den anderen Staaten darüber getragen.

So habe sich Theresa May das nicht vorgestellt. Habe sie doch nach den Parlamentswahlen gestärkt in die Brexit-Verhandlungen mit den anderen 27 EU-Staaten eintreten und eine harte Linie verfolgen wollen. Doch mit dem Verlust der absoluten Mehrheit sei sie nun zuerst auf der Suche nach einer Mehrheit für ihre Politik im eigenen Land. Die Premierministerin sei durch diese Niederlage auch in ihrer Partei nicht mehr unumstritten und die Diskussion über ihre Nachfolge habe bereits begonnen.

Darüber hinaus könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass es erneut zu Neuwahlen kommen werde oder ob sogar Labour eine Koalition schmieden könne, um den neuen Premierminister zu stellen. Theresa May scheine das alles allerdings nicht sonderlich zu interessieren, denn sie betreibe "Business as usual". Zumindest habe man bisher nicht den Eindruck gewinnen können, dass ein Paradigmenwechsel stattgefunden habe. Trotz der ungeklärten Machtverhältnisse solle der britische Unterhändler David Davis am kommenden Montag die Brexit-Gespräche aufnehmen. Am gleichen Tag werde auch die traditionelle Parlamentseröffnung (State Opening) stattfinden.

Die Erwartungen ob es durch diese innenpolitischen Machtverhältnisse nun zu einem weicheren oder einem harten Brexit kommen werde, darüber würden die sogenannten Fachleute streiten. Beim Gesellschaftsspiel Monopoly würde in einem solchen Fall auf der Ereigniskarte stehen: "Gehe zurück auf Los". Somit sei alles möglich. Von Neuwahlen über ein zweites Referendum bis hin zum ungeordneten Brexit. Noch sei es zu früh, um eine seriöse Prognose zu erstellen. Doch sollte man auch bedenken, dass Theresa May nichts mehr zu verlieren habe und mit solchen Verhandlungspartnern sei nicht immer gut Kirschen essen! Für Spannung sei also gesorgt.

Schenke man dem ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber Glauben, dann sollten sich die Sparer in Deutschland von den Zeiten hoher Zinsen verabschieden und sich daran gewöhnen, dass die Zinsen niedrig bleiben würden. Auch nach der FED-Entscheidung zur Anhebung des Leitzinses auf eine Spanne von 1,00% bis 1,25%, werde nicht unweigerlich die Europäische Zentralbank ihre ultralockere Geldpolitik überdenken. Denn zu unterschiedlich seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den beiden Zuständigkeitsgebieten.

Wie Mario Draghi die Lage einschätze, habe er am vergangenen Donnerstag bei der EZB-Pressekonferenz mehrmals deutlich zum Ausdruck gebracht. Nach seinen Aussagen sei die EZB gewillt, das aktuelle Zinsniveau noch für lange Zeit beizubehalten und das zwinge natürlich alle Kreditinstitute, die Negativzinsen zukünftig auch an Privatkunden weitergeben zu müssen.

Habe man früher das Gefühl gehabt, dass Banken und Sparkassen um Kunden gebuhlt hätten, so könnte man inzwischen den Eindruck gewinnen, dass man sie abschrecken möchte. Zumeist gelte das nur für größere Geldbeträge. Aber die Volksbank Reutlingen habe mit ihrem neuen Preisverzeichnis zumindest die Voraussetzungen geschaffen, um Kunden sogar bei auf Guthaben Basis geführten Girokonten bzw. bei Festgeldern von Privatpersonen ab 10.000 EUR einen Strafzins von 0,5% in Rechnung stellen zu können. Noch würden die Verantwortlichen betonen, dass es sich hierbei lediglich um einen Vorratsbeschluss handele und man davon bisher nicht Gebrauch mache. Aber schon bald würden andere Banken diesem Beispiel folgen müssen, um finanziellen Schaden abzuwenden.

Auch wenn der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Georg Fahrenschon, noch vor einigen Monaten Negativzinsen für Privatpersonen gänzlich von sich gewiesen habe, so würden sich seine heutigen Kommentare anders anhören. Heute spreche er nur noch davon, dass Sparkassen einen solchen Schritt nicht wollten und man sich mit der ganzen Kraft dagegen stemme - auch zu Lasten der eigenen Ertragslage. So würden sich die Zeiten ändern!

In Erwartung der anstehenden Entscheidungen und der Tatsache geschuldet, dass in verschiedenen Bundesländern auch noch gestern Feiertag gewesen sei, habe sich der Primärmarkt für Corporate Bonds eine kleine Verschnaufpause gegönnt.

Erwähnenswert sei dennoch die Begebung zweier Anleihen der Tennet Holding BV, einem niederländischen Netzbetreiber mit Sitz in Arnheim gewesen. Die erste Tranche (ISIN XS1632897762 / WKN A19J8L) sei am 26.06.2025 endfällig und mit einem jährlichen Kupon von 0,75% ausgestattet. Die 500 Mio. EUR große Emission sei bei 99,268% (+33 bps über Mid Swap) begeben worden. Die zweite Anleihe gleichen Volumens (ISIN XS1632897929 / WKN A19J8M) verfüge über einen Kupon von 1,375% und sei am 26.06.2029 zur Rückzahlung fällig. Gepreist worden sei dieser Bond bei 99,784% (+45 bps über Mid Swap). Beide Gattungen seien mit einer Make Whole Option und einer Mindeststückelung von 100.000 EUR ausgestaltet worden.

Sein Kapitalmarktdebüt habe die 2013 gegründete Immobilien-Investmentgesellschaft Globalworth mit Sitz auf Guernsey gefeiert. Die begebene High-Yield Anleihe (ISIN XS1577957837 / WKN A19J8N) sei am 20.06.2022 fällig, habe ein Emissionsvolumen von 550 Mio. EUR und sei 3-fach überzeichnet gewesen. Den Investoren zahle das Unternehmen jährlich einen Zins in Höhe von 2,875%. Der Emissionskurs von 99,427% habe einem Spread von +345 bps über Mid Swap entsprochen. Auch dieses Unternehmen habe sich in den Anleihebedingungen eine Make Whole Option festschreiben lassen.

Für die Zeit nach den Zinsentscheidungen scheine allerdings die Pipeline wieder prall gefüllt zu sein. So würden aktuell das französische Unternehmen Plastic Omnium und der weltweit größte Catering-Konzern Compass Group auf Roadshows die geplanten Neuemissionen bewerben.

Die von Mario Draghi nur sehr verhalten angedeutete Zinswende habe dazu geführt, dass die Bären kapituliert und den Bullen fast kampflos das Feld überlassen hätten. Sei vor Monaten noch alles auf steigende Zinsen infolge der FED-Geldpolitik ausgerichtet gewesen, so habe sich das Sentiment des Euro-Bund-Future gänzlich gedreht. Die Ankündigung, die Zinsen noch für lange Zeit auf diesem Niveau zu belassen und auch nur in ganz kleinen Schritten die Trendwende einzuleiten, habe die Investoren zum Umdenken veranlasst. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass sich mit Frankreich ein starker Bündnispartner proeuropäisch ausrichte, habe wiederum viele Investoren veranlasst insbesondere französische, aber auch deutsche Staatsanleihen zu kaufen. Was nicht fallen wolle, müsse steigen! Diese alte Börsenweisheit gelte also immer noch.

Zugleich könne man die Tendenz am Rentenmarkt auch auf Basis der Rendite-Entwicklung für 10-jährige Bunds begründen. Nachdem es lange Zeit danach ausgesehen habe, dass die 0,50% in Angriff genommen werde, habe sich die Rendite inzwischen wieder auf einem Niveau von ca. 0,25% eingependelt. Sollte es in naher Zukunft nicht wieder zu einem Renditeanstieg in Richtung 0,38% kommen, so sei mit einem erneuten Test des Bereichs um 0,15% zu rechnen. Aktuell rentiere die deutsche Benchmark-Anleihe in etwa der Mitte der angegebenen Tradingrange.

Für das Rentenbarometer, das aktuell bei 165,38% notiere, bedeute dies eine Unterstützungslinie bei 164,10% und einem Widerstand bei 166,40%.

Diese Woche stehe im Zeichen der Notenbanken. So habe die amerikanische Notenbank (FED) am gestrigen Mittwoch den Reigen eröffnet, am heutigen Donnerstag würden die Schweizerische Notenbank (SNB) und die Bank of England (BoE) folgen. Zum Wochenschluss würden dann noch die Bank of Japan und Russlands Notenbank tagen. Es werde also trotz des heutigen regionalen Feiertags nicht langweilig werden.

Nachdem am vergangenen Donnerstag die Europäische Zentralbank (EZB) und gestern die FED mit ihren Entscheidungen bzw. Ausführungen die Märkte nicht sonderlich überrascht hätten, habe sich das Währungspaar Euro/Dollar in sehr ruhigem Fahrwasser präsentiert. So habe die Einheitswährung seit vergangenem Donnerstag zwischen 1,1166 USD und 1,1237 USD gehandelt und daran habe sich auch gestern in der Früh - trotz des vorgestrigen, abendlichen Anstiegs auf 1,1296 USD - nichts geändert (aktuell: ca. 1,1190 USD).

Anders sei es der Währung Großbritanniens seit der Bekanntgabe des Ergebnisses der Parlamentswahlen ergangen. Das Pfund Sterling sei gegenüber allen wichtigen Währungen unter Druck gekommen. Entsprechend habe der Euro von der Schwäche des Pfund Sterling profitieren können und sei auf ein neues Jahreshoch bei 0,88664 GBP gestiegen. Vor den Wahlen habe der Devisenkurs noch bei 0,8650 GBP gelegen. Zur Stunde handele der Euro um die Marke von 0,8780 GBP und somit gut behauptet.

In dieser Berichtswoche hätten Währungsanleihen lautend auf Britische Pfund, US-Dollar, Türkische Lira, Norwegische Kronen und Südafrikanische Rand im Fokus der Privatanleger gestanden.

Disclaimer

Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.

Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.

Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten. (Ausgabe vom 15.06.2017) (16.06.2017/alc/a/a)





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