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Renten: Die Rolle der Notenbanken


11.10.21 11:00
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Für viele Marktteilnehmer kam die Entwicklung überraschend: Schwächere Konjunkturdaten und zuletzt ein möglicher Zahlungsausfall in China im Zusammenhang mit einem hoch verschuldeten Immobilienentwickler hatten vorübergehend zu einem Rückgang der Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen von 1,48% Anfang Juli bis auf 1,30% im August geführt, berichten die Analysten von Postbank Research.

Der Abwärtstrend scheine inzwischen aber gebrochen. Die Rendite sei auf 1,54% gesprungen, nachdem die US-Notenbank Federal Reserve (FED) und auch andere bedeutende Notenbanken wie die Bank of England (BoE) den Abschied von der extrem lockeren Geldpolitik bekräftigt hätten. Inzwischen würden bei einigen Marktteilnehmern auch die Zweifel an dem Basisszenario führender Währungshüter wachsen, dass die hohen Inflationsraten nur ein vorübergehendes Phänomen seien.

In Großbritannien habe die absehbare Straffung der Geldpolitik ebenfalls zu einem signifikanten Anstieg der Staatsanleiherenditen geführt. Die Ankäufe der "Gilts" durch die BoE laufen zum Jahresende aus. Nun aber würden sich die Anzeichen für vorzeitige Leitzinserhöhungen verdichten. Bislang seien viele Analysten von einem ersten Schritt nicht vor 2023 ausgegangen, während die Märkte bereits für Mitte 2022 einen Anstieg von 0,1% auf 0,25% eingepreist hätten. Dieses Szenario könnte sogar noch übertroffen werden. Die Rendite für 10-jährige britische Staatsanleihen liege inzwischen über 1%.

Bei europäischen Unternehmensanleihen würden sich die Renditeaufschläge auf einem historisch niedrigen Niveau bewegen. Zwar habe die Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigt, das Tempo ihrer Anleihekäufe im Rahmen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) moderat zu verringern. Doch für den Unternehmenssektor sei das Corporate Sector Purchase Programme (CSPP) der EZB ausschlaggebend - und hier halte die EZB bislang Kurs. Nach Einschätzung der Postbank dürfte die Notenbank die Unterstützung des Sektors vorerst beibehalten werden. Gegen spürbar höhere Risikoprämien für europäische Unternehmensanleihen spreche auch die hohe Liquidität im Markt. Geldmarktfonds würden aktuell über 100 Milliarden US-Dollar verfügen, die den Unternehmen im Fall einer weiteren Konjunkturabschwächung als eine Art Puffer zugute kommen könnten.

Gleichzeitig habe sich der Cashflow in den Firmen selbst deutlich verbessert. Europäische Emittenten mit einer guten oder sehr guten Bonität (Investment Grade, IG) hätten im 2. Quartal 2021 einen Gewinnanstieg (EBITDA) von 30% im Vergleich zum Vorjahr, Unternehmen aus dem Hochzinssegment (High Yield, HY) sogar von 140% verzeichnet.

Die verfügbaren Daten aus der Eurozone würden darauf hindeuten, dass die Unternehmen in diesem Jahr mehr als 240 Milliarden Euro Eigenkapital aufnehmen könnten. Dies wäre nicht nur der höchste Wert seit 2015. Erstmals seit 2017 dürfte er die Nettoemissionen von Unternehmensanleihen der Region um etwa 70 bis 80 Milliarden Euro übersteigen und damit die Verschuldungsquote der Unternehmen senken. Alles in allem würden die Euro-Rentenmärkte derzeit also über genügend Munition verfügen, um den aktuellen Sorgen um die Wirtschaftskraft zu trotzen. Die Postbank erkenne in dieser Gemengelage sogar begrenztes Potenzial für weiter sinkende Risikoprämien. Auf ihrer Jagd nach Rendite dürften institutionelle Anleger von Staatsanleihen auf bonitätsstarke Unternehmensanleihen ausweichen, während IG-Investoren die HY-Märkte anzapfen könnten. (Perspektiven Oktober 2021) (11.10.2021/alc/a/a)