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Renten: Vor dem Renditeanstieg


09.07.21 09:21
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Eine auf den ersten Blick paradoxe Entwicklung haben US-Staatsanleihen nach der Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve (FED) im Juni genommen, so die Analysten von Postbank Research.

Obwohl die Währungshüter nun mehrheitlich bereits 2023, vereinzelt sogar schon 2022, steigende Leitzinsen erwarten würden und die US-Inflation so hoch wie zuletzt 2008 sei, hätten die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen in den Folgetagen den Rückwärtsgang eingelegt. Papiere mit zehn Jahren Laufzeit seien bis auf 1,36% abgerutscht - offenbar würden die Investoren davon ausgehen, dass die FED mit einer früheren Leitzinsstraffung die Inflation unter Kontrolle halten könne. Für diese Einschätzung spreche, dass die in zehnjährigen US-Treasuries eingepreisten Inflationserwartungen seit der FED-Sitzung um etwa 0,2 Prozentpunkte gesunken seien.

Nach Einschätzung der Postbank sei das nur ein vorübergehendes Phänomen: In einem Umfeld starker Wachstums- und hoher Inflationsraten nehme der Aufwärtsdruck bei den Renditen bereits wieder zu. Ende Juni hätten zehnjährige S-Staatsanleihen bei rund 1,5% rentiert. Inzwischen zeichne sich in den USA auch eine deutliche Arbeitsmarktbelebung ab. Und die geplanten rund vier Billionen US-Dollar schweren Infrastrukturprogramme sollten die Umsätze der US-Unternehmen über Jahre stabilisieren. Gerade erst habe US-Präsident Joe Biden bei Gesprächen mit demokratischen und republikanischen Senatoren erste Fortschritte über Infrastrukturinvestitionen in Höhe von 579 Milliarden US-Dollar erzielt.

Auch die Inflationsdaten in den USA seien wie schon im Vormonat überraschend hoch ausgefallen. Im Vorjahresvergleich seien die Verbraucherpreise im Mai um 5% gestiegen. Für den Zuwachs seien nicht nur höhere Energiepreise verantwortlich gewesen. Gut die Hälfte des Anstiegs habe aus Preiserhöhungen für Gebrauchtwagen, Flüge, Mietwagen, Restaurantbesuche und Hotelübernachtungen resultiert - überwiegend Sektoren, die von einer abflauenden Pandemie profitieren würden. Deshalb sei auch die Kerninflation (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) von 3% auf 3,8% gestiegen.

Bislang hätten die Währungshüter von einer geldpolitischen Straffung abgesehen. Hohe Basiseffekte etwa bei den Energiepreisen oder Preissprünge durch die Lockerung von Corona-Maßnahmen müssten nicht zwangsläufig in eine dauerhaft höhere Inflation münden. Die steigenden Preise seien im Juni nun aber stärker in den Fokus der FED gerückt. Mittlerweile scheinen die FED-Gouverneure ihren Ausblick langsam anpassen zu wollen, damit sich der Markt auf die veränderte Situation vorbereiten kann, so die Analysten von Postbank Research.

Anders als bei Staatspapieren würden Anleihekäufe der FED im Unternehmenssegment nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Währungshüter hätten im März 2020, als die COVID-19-Pandemie eine Panik an den Finanzmärkten ausgelöst habe, die Secondary Market Corporate Credit Facility (SMCCF) ins Leben gerufen, um den Markt für ausstehende Unternehmenspapiere mit Liquidität zu versorgen. Das Volumen der Anleihekäufe, die über die Notfallkreditfazilität bis Ende 2020 getätigt worden seien, sei vergleichsweise gering. Insgesamt habe die FED für 13,7 Milliarden US-Dollar Fonds (ETFs) und Corporate Bonds gekauft. Zum Vergleich: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres hätten US-Unternehmen mit guter oder sehr guter Bonität (Investment Grade, IG) Papiere für insgesamt 697 Milliarden US-Dollar emittiert.

Entsprechend gelassen hätten Investoren auf die Ankündigung der FED reagiert, bis Ende dieses Jahres die ETFs und Unternehmensanleihen zu verkaufen. Die Zusicherung der Notenbanker, auf dem Markt aktiv zu werden, habe seinerzeit schon genügt, um den Markt zu beruhigen. (Perspektiven Juli 2021) (09.07.2021/alc/a/a)