Renten: Nur temporäre Entspannung


15.11.21 10:02
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Trotz der jüngsten Entspannung bleibt das Umfeld für Renten schwierig; aufgrund der erhöhten Inflation heben wir unsere Renditeprognosen für Bunds an, wenn auch nur moderat, so Ulf Krauss von der Helaba.

Im Oktober schien es noch, als ob die Renditen nach oben ausbrechen würden, so die Analysten der Helaba. Im November sehe die Lage schon wieder etwas anders aus. Es gebe dafür mehrere Gründe: Erstens habe die Richtung der US-Renditen wieder gedreht. 10-jährige US-Treasuries hätten nicht ihre Jahreshöchststände vom März bei etwa 1,75% erreicht, sondern seien vorher abgebogen und hätten zuletzt bei rund 1,5% notiert.

Erstens habe die FED zwar ein schrittweises Zurückfahren ihrer Kaufprogramme beschlossen, mit einer schnellen Anhebung der Leitzinsen scheine sie es jedoch weiterhin nicht eilig zu haben. Zweitens habe die Bank of England zuletzt einen Rückzieher gemacht und die avisierte Zinswende verschoben. Drittens sei es der EZB gelungen, die Zinserhöhungsfantasie wieder zurückzudrängen. Die Botschaft wichtiger Mitglieder des EZB-Rats sei relativ eindeutig gewesen: Zinsanhebungen werde es im nächsten Jahr nicht geben und die Anleihekäufe würden in veränderter Form weiter laufen. Die Terminmärkte hätten schnell reagiert. Gegenüber Ende Oktober seien die Sätze von 3M-Geld auf Sicht von zwölf Monaten um immerhin 15 Basispunkte auf rund -0,4% gesunken. Die Inflationserwartungen seien zwar ebenfalls zurückgegangen, würden aber auf einem erhöhten Niveau bei rund zwei Prozent verharren.

Viertens hätten im Hintergrund neue/alte Faktoren eine Rolle gespielt, wie das Aufflammen der Pandemie in Europa, Sorgen über den Zustand der chinesischen Immobilienmärkte sowie Konjunkturunsicherheit wegen der hohen Energiepreise und anhaltend starker Lieferengpässe. Da diese Argumente für Notenbanken wichtige Argumentationshilfen seien, um trotz steigender Inflation weiter auf Zeit zu spielen, seien die Anleger bei Zinswetten zuletzt eher zurückhaltend. Die Put/Call-Ratio beim Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) habe zuletzt im neutralen Bereich gelegen, nachdem vom April bis Oktober der Pessimismus sehr ausgeprägt gewesen sei.

Trotz der jüngsten Entspannung bleibe die Situation für Renten unbequem. Nachdem wir unsere Inflationsprognosen für das kommende Jahr angehoben haben, werden die Bewertungsspielräume für Renditen kleiner, so die Analysten der Helaba. Zwar würden die großen Notenbanken beharrlich an ihrer Meinung festhalten, dass die hohe Inflation nur ein temporäres Ereignis sei. Es stelle sich aber die Frage, wie nachhaltig die EZB den Rentenmarkt nicht nur vor Konjunkturzyklen, sondern auch vor strukturellen Veränderungen im Inflationsumfeld abschirmen könne. Der jüngste Anstieg der US-Teuerung auf 6,2% gg. Vj. habe gezeigt, dass der Druck vorerst sehr hoch bleibe.

Die Analysten der Helaba sähen die Rendite 10-jähriger Bunds daher im Laufe des kommenden Jahres eher über als unter der Nullprozentmarke. Aus geldpolitischer Sicht gelte es dabei, ein Gleichgewicht mit den fundamentalen Marktkräften, die für höhere Renditen sprächen, zu finden. Je größer hier die Kluft sei, desto mehr müsse die Geldpolitik mit Anleihekäufen gegenhalten. Angesichts des ohnehin bereits gewaltigen Instrumenteneinsatzes befinde sich die EZB hier in einem wachsenden Dilemma. (Ausgabe vom 12.11.2021) (15.11.2021/alc/a/a)