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Renten: Die Lage bleibt trotz Stabilitätsbekundungen der Notenbanken angespannt


07.04.21 09:45
PARTNERS VermögensManagement

München (www.anleihencheck.de) - Kaum eine Dekade ist so legendär wie die 1920er Jahre, so die Experten von PARTNERS VermögensManagement.

Die "Goldenen Zwanziger" hätten vor allem in Deutschland einen magischen Klang. Der Erste Weltkrieg, "Spanische Grippe" und Megainflation seien überstanden gewesen. Wirtschaft, Gastronomie, Mode, Theater und das Nachtleben seien aufgeblüht.

Zuvor seien die Menschen durch die Hölle gegangen. Parallelen würden sich eigentlich angesichts der Schrecken der damaligen Zeit verbieten. Doch auch jetzt herrsche mehr Aussichtslosigkeit als Optimismus.

Die dritte Corona-Welle rolle heftiger und tödlicher als zuvor. Ein erneuter Lockdown sei eine Frage von Tagen. Die Konjunkturerholung laufe schleppend. Laut dem Institut für Handelsforschung IFH stehe jedes fünfte Geschäft in Deutschland vor dem Aus. Die konjunkturellen Aussichten seien wirklich schon mal besser gewesen. Die Skepsis nehme zu.

Umso erstaunlicher erscheine es, dass die Börsen nicht schon längst in einer tiefen Depression stecken würden. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall. Zahlreiche Aktien und Indices wie der Deutsche Aktienindex würden neue Rekordstände feiern. Wie könne das sein?

Steigende Aktienkurse trotz großer Skepsis der Marktteilnehmer - diese Konstellation sei gar nicht so ungewöhnlich. Die Finanzmärkte würden das als "Mauer der Angst (Wall of worry)" bezeichnen. Die Anleger hätten Angst vor einem erneuten Konjunktureinbruch. Das verhindere, dass die Kurse zu stark nach oben schießen würden. Noch größer aber sei die Angst, angesichts weiter steigender Kurse die Rally zu verschlafen. Ängstliche Anleger würden an der Seitenlinie sorgenvoll den steigenden Aktienkursen hinterher schauen und schließlich doch kaufen. Denn Anlagealternativen seien unverändert sehr rar. Entlang dieser Wand würden sich die Aktienkurse nach oben hangeln. Erst wenn die Stimmung wieder euphorisch werde oder sich am Markt ernsthafte Alternativen ergeben würden, werde die Luft für weitere Kurssteigerungen bei Aktien dünner.

Ja, was sei denn das gewesen? Die Renditen für langlaufende Anleihen in den USA und in Europa hätten sich tatsächlich von ihren Tiefstständen verabschiedet. In den letzten Monaten sei die Rendite für zehnjährige USA-Staatsanleihen von 0,5 Prozent auf zuletzt 1,75 Prozent gestiegen. Für sichere Anlagen gebe es auf einmal wieder Geld. Doch gemach: So lange die Dividendenrenditen internationaler Qualitätsaktien noch bei 2,5 bis 3,5 Prozent lägen, dürfte keine echte Konkurrenzsituation entstehen. Erst nachhaltig steigende Zinsen seien Gift für Aktien.

Ein Grund für die aktuell steigenden Zinsen sei die deutlich anziehende Inflationserwartung. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erwarte für Deutschland einen kräftigen Anstieg der Inflation von über 3 Prozent in diesem Jahr.

Wenn die Krise vorbei sei, würden viele Menschen verschobene Anschaffungen nachholen. Sie würden mehr einkaufen, mehr in Restaurants gehen und verreisen. Weltweit habe sich nach Experten-Schätzungen ein Konsum-Stau von rund 3.000 Milliarden US-Dollar gebildet. Dieser Nachfrageschub dürfte die Preise kurzfristig steigen lassen. Es könnten sogar Produktengpässe drohen. Hinzu kämen explodierende Rohstoffpreise. Unternehmen sähen sich schon jetzt mit steigenden Preisen für Vorprodukte und Dienstleistungen konfrontiert.

Das kürzlich in den USA verabschiedete Hilfspaket von über 1.900 Milliarden US-Dollar sowie das geplante 3 Billionen US-Dollar-Infrastrukturprojekt würden außerdem das internationale Inflationsgeschehen beschleunigen. Der Chef der amerikanischen Notenbank, Robert Powell, habe zuletzt erst darauf hingewiesen, dass man die US-Wirtschaft weiterhin stützen werde, trotz einer kurzfristig anziehenden Inflation. Einen übermäßigen Preisanstieg werde man jedoch zu bremsen wissen. Das bedeute, dass ein nachhaltiger Zinsanstieg keinesfalls sicher sei.

Geschlossene Geschäfte und Restaurants, verhinderte Urlaubsreisen. Die Pandemie habe auch die Bundesbürger zu Sparfüchsen gemacht. Nach Berechnungen der DZ BANK dürfte das Geldvermögen der privaten deutschen Haushalte im Jahr 2020 um 393 Milliarden Euro auf den Rekordwert von 7.100 Milliarden Euro zugenommen haben. Inzwischen seien demnach mehr als 28 Prozent des gesamten Geldvermögens - rund 2.000 Milliarden Euro - dauerhaft "zwischengeparkt". Das Geld liege vorwiegend in Sichteinlagen, die bei Bedarf rasch umgeschichtet werden könnten.

Durch die erzwungene Enthaltsamkeit der letzten Monate entstehe bei vielen Konsumenten der Wunsch, Entgangenes nachzuholen. Spätestens, wenn die Pandemie beendet oder beherrscht erscheine. Nach Schätzungen des Instituts für Weltwirtschaft würden Konsumenten in Deutschland etwa 200 Milliarden Euro an Kaufkraft zurückhalten. Dieser Konsumstau werde sich auflösen und die Nachfrage ankurbeln.

Psychologen würden von einem Bumerang-Effekt sprechen. Je länger die Phase der Verbote dauere, desto stärker ausgeprägt sei bei Menschen der Nachholeffekt. US-Soziologen sähen sogar Parallelen zu den "Roaring Twenties" des letzten Jahrhunderts. Auch führende US-Wissenschaftler würden von einer Neuauflage der goldenen Zwanzigerjahre sprechen.

Die Frage sei nur, wann? Das ifo-Institut erwarte ebenfalls einen kräftigen Aufschwung. Durch die dritte Corona-Welle werde sich dieser aber nach hinten verschieben. Für das laufende Jahr sehe das Institut ein Wachstum von 3,7 Prozent; im kommenden Jahr von 3,2 Prozent. Dem gegenüber stünden erwartete Corona-Gesamtkosten für Deutschland von mehr als 400 Milliarden Euro. Die Gegenfinanzierung werde nach der Bundestagswahl stärker in den Fokus der Politik rücken.

Zu Beginn eines konjunkturellen Aufschwungs sei es immer gut gewesen, eher ein- statt auszusteigen. Auch wenn die Börsen viel von der erhofften Aufschwungszukunft vorweggenommen hätten, sollten kurzfristige Markt-Korrekturen für den Zukauf von globalen Qualitätsaktien genutzt werden. Diese internationalen Qualitätsaktien würden mittel- bis langfristig ohne Alternative bleiben.

Mit einer größeren Verfügbarkeit und einem stärkeren globalen Einsatz der Impfstoffe deute sich für die zweite Jahreshälfte 2021 eine gewisse Normalisierung der pandemischen Gesamtsituation an. Durch Nachholeffekte bei Konsum und Investition werde die Weltwirtschaft voraussichtlich so stark wachsen wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Somit erscheine es ratsam, Aktienpositionen aus prozyklischen Branchen mit ins Depot aufzunehmen.

Die Lage im Rentenbereich bleibe in einem inflationären Umfeld trotz Stabilitätsbekundungen der Notenbanken weiterhin angespannt. Hier dürften allenfalls ausgesuchte Anleihen im Emerging Market-Segment auskömmliche Renditen bringen. (Ausgabe 2/2021) (07.04.2021/alc/a/a)