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Renten: Aus dem Gleichgewicht


06.08.18 10:45
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Euro-Inflationsrate kletterte im Juli nach erster Schätzung auf 2,1%, so Ulf Krauss von der Helaba.

Die Teuerung habe sich von ihrem Jahrestief bei 1,1% im Februar innerhalb von nur fünf Monaten fast verdoppelt. Antreiber seien spürbar gestiegene Energiepreise gewesen, deren Jahresrate sich im gleichen Zeitraum von 2,1% auf 9,4% mehr als vervierfacht habe. Die Kernrate habe sich dagegen kaum verändert. Sie sei zwar im Juli mit 1,1% stärker gestiegen als erwartet, liege aber immer noch unterhalb der EZB-Komfortzone. Gleichwohl dürfte sich der Druck auf die EZB erhöhen, denn das in fast jeder Pressekonferenz gebetsmühlenartig vorgetragene Ziel von unter, aber nahe 2% sei erstmals seit Ende 2012 sogar überschritten worden. Vermutlich sei dies der Hauptgrund, warum Zinserhöhungsfantasien zuletzt wieder zugenommen hätten. Die Terminmarktsätze für Zwölfmonatsgeld im Euroraum seien in den positiven Bereich zurückgekehrt. Vorausgegangen sei die Ankündigung einer überraschend langen geldpolitischen Time-Out-Phase, was die Anleger auf dem falschen Fuß erwischt habe.

Die Renditen in Deutschland seien zuletzt zwar ebenfalls angestiegen. Mit rund 0,4% notiere der Zins für 10-jährige Bundesanleihen aber immer noch deutlich unter der Inflationsrate. Die Negativzinspolitik der EZB belaste zunehmend Sozialversicherungen, staatliche Fonds und betriebliche Alterskassen. Die gesetzliche deutsche Rentenversicherung weise für 2017 negative Vermögenserträge von fast 50 Millionen Euro aus. Für das laufende Jahr sei mit einem negativen Wert in ähnlicher Höhe zu rechnen. Unabhängig von diesem prominenten Beispiel werde die Lage für viele Versicherer und Kapitalsammelstellen immer schwieriger.

Während die aggregierten Kapitalmarktzinsen der Industrieländer zuletzt auf ein Vierjahreshoch geklettert seien, würden die deutschen Renditen auf niedrigem Niveau stagnieren. Der Abstand sei auf den höchsten Wert seit 1989 angestiegen, getragen insbesondere vom Kaufprogramm der EZB, aber auch vom Abbau der Staatsverschuldung in Deutschland. Safe-Haven-Kapitalflüsse würden ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, wie der renditesenkende Effekt der jüngsten politischen Turbulenzen in Italien erneut gezeigt habe. Es seien aber auch unterschiedliche Notenbankstrategien, zuletzt sichtbar u.a. an der Zinserhöhung der Bank von England, die verantwortlich für diese Ungleichgewichte bei Renten seien. Die extreme Geldpolitik der EZB strahle dabei auch auf die Devisenmärkte aus, was letztlich den politischen Druck erhöhe. So setze sich die EZB durch die Manifestierung der Negativzinsen dem Vorwurf aus, den Euro künstlich zu schwächen. Vielleicht seien es auch solche Argumente, die letztlich zum Umdenken beitragen würden. (Ausgabe vom 03.08.2018) (06.08.2018/alc/a/a)