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Die Renditekurven verschieben sich


13.01.22 08:30
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Jahresauftakt hatte es an den Aktien- und Rentenmärkten bereits in sich, so die Experten von Union Investment.

So sei am US-Staatsanleihenmarkt die Rendite zweijähriger Treasuries gegenüber Ende Dezember um 13 Basispunkte (BP) auf 0,86 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Anfang März 2020 gestiegen. Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries habe 25 BP auf 1,76 Prozent (Schlussstände 7. Januar) zugelegt. Nach der Vorlage der Minutes der Dezember-Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve (FED) habe der Markt nun eine gestiegene Wahrscheinlichkeit (rund 85 Prozent) für eine Leitzinserhöhung im März eingepreist.

Dies sei auf der Aktienseite nicht ohne Folgen geblieben. Hier habe sich eine ausgeprägte Faktorrotation gezeigt: Wachstum (Growth) und Momentum hätten stark nachgegeben, während Value und Zykliker zugelegt hätten. Für den Growth-Faktor sei es der schwächste Start ins Jahr seit 1995 gewesen. So habe der Russell 1000 Growth-Index rund 5,5 Prozent (Schlusskurs 7. Januar) verloren, während der Russell Value Index um 0,6 Prozent gestiegen sei. Damit habe sich das Bild akzentuiert, dass in den USA bereits seit längerem zu beobachten sei: Die Faktoren Growth und Momentum würden ihren langjährigen Vorsprung gegenüber Value abbauen, also gegenüber Aktien von Unternehmen mit günstiger Bewertung oder hohem Substanzwert in Form von stabilem und eher mäßigem Gewinnwachstum.

Bei den drei am meisten betrachteten Indices in den USA habe sich ein ähnliches Bild gezeigt. Der technologielastige Nasdaq Composite-Index sei seit Jahresbeginn 5,6 Prozent und der marktbreitere S&P 500-Index 2,5 Prozent gefallen, während der industrielastige Dow Jones Industrial-Index, der mehr zyklische Werte enthalte, nur 0,9 Prozent verloren habe. Die aktuelle Verkaufswelle habe besonders die nicht-profitablen US-Tech-Aktien getroffen.

Für die kräftige Rotationsbewegung seien verschiedene Faktoren verantwortlich gewesen. Zum einen hätten sich angelsächsische Hedge Fonds neu positioniert. So sei etwa die Netto-Gewichtung des Value-Faktors unter von der US-Investmentbank Goldman Sachs befragten Hedge Fonds auf ein Fünf-Jahres-Hoch gestiegen. Auch seien Aktien aus dem Technologie-, Medien- und Telekommunikations-Sektor auf Netto-Basis vergleichsweise stark untergewichtet und zyklische Titel im Gegenzug übergewichtet worden.

Den Anlass dafür dürften abgesehen von neuen Risikobudgets für 2022 auch die geldpolitischen Erwartungen in den USA sowie eine anhaltend hohe Inflationserwartung gegeben haben. Hintergrund sei das intakte Wachstumsbild der US-Konjunktur. Anders als in Europa sei dort die gesamtwirtschaftliche Produktionslücke inzwischen geschlossen, die Wirtschaft befinde sich bereits in einer Phase der Überauslastung. Auch scheinen die Wachstumsrisiken, die mit der Corona-Variante Omikron verbunden sind, derzeit verkraftbar zu sein, und auch der US-Arbeitsmarkt erholt sich dynamisch, so die Experten von Union Investment. Das Beispiel Südafrika, wo Omikron erstmals nachgewiesen worden sei, sowie die Erfahrungen in Großbritannien würden nahelegen, dass die Gefährlichkeit von Omikron und damit das Risiko von Krankenhauseinweisungen und schweren Verläufen geringer sein dürfte, als zunächst befürchtet. Damit sollten breite Lockdowns für Verbraucher und Unternehmen ausbleiben. Auch die Experten von Union Investment würden ein weiterhin robustes Wirtschaftswachstum erwarten.

Um der gestiegenen Inflation gegenzusteuern, verfolge die US-Notenbank FED daher einen restriktiveren Kurs. Bereits im Dezember habe sie angekündigt, ab Januar 2022 das Tapering-Tempo von monatlich 15 auf dann 30 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Damit würden die Nettoanleihekäufe bereits Mitte März auf null heruntergefahren sein. Am 5. Januar sei aus den Protokollen der Dezember-Sitzung deutlich geworden, dass die FED früher (möglicherweise schon im März) oder rascher ihren Leitzins anheben könnte. Auch sei daraus hervorgegangen, dass die FED dieses Mal weniger lang mit dem Beginn des Bilanzabbaus warten könnte als im letzten Zinsanhebungszyklus.

Vor diesem Hintergrund seien auch die Realrenditen etwas gestiegen, würden aber weiter im negativen Bereich bleiben. In einem Umfeld steigender Zinsen und Renditen würden sich Wachstumstitel vergleichsweise weniger gut entwickeln. Diese Aktien seien oft durch einen stetigen Gewinn-Strom gekennzeichnet, dessen Auszahlung aber (weit) in der Zukunft liege. Vereinfacht gesagt hätten die lockere Geldpolitik und der Rückgang der Anleiherenditen sehr lange die Bewertungen von Growth-Aktien zusätzlich unterstützt. Umgekehrt würden davon Value-Titel von einem Renditeanstieg weniger belastet, sie würden also einen gewissen Schutz in einem solchen Umfeld bieten.

Bei Anlageentscheidungen gelte es noch mehr als zuvor zu prüfen, wie profitabel ein Unternehmen in einem Umfeld steigender Finanzierungskosten arbeiten könne. Aktien, die "Glaubenssache" seien, also erst mit Blick auf eine mögliche Erschließung eines großen Absatzmarktes ihre hohe Bewertung rechtfertigen könnten und noch unprofitabel seien, hätten es da schwerer. Zinsempfindliche Aktien etwa aus dem Bankensektor dagegen hätten Rückenwind durch steigende Erträge etwa im Kreditgeschäft. Auch Unternehmen, die von einer Wiedereröffnung der Wirtschaft nach der Aufhebung von Corona-Maßnahmen profitieren würden (Re-Opening), oder Titel aus dem Energie- und Rohstoffbereich sowie Zykliker würden in einem diversifizierten Portfolio Chancen bieten und dazu beitragen, eine ausgeglichenere Gewichtung der verschiedenen Faktoren zu erreichen.

Dies spreche auch für typische Value-Regionen wie etwa Europa als Anlagealternative zu den USA, da die Bewertungen niedriger seien. Zudem habe die europäische Wirtschaft noch Aufholpotenzial und der Druck, die Zinsen anzuheben, sei weniger ausgeprägt als in den USA. Was der "Value-Trend" ausmache, lasse sich an der besseren Wertentwicklung des STOXX Europe 600-Index gegenüber dem S&P 500-Index in den vergangenen Tagen ablesen. Generell bleibe aber das Umfeld für Aktien auch in einem etwas restriktiveren geldpolitischen Umfeld gut. Viele Unternehmen würden weiter über eine gute Preissetzungsmacht verfügen und dürften auch in einem Umfeld mit erhöhter Inflation in der Lage sein, ihre Margen zu schützen und die Gewinne auszubauen. Zugleich ist die US-Wirtschaft nach Einschätzung der Ökonomen von Union Investment stark genug, um auch raschere Zinsanhebungen gut zu verkraften, so die Experten von Union Investment. (Ausgabe vom 12.01.2022) (13.01.2022/alc/a/a)