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Reichen grüne Anleihen aus, die CO2-Ziele zu erreichen?


07.10.21 10:00
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Ende 2020 beschloss die Europäische Union, ihre Umweltziele nach oben zu korrigieren, so Gaël Binot und Hervé Chatot, Emerging Markets Fixed Income Manager bzw. Cross Asset Manager bei La Française Asset Management.

Sie peile bis 2030 eine Verringerung der Treibhausgasemissionen um 55% gegenüber dem Niveau von 1990 an und habe damit das bisherige Ziel von 40% ersetzt. Dieses neue Ziel "im Einklang mit dem Pariser Abkommen zur Begrenzung des Temperaturanstiegs auf deutlich unter 2°C" habe zu einer verstärkten Bereitschaft der EU-Mitgliedstaaten geführt, Investitionen in den grünen Wandel zu beschleunigen, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu bekämpfen.

Ein Drittel des europäischen Konjunkturprogramms NextGenerationEU (NGEU) in Höhe von 750 Milliarden Euro solle bis 2026 zur Finanzierung von Umweltprojekten verwendet werden. Um dieses Ziel zu erreichen, werde die Europäische Kommission über die nächsten fünf Jahre grüne Anleihen im Wert von 250 Milliarden Euro ausgeben und damit zum größten Emittenten von Green Bonds werden. EU-Kommissar Valdis Dombrovskis habe erklärt: "Europa wird jährlich rund 350 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen benötigen, um sein Emissionsziel für 2030 allein im Bereich der Energiesysteme zu erreichen."

Die EU entwickele derzeit eine Reihe von Regulierungsmaßnahmen, um die Markttransparenz zu gewährleisten und Investoren zu echten grünen Investitionen zu bringen.

In Europa würden die ersten grünen Emissionen auf Basis der derzeitigen Marktpraktiken erfolgen, da der künftige europäische Standard (Taxonomie) für grüne Emissionen frühestens in einem Jahr verfügbar sein werde. Diese Praktiken würden auf dem freiwilligen Standard der International Capital Market Association (ICMA) und ihren vier Grundsätzen ("Green Bond Principles") beruhen: Verwendung der Erträge, Bewertungs- und Auswahlverfahren, Verwaltung der Erträge und Berichterstattung. Ziel dieser Verordnung sei es, die Markttransparenz zu gewährleisten, um Investoren zu wirklich grünen Investitionen zu lenken.

Ende 2020 habe sich der Gesamtumfang der von Staaten emittierten grünen Anleihen weltweit auf 88 Milliarden US-Dollar und in Europa auf 77 Milliarden US-Dollar belaufen. Im Vergleich zum Gesamtvolumen der globalen und europäischen Staatsanleihen sei die Größe dieses Marktes jedoch noch relativ unbedeutend. Um die Ziele der Staaten in puncto Dekarbonisierung der Wirtschaft zu erreichen, sei der Investitionsbedarf für energiebezogene Infrastrukturen jedoch immens. Die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) schätze, dass zwischen 2016 und 2050 110 Billionen US-Dollar für die Schaffung eines kohlenstoffarmen Energiesystem benötigt würden. Die Finanzierung dieses Bedarfs mache Green Bonds zu einem boomenden Markt mit großem Wachstumspotenzial.

In Spanien habe das spanische Finanzministerium auf der Grundlage des "Green Bond Framework" einen Finanzrahmen von 13,6 Milliarden Euro für grüne Staatsausgaben im Zeitraum 2018-2021 festgelegt. Am 7. September habe Spanien seinen ersten Green Bond über 5 Milliarden Euro mit Rückzahlung im Juli 2042 begeben und sich damit zehn anderen EU-Ländern angeschlossen, die bereits grüne Anleihen ausgegeben hätten: Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Irland, Schweden, Polen, Ungarn, Litauen und seit kurzem auch Italien (8,5 Milliarden Euro im März 2021).

Diese erste spanische grüne Emission sei ein Erfolg gewesen und habe mehr als 60 Milliarden Euro von Investoren eingebracht. Die jährliche Rendite in Euro habe 1,034% betragen. Nach dieser ersten spanischen Emission habe auch Deutschland am 8. September eine neue grüne Anleihe mit einem Emissionsvolumen von 3,5 Milliarden Euro aufgelegt, die im August 2031 fällig werde. Das wachsende Interesse der Anleger spiegele sich in der grünen Prämie - einem "Greenium" - von 4,4 Basispunkten im Vergleich zu der einige Monate zuvor emittierten herkömmlichen Anleihe mit der gleichen Laufzeit wider.

Die Europäische Kommission habe die erste grüne Emission im Rahmen des 250-Milliarden-Euro-Programms für den Monat Oktober angekündigt. Der Umfang der grünen EU-Emissionen werde Europa zu einem weltweit führenden Akteur im Bereich der nachhaltigen Finanzierung machen. Diese erste Emission sei auch ein erster Schritt zur Schaffung einer grünen Zinsstrukturkurve, die in Zukunft als Maßstab für grüne Euro-Emissionen europäischer Staaten dienen werde.

Der künftige Bedarf an grünen Finanzierungen, die Zusage der europäischen Behörden, Mittel für Projekte im Kampf gegen den Klimawandel bereitzustellen, und der jüngste Appetit der Investoren auf europäische grüne Emissionen würden darauf hindeuten, dass es eine Nachfrage auch nach dieser Erstemission geben werde.

In den kommenden Jahren würden weitere Staaten grüne, soziale und nachhaltige Anleihen ausgeben. Es werde von entscheidender Bedeutung sein, dass die Verwendung der Mittel für Umwelt- und Nachhaltigkeitsprojekte usw. durch einen verbindlichen internationalen Standard überprüft werden könne. Um die Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen für 2030 und 2050 zu erreichen und den Energiemix der Länder zu verändern, werde die Ausgabe grüner Anleihen allein jedoch nicht ausreichen. Das Vorzeige-Klimaprojekt der EU, das Europäische Emissionshandelssystem (EU ETS), müsse dazu beitragen, dass Investitionen in regulatorisch abgestimmte Aktivitäten fließen und den Wandel in allen beteiligten Sektoren beschleunigen würden. (07.10.2021/alc/a/a)