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Österreich: Hohe Inflation, heiße Herbstlohnrunde?


08.09.21 12:43
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Österreich ist keine Insel; externe Faktoren sind somit auch in Österreich für den sich in den letzten Monaten vollzogenen deutlichen Inflationsanstieg verantwortlich, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

So habe die Inflationsrate in Österreich im August gemäß vorläufiger Veröffentlichung von Statistik Austria mit 3,1% im Jahresvergleich die 3% Marke übersprungen. Damit habe die Teuerungsrate den höchsten Stand seit Dezember 2011 erreicht. Natürlich seien für den Anstieg Basis- und Öffnungseffekte maßgeblich, wie schon seit dem 2. Quartal. Aufgrund der internationalen Rohstoff- und Vorproduktpreise und der Basiseffekte dürften die Verbraucherpreise ihre höchste Steigerungsrate im 4. Quartal erreichen. Aufgrund der niedrigen Teuerungsraten von +1,3% im letzten Jahresviertel 2020, maßgeblich getrieben durch die damals implementierten neuerlichen shutdowns/lockdowns lägen die Indexwerte vergleichsweise tief. Selbst stagnierende Ölpreise zwischen USD 70 und 75 und stabile Rohstoffpreise inklusive agrarischer Produkte würden zu einem weiteren Anstieg der heimischen Teuerungsrate im Oktober/November 2021 führen. Aus heutiger Sicht könnten dann +3,5% erreicht werden. Dafür spreche auch der starke Anstieg der Produzentenpreise mit zweistelligem Anstieg und auch die Baukostenverteuerung von über 13%.

Spätestens ab dem März 2022 sollte sich aber die Rate der Verbraucherpreise wieder spürbar zurückbilden. Unsere Schätzung für den Jahresdurchschnitt 2021 liegt bei 2,6% (2020: 1,4%), 2022 erwarten wir einen schrittweisen Rückgang, sodass wir im Jahresdurchschnitt bei rund 2,0% landen, so die Analysten der RBI. Damit dürfte die Teuerung weiterhin höher ausfallen als in der gesamten Eurozone. Die in den letzten Jahren zu beobachtende Inflationsdifferenz gegenüber der Währungsunion sei dabei im Allgemeinen den administrierten Preisen und jenen bei Dienstleistungen und im Speziellen den Preisen in der Hotellerie und Gastronomie geschuldet.

Allerdings gebe es zwei Unsicherheitsfaktoren, die die Inflationsrate 2022 maßgeblich beeinflussen würden: 1. die Rücknahme der ermäßigten Umsatzsteuersenkung auf 5%, die am Jahresende 2021 auslaufe, und 2. die von Vizekanzler Kogler angekündigte CO2-Steuer ab 2022. Da die vorübergehende USt-Senkung als Hilfe für die Unternehmen gedacht gewesen sei, habe sie auch keine preissenkende Wirkung ab Juli 2020 entfaltet (im Gegensatz zur USt-Senkung in Deutschland). Ob die USt-Anhebung auf 10% daher zu Preiseffekten führe, sei offen. Immerhin betrage der Anteil der Waren und Dienstleistungen von Tourismus, Kultur, Sport, Bildung rund 15% des gesamten Warenkorbes, sei also nicht unerheblich.

Hinsichtlich der Einführung einer CO2-Steuer werde von einem Einführungspreis von EUR 25/Tonne gesprochen. Das entspreche genau den Werten, die Deutschland 2021 für Verkehr und Gebäude implementiert habe. Die daraus resultierenden Effekte auf den Verbraucherpreisindex habe der deutsche Sachverständigenrat in einem Gutachten mit +0,5 Prozentpunkten im ersten Jahr an direktem preiserhöhendem Effekt und mit zirka einem Prozentpunkt inklusive indirekter Auswirkungen berechnet.

Sollte also die CO2-Steuer ähnlich konzipiert sein wie in Deutschland, dann würde das inklusive der USt-Rückführung einen Aufschlag auf die Konsumentenpreis-Schätzungen von rund 0,7 bis 1,0 Prozentpunkte bedeuten. Bei der CO2-Steuer komme es darauf an, ob sie wie in Deutschland dann jährlich einen höheren Betrag ansetze, und mit leichter Degression dann auch in Zukunft auf den Verbraucherpreisindex einwirke.

Was bedeute die aktuelle und absehbare Inflationsdynamik für die am 23. September 2021 startenden Lohnverhandlungen in der Metallindustrie? Die genannten Unsicherheitsfaktoren hinsichtlich der Inflationsrate für 2022 dürften als weitere Argumente für stärkere Lohnerhöhungen dienen. Mit 1,45% sei im vergangenen Jahr der COVID-19-Pandemie Rechnung getragen worden. Diesmal werde es einen deutlich höheren Abschluss geben, zumindest wenn man die Äußerungen der Gewerkschaftsvertreter verfolge.

Normalerweise werde die Inflationsrate der letzten zwölf Monate für die Verhandlungen der Metaller zur Grundlage der Lohnabschlüsse genommen. Dies wäre die Periode von September des Vorjahres bis August des laufenden Jahres. Der Durchschnitt für die jüngste 12-Monatsperiode sei mit den vorläufigen Augustzahlen auf 1,9% angestiegen. Vergleiche man nun diese Teuerung mit der Ausgangsposition der vergangenen Jahre, in denen die Teuerung ebenso leicht unter der 2%-Marke gelegen sei, dann würde das einen Abschluss von 2,8% bis ca. 3,2% nahelegen. Da die CO2-Besteuerung erst im Rahmen der Budgeterstellung im Laufe des Monats Oktober durchsickern dürfte, könnte sich die Verhandlungsdauer im Herbst 2021 etwas mehr in die Länge ziehen. Ein Abschluss bis an die 3% Marke würde aber im Metallsektor noch verkraftbar sein. Hier liege die Produktivitätsrate stets deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Außerdem dürften die Unternehmen auch 2022 einen besseren Preisüberwälzungsspielraum als in der Vergangenheit haben, sodass sie mit solchen Lohnerhöhungen noch leben könnten.

Aufgrund der Beispielfunktion der Metallabschlüsse werde es interessant, wie die anderen weniger produktivitätsfortschrittlichen Sektoren ihre Positionen beziehen würden. Hier seien klarerweise geringere Lohnabschlüsse - möglicherweise wieder einkommensmäßig gestaffelt - zu erwarten. Mit 2,0% bis 2,5% im Schnitt könnte ein wirtschaftsverträgliches Lohnabkommen angestrebt werden, das auch den Arbeitnehmern für 2022 einen Reallohnanstieg auf Basis der bestehenden Prognosen (ohne CO2-Steuer) bescheren könnte. Lohnanstiege und bessere Möglichkeiten der Preisüberwälzungen dürften Österreich auch in Zukunft über dem Euro-Schnitt liegende Verbraucherpreisanstiege bescheren. (08.09.2021/alc/a/a)